Beitrag vom 07.10.2011

Fragmente einer Sprache des Lebendigen

 Wie viele andere Beobachter in aller Welt, brannte auch ich gestern mittag darauf, zu erfahren, an wen der diesjährige Literaturnobelpreis gehen würde. Dass Bob Dylan, der sich zu einer Art ewigen Anwärters entwickelt hat, den begehrtesten Preis des Literaturbetriebs auch in diesem Jahr nicht abräumen würde, war klar. Fast ebenso klar war, dass ihn auch zwei meiner persönlichen Favoriten, Don DeLillo und Peter Handke, nicht bekommen würden – zu US-amerikanisch der eine, zu verquer in seinen politischen Ansichten und zu deutschsprachig der andere, wo doch die Quote der germanophonen Literatur im vergangenen Jahrzehnt mit Günter Grass, Elfriede Jelinek und Herta Müller mehr als erfüllt worden war. Dass er dem durchaus preiswürdigen australischen Lyriker Les Murray zugesprochen würde, hätte ich zwar begrüßt, aber ich glaubte nicht ernsthaft daran.
Als die Entscheidung dann auf Tomas Tranströmer fiel, fragte ich mich, vermutlich ebenso wie viele andere Beobachter in aller Welt: Wer ist Tomas Tranströmer? Während ich die Begründung der Jury las, in der es hieß, mit seinen verdichteten, lichtdurchlässigen Sprachbildern weise er einen neuen Zugang zum Wirklichen, überkam mich der Anflug einer Ahnung, dass mir der Name Tomas Tranströmer bereits begegnet war, nur wo? Ein Naturlyriker, irgendwo zwischen Walt Whitmans und Gary Snyder angesiedelt, schien er zu sein, der eine knappe Form kultiviert, bei der er in zehn Worten sagt, wofür andere hundert bräuchten (Heinrich Detering, Frankfurter Allgemeine Zeitung). Dann wurde mein Blick zum Bücherregal hinter mir gelenkt und sog sich fest an einem bemerkenswerten Buch von David Abram. Die Spur war heiß und wurde heißer. Einem Kapitel, so meinte ich mich zu erinnern, war ein Motto von Tomas Tranströmer vorangestellt. Es handelt sich um folgenden Auszug aus Tranströmers Gedicht »Im März ’79« aus dem 1985 auf Deutsch erschienenen Lyrikband »Der wilde Marktplatz«:

Überdrüssig aller, die mit Wörtern, Wörtern, aber keiner Sprache daherkommen, / fuhr ich zu der schneebedeckten Insel. / Das Wilde hat keine Wörter. / Die ungeschriebenen Seiten breiten sich nach allen Richtungen aus! / Ich stieß auf Spuren von Rehhufen im Schnee. / Sprache, aber keine Wörter.

Dass David Abram diese Worte – oder sollte man sie besser »Sprache« nennen? – in seinem Buch »Im Bann der sinnlichen Natur« zitiert, ist kein Zufall, denn auch dort geht es um Sprach- oder »Wörter«-Kritik. Das poetisch-philosophische Werk, an dessen Übersetzung mein Oya-Kollege Jochen Schilk und ich beteiligt waren, gilt in den USA bereits als Kult-Buch. Auch hierzulande hat die amerikanische Ausgabe die Herzen von Landart-Künstlern und Naturphilosophen erobert. So bezeichnete Oya-Autor Andreas Weber es bereits in seinem 2007 erschienenen Buch »Alles fühlt« als »Meileinstein«. Es ist uns auch eine besondere Ehre, dass Andreas Weber das Vorwort für dieses demnächst im Drachen Verlag erscheinende Buch verfasste.
In wenigen Monaten wird es das Buch hoffentlich auf Deutsch zu lesen geben. Es wird sicher auch für viele Oya-Leser eine Bereicherung sein, denn ähnlich wie die Dichter Whitman, Snyder und Tramströmer forscht auch der Naturphilosoph Abram, nach einer Poetik, einer Sprache und einer Kultur des ungezähmt Lebendigen, die nicht Klischees von Wildnis-Survival oder Edlen Wilden bedienen, sondern danach fragen, wie wir von einer chronischen Naturferne hin zu einer Verbundenheit mit allem Leben finden können.

geschrieben von Matthias Fersterer
am 07.10.2011


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