Beitrag vom 27.09.2011

Internationaler Tag des Geldverschenkens

Nicht nur in Irland, Frankreich und Deutschland, auch in Mexiko, Vietnam und Pakistan verschenkten am 15. September 2011 Menschen ihr Geld an Fremde und Passanten in Fußgängerzonen oder auf öffentlichen Plätzen. Bei insgesamt 61 Aktionen in 40 Städten und 17 Ländern haben sie dabei gut 2000 Euro verteilt. Viele Empfänger - waren es Kanadier, Argentinier, oder US-Amerikaner - wunderten sich darüber. “Manche haben mich gefragt, warum ich das tue und manche waren einfach froh über das Geld”, sagt Raf Manji aus Riccarton in Neuseeland. “Die Leute konnten einfach nicht glauben, dass es wirklich umsonst war und ich keine Gegenleistung von ihnen erwarte”, staunte Raf Manji. Die Aktion machte nicht einmal Werbung für irgendein neues Produkt.

Der sogenannte “Free Money Day”, also der Tag des Geldverschenkens, war der erste weltweite Aktionstag für eine Postwachstumsökonomie. Er stieß Gespräche an über alternative Ökonomien, die auf dem Prinzip des Teilens beruhen statt auf Tausch, Wettbewerb und Konkurrenz. “Wenn es für uns alle leichter wäre zu geben, dann wären wir auch glücklicher,” schreibt mir Helen McSweeney, “es geht mir bei der Aktion nicht darum, gut dazustehen. Ich möchte Menschen animieren, das Selbe zu tun wie ich.” Die Frau aus Derby in Großbritannien kann seit Jahren krankheitsbedingt nicht arbeiten und hat nur sehr wenig Geld. Ihr gefiel jedoch die Idee des Aktionstages, und zwar ist es die des Teilens in Gemeinschaften, des Miteinanders in Nachbarschaften. Trotz ihrer prekären finanziellen Lage entschied sie sich mitzumachen. Statt wenige Cent an viele Menschen zu verteilen, legte sie das Geld in einem Umschlag und steckte ihn zusammen mit einem Brief anonym in den Briefkasten des Hauses einer ihr unbekannten Familie. “Egal wie viel die Menschen geschenkt bekamen, sie haben angefangen über ihr Verhältnis zum Geld nachzudenken”, erinnert sich Raf Manji.

Das australische Post-Wachstums-Institut hat den Aktionstag ins Leben gerufen. Donnie Maclurcan, der Mitgründer dieser Bewegungsorganisation, sieht bereits heute zahlreiche Alternativen für nachhaltige Ökonomien wachsen. “Solidarische Unternehmen und kollektive Produktionsmuster zeigen den Weg zu einer stationären Wirtschaft auf”, so Maclurcan. Solch ein Wirtschaftsmodell würde innerhalb der ökologischen Grenzen, die seit den 1970er Jahren global gesehen überschritten werden, wirtschaften. Es erkennt auch soziale Grenzen für Wirtschaftswachstum an, denn das Wohlbefinden einer Gesellschaft wächst ab einem bestimmten Einkommensniveau nicht mehr mit der Anhäufung materieller Güter mit.

Doch bisher ist außerhalb der eigenen Kreise von Kommunen, Umweltwissenschaftlern und Aktivisten nicht viel bekannt von den Elementen einer Postwachstumsökonomie. Lokale Währungen sind ein Beispiel dafür. Sie halten den Wert der Güter dort, wo sie produziert wurden. Stärken lokale Wirtschaftskreisläufe dort, wo regionale Wirtschaften besonders gut sind. Aber in den Gesprächen in den Einkaufspassagen und Parks Mitte diesen Septembers ging es auch um Carsharing, Waschminuten und Gemeinschaftsgärten. Diesen Beispielen liegt nicht das Prinzip des Eigentums zu Grunde. Stattdessen fördern sie die Idee, Dinge zu besitzen solange man sie selbst nutzt, um sie anschließend an andere weiterzugeben.

All dies sind “Halbinseln gegen den Strom”, wie die Ökonomin und Feministin Friederike Habermann schreibt. Bislang werden sie von einigen kleinen Initiativen angestoßen. Solch ein Aktionstag dient mit Sicherheit ihrer Vernetzung. Von einer globalen Postwachstums-Bewegung sind sie aber noch weit entfernt. So kann der Tag des Geldverschenkens auch nicht mehr als ein kleiner Schritt hin zu einer Postwachstumsökonomie sein. Möge diese kreative und witzige Aktion das Bewusstsein innerhalb der Umweltbewegung und den globalisierungskritischen Kreisen geschärft und darüber hinaus in anderen Teilen der Bevölkerung für Alternativen zum gegenwärtigen Wirtschaften geweckt haben. Doch die Botschaften der Postwachstumsinitiativen sind oftmals noch nicht anschlussfähig genug an gegenwärtige Denkmuster und Handlungsweisen. Dennoch: Sie durchzusetzen ist bitter nötig, denn das wachstumsbasierte Wirtschaftsmodell der Gegenwart entspricht längst überholten Annahmen. Die Idee der Postwachstumsökonomie legt den Grundstein für einen radikalen, partizipativen Systemwandel.

Zum Tag des Geldverschenkens und der Postwachstumsökonomie:

http://www.freemoneyday.org
http://postgrowth.org
http://www.jenseits-des-wachstums.de

Anja Humburg

geschrieben von Anja Humburg
am 27.09.2011


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