Beitrag vom 08.09.2011

Herbizid-Unfall rund ums Oya-Büro

Es ist mal wieder so weit: Nachdem wir die letzte Oya in Druck gegeben hatten, spritze am 21. August der lokale Agrarindustrielle auf einem riesigen Feld hinter dem Dorf Klein Jasedow, in dem Oya entsteht, ein Herbizid mit dem Wirkstoff Clomazone auf den frisch eingesäten Raps. Mehrere Tage lang stank es im ganzen Ort erbärmlich, und alle klagten über Atemwegs- und Kreislaufbeschwerden. Nach etwa zehn Tagen färbten sich die Vogelmiere und andere empfindliche Kräuter im Garten weiß. Damit hatten wir weiß auf grün wieder einmal den Beleg dafür, dass das Herbizid Schäden weit abseits der Felder anrichtet, obwohl es nach Vorschrift angewendet wird.
Erstmals gab es im Jahr 2001 in Klein Jasedow so einen Herbizid-Unfall. Damals bedeutete es fast das Aus für den damals neu gegründeten Betrieb Kräutergarten Pommerland aus dem Nachbarort, denn dessen erste Ernte war von Clomazone vernichtet worden. Das gab einen großen Aufschrei in der Presse, und seitdem sind wir mit dem Landwirtschaftsministerium in einem intensiven Dialog. Anfangs versuchte man uns dort als hysterische Ökos abzuwimmeln, aber wir ließen nicht locker, und mit der Zeit entwickelten selbst im Ministerium die Fachleute eine kritischen Haltung gegenüber Clomazone. Auch in den Jahren 2003, 2004 und 2007 traten wieder Schäden auf, und wieder klagten die Betroffenen über Gesundheitsbeschwerden.
Der Fall in diesem Jahr hat das Fass zum Überlaufen gebracht. Nachdem wir das Ausmaß der Schäden und gesundheitlichen Beeinträchtigungen bei den Ämtern und im Ministerium gemeldet hatten, schrieb der Landwirtschaftsminister Till Backhaus einen Brief an Bundesministerin Ilse Aigner mit der Bitte, Clomazone zu verbieten. Das Bundesammt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit erließ eine »Ruhensanordnung«, die die weitere Anwendung Clomazone-haltiger MIttel bis auf weiteres untersagt.
Ein Koordinator der Pflanzenschutz-Ämter im Land besuchte Klein Jasedow in der letzten Woche und erklärte, inzwischen plädiere man in M-V auf allen Fachebenen für den Verbot zu Clomazone. Das Problem sei aber, dass die anderen Bundesländer nicht mitziehen. Dort würden keine Schäden gemeldet, und so wird nicht genügend Druck gegen Syngenta, Monsanto & Co aufgebaut, die selbstverständlich massiv Lobbyarbeit für Mittel mit diesem Wirkstoff betreiben.
Die Betroffenen Menschen in Klein Jasedow haben nun die Bürgerinitiative »Landwende« wieder aktiviert. Sie setzt sich für eine deutschlandweite Aufklärung über Herbizide und insbesondere Clomazone ein. Nur wer weiß, wie Clomazone wirkt, kann auch die Schäden melden, und das ist wichtig, damit das Mittel vom Markt verschwindet.

Auf www.landwende.de wird die folgende Strategie empfohlen:

Wurde in Ihrer Nähe Raps ausgesät und unmittelbar danach gespritzt? Entdecken Sie helle Verfärbungen an sogenannten Zeigerpflanzen wie Vogelmiere, Melde, Brombeeren, Himbeeren, langen Blattgräsern, Rosengewächsen und jungen Pappeln? Auch frische Löwenzahntriebe und Brennesseln zeigen Verfärbungen. Wie weit ziehen sich diese weiß gewordenen Pflanzen in umliegenden Gärten oder öffentliche Plätze?
Wenn Sie Schäden dieser Art entdecken:
• Rufen sie das zuständige Pflanzenschutzamt an, und bitten Sie umgehend um einen Ortstermin zur Aufnahme des Schadensbilds. Melden Sie den Schaden dem Landwirtschaftsministerium. Berichten Sie von den bekannten Fällen in Mecklenburg-Vorpommern, und ermuntern Sie die Beamten, beim Minister für ein Verbot von Clomazone zu plädieren.
• Informieren Sie Biobauern in Ihrer Umgebung und fragen Sie, ob sich diese in der Vergangenheit an weiß gefärbte Kräuter wie z.B. Vogelmiere im Spätsommer erinnern. Bitten Sie die Ökobetriebe, bei solchen Fällen Beschwerde beim Pflanzenschutzamt und Landwirtschaftsministerium einzulegen.
• Wenn Sie selbst von Clomazone-Schäden betroffen sind: Bringen Sie in Erfahrung, wann das Mittel ausgebracht wurde und dokumentieren Sie eventuelle Gesundheitsbeschwerden von Ihnen und Ihren Nachbarn in der fraglichen Zeit (ca. 10 bis 14 Tage nach Ausbringen des Mittels.). Setzen Sie sich deswegen mit Ihrem Hausarzt und den Gesundheitsämtern in Verbindung. Es ist wichtig, den Arzt aufzusuchen, denn die vermeintliche leichte Spätsommergrippe könnte eine Auswirkung des Spritzmittels sein. Da die Gesundheitsbeschwerden als »unspezifisch« gelten, kann nur über dokumentierte Arztbesuche eine zeitliche Übereinstimmung mit dem Ausbringen der Chemikalie festgestellt werden.
Für die Kommunikation vor Ort ist wichtig zu verstehen, dass der örtliche Landwirt in der Regel keine Schuld an der Abdrift des Mittels trägt. In den allermeisten Fällen wird es entsprechend den technischen Vorschriften und »nach guter fachlicher Praxis« angewendet. Die Abdrift ist Ergebnis der chemischen Eigenschaften des Wirkstoffs Clomazone, das einen hohen Gasdruck bereits bei relativ niedrigen Temperaturen aufweist. Das Problem sind also nicht unmittelbar die Landwirte, sondern die Herstellerfirmen und allen voran die Zulassungsbehörden.

Besorgte Bürgerinnen und Bürger in allen Bundesländern können jetzt dazu beitragen, Clomazone aus unserer Umwelt verschwinden zu lassen. Ich würde mich freuen, wenn alle Leserinnen und Leser dieser Seite dabei helfen, die Informationen über Clomazone zu verbreiten. Auf www.landwende.de befindet sich eine Pressemeldung, die man herunterladen und weiterverschicken kann. Vielen Dank!

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 08.09.2011


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