Beitrag vom 16.06.2011

Wege weg vom Wachstum: Impressionen vom Attac-Kongress

Vandana Shiva bei der Eröffnung des Attac-Kongresses »Jenseits des Wachstums« am 20. Mai, Foto: Fiona Krakenbürger.

Anreise. Die Luft steht in der Eingangshalle der TU Berlin. Mit Gepäck beladene Menschen fädeln sich durch die schwerfälligen Doppeltüren ins stickige Drinnen, wo sich die Menschenmenge in Reihen teilt. HelferInnen in orangenen Attac-Westen zeichnen emsig Häkchen auf den langen Anmeldelisten ab. Rasch ein Programmheft gegriffen, schon beginnen die ersten Veranstaltungen. Auf dem Weg zu den verstreuten Räumlichkeiten ziehen die TeilnehmerInnen durch die hohen Gänge des alten Gebäudes. Schlafsäcke baumeln im Takt der eiligen Schritte. Nichts wollen sie verpassen vom Kongress »Jenseits des Wachstums«, der von 20. bis 22. Mai vor ihnen ausgebreitet liegt.
Der Hörsaal, wo eine »Einführung in das Thema Grundeinkommen« angeboten wird, füllt sich stetig. Am Ende gibt es nur noch Stehplätze – ein Schicksal, das sich in den folgenden Kongresstagen wiederholen wird. Natürliche Grenzen des Wachstums sozusagen. Mit 1000 TeilnehmerInnen wurde gerechnet - 2500 werden es während der drei Tage sein. Wer von oben die Reihen herunter schaut sieht wirre Lockenköpfe und ordentliche Frisuren, zwischendurch einen Irokesenschnitt. Die Farbpalette reicht von Pink, über Platinblond bis Grauweiß. Auch »die 68er« sind präsent. »Das Thema interessiert mich einfach wahnsinnig«, bekundet eine fidele 64-jährige. »Und ich bin hier, weil ich eine große Wut verspüre, dass meine Generation maßgeblich dazu beigetragen hat, die heutigen Probleme überhaupt erst herzustellen«, ergänzt sie. Der Student neben ihr zieht die Stirn kraus: »Naja, meine Generation hat ihren Lebensstil aber auch nicht gerade eingeschränkt.« Es sei eben ein generationenübergreifendes Problem. Und Thema. Im VWL-Studium sei er darauf gestoßen, dass neoklassisches Wirtschaften einer tickenden Zeitbombe gleiche. »Die Ressourcen sind nun einmal endlich.«
Nach veganer, ressourcenschonender Volksküchenkost, schließlich der gemeinsame Auftakt. Einstimmung auf das Thema Wachstumskritik. Als Gastredner wettern Vandana Shiva und Alberta Acosta kraftvoll tönend gegen kapitalistisches Profitstreben. Tosender Beifall der einen, die anderen klatschen mit höflicher Zurückhaltung. Denn das politische Spektrum der Anwesenden ist breit und bietet damit genügend Raum für Dissens. Wie genau werden die Wege zu einer Welt »Jenseits des Wachstums« gestaltet? Bedarf es zwingend eines radikalen Systemumsturzes? Einer Umverteilung durch Zwangsenteignungen, wie es von einigen GewerkschaftlerInnen gefordert wird. Oder eher eines weichen Übergangs durch eine breit gefächerte Bewegung von unten, angetrieben von zivilgesellschaftlichem Engagement und Eigenverantwortung? Fragen fördern den Lernprozess, Wissensdurst sei ohnehin besser als »Ressourcenhunger«, wie er durch eine von Konsumismus durchsetzte Gesellschaft verursacht werde. Oya-Gastautor Niko Paech sitzt im Podium und kritisiert, dass eine Steigerung von materiellen Reichtum, der über Geld vermittelt wurde, keinesfalls zu einer Steigerung von Wohlbefinden führt. Als einer der Pioniere einer »Postwachstumsökonomie« wirbt er unermüdlich für Entrümpelung, Entschleunigung, Subsistenz und Regionalisierung.
Weiter geht es mit Veranstaltungen im inhaltlichen Block der »Analyse und Kritik«. Wie in einem unübersichtlichen Bazar, stapeln sich die Themen: in der einen Ecke die Krise der Arbeitswelt, in der anderen wirtschaftstheoretische Betrachtungen. Auch industrielle Tierhaltung steht zur Auswahl ebenso wie Bourdieu und Bildung durch die Brillengläser des »Wachstumswahns«. Über 150 ReferentInnen aus Wissenschaft, Politik, Presse und Medien prägen das Angebot.
Dabei geht es beim Kongress in der Hauptstadt keinesfalls nur um Deutschland. Hinter den nationalen Grenzen des Wachstums, liegt die Bühne für globale Postwachstumsdiskussionen. Nord-Süd Aspekte haben ihren festen Platz im Programm. Wenn das Wachstumsparadigma einem Tumor gleicht, so zeigen sich seine Symptome auch bei Patienten anderswo. Und Internationale Entwicklungsorganisationen liefern die Diagnosen. So wie Medico International. Anne Jung koordiniert dort Kampagnen. Ihre Verbindung zum Thema Wachstumskritik? »Wachstumszwang bedeutet Ressourcenhunger, der nur durch Ausbeutung zu stillen ist«, sagt sie mit klarer Stimme. Eine gemeinwohlorientierte Nutzung von Ressourcen sei dagegen eine effektive Schutzmaßnahme vor gewaltsamen Konflikten. Wie für die anderen Organisationen bietet der Postwachstumskongress für Medico International eine Plattform, um die eigene Arbeit und Inhalte in die Öffentlichkeit zu tragen. Die »gemeinwohlorientierte Nutzung von Ressourcen« ist auch ein Thema mit dem sich Oya-Autorin Silke Helfrich beschäftigt. Die »Commons« (Gemeingüter) sind ihr Fachgebiet, zu dem sie einen Workshop anbietet.
Am Nachmittag geht es weiter mit dem Block »Alternativen, Visionen und Strategien«. Hier finden sich unter den ReferentInnen einige bekannte Oya-Gesichter. Auf den Treppenstufen in der Sonne sitzen TeilnehmerInnen brütend über ihren Programmen: »Ich kann mich einfach nicht entscheiden. Gerade vom Pragmatischen möchte ich soviel mitnehmen«, seufzt eine Studentin. Wenn es um Visionen geht, mischen viele Köpfe mit, die Oya-Lesern nicht unbekannt sind: Harald Welzer referiert beispielsweise unter dem Titel seiner Publikation im Heinrich Böll Verlag: »Mentale Infrastrukturen – Wie das Wachstum in die Welt und in die Seelen kam.« Die Kisten kostenloser Exemplare am Stand der Stiftung sind bereits leer.Es überwiegt klar die Theorie. Wo aber sind die (r)evolutionären Praxisbeispiele im Programm? Die Transition Town-Initiative Kreuzberg/Friedrichshain stellt da eher eine Ausnahme dar. Unter dem Motto »Stricken im Weltraum« stellt das Team der »Kiezwandler« erst ihre konkrete Arbeit vor um danach jede TeilnehmerIn eine eigene Vision erträumen zu lassen.
Nach dem Samstag abend ist auch der Sonntag morgen im Nu verflogen. Im Abschlusspodium wird schließlich noch einmal aufgegriffen wie wichtig ein erweitertes Verständnis von Wirtschaft sei. Geschenkökonomie, Fürsorgeökonomie, Gemeinwohl- oder solidarische Ökonomie. Es gehe darum in einer Vielfalt der Ökonomien zu denken. Vielfalt auch das Stichwort zur Abreise. Noch einmal bildet sich in der Eingangshalle ein Bulk an Menschen, denen man ihre Unterschiede in Lebensbiografie, Alter, politischem Engagement und Erfahrung anmerkt. Ganz im Sinne Claudia Spillers von der Transition-Town-Initiative, werden sie alle individuelle Eindrucke und Impulse mit nach Hause nehmen: »Die Krisen und die Aufgaben, vor denen wir heute stehen, sind ohnehin so groß, dass es überhaupt nicht durch eine Kraft zu bewältigen ist, sondern eben nur indem sich alle zusammentun und das tun, was sie am Besten können. Oder wohin es sie zieht.«
Die Lösungsansätze sind dabei so vielfältig wie die Auswüchse der Probleme. Vielleicht liegt der Schlüssel zu gangbaren Wegen weg vom Wachstum irgendwo zwischen pragmatischer Eigenregie und dem Bewusstsein über Gemeinsamkeiten.

geschrieben von Lea Gathen
am 16.06.2011

1 Kommentar

von Ibu am 18.07.2011

«Kann mir sehr gut vorstellen wie es sich angefühlt hat da zu sein, die Stimmung und die Menschen auf dich gewirkt haben. Wo du von der Vokü und dem Workshopangebot schreibst hatte ich so den Eindruck da schwingt ne leise Ironie über die vielen herumwuselnden ressourcenschonenden Theoretiker mit. Jedenfalls hab ich nen bisschen gegrinst. »


Kommentar schreiben




Bitte helfen Sie uns zu verhindern, dass die Kommentarfunktion von Spam-Software missbraucht wird und lösen folgende kleine Rechenaufgabe:


zwei plus vier =