Beitrag vom 04.05.2011

Friede oder Friede?

Friedensstiftende Hände afghanischer Frauen: Nicht blutverschmiert, sondern mit Henna geziert. (Quelle: Pascale Goldenberg, DAI)

Viel ist in den vergangenen zwei Tagen geschrieben worden über die Erschießung des »Grötaz« (»größter Terrorist aller Zeiten«). Darunter auch Erhellendes über Ungereimtheiten im Hintergrund oder über moralisch problematische Racheakte und Dilemmata beim Versuch der Auslöschung des Bösen. Vieles hinterlässt dabei einen mehr als schalen Beigeschmack: Der Friedensnobelpreisträger, der die völkerrechtlich fragwürdige Erschießung eines Unbewaffneten als Akt des Friedens verkauft und dafür frenetischen Jubel seiner Bürgerinnen und Bürger und Beglückwünschungen von Regierungschefs und -chefinnen in aller Welt erntet, die peinlichen Namensverwechslungen zwischen Jäger und Gejagtem in Presse und Politik, die nebulösen Umstände der Erschießung und der Blitzbestattung zur See.

Ein Feindbild ist tot, die Gewalt wird dadurch nicht schwinden. Ebensowenig wie die Bekämpfung von Symptomen zu nachhaltigem Gesundsein führt, rührt die Tötung personifizierter Feindbilder nicht an den Strukturen der Gewalt, ebensowenig wie die rituelle Vertreibung eines Sündenbocks Menschen von Schuld freisprechen kann. Wer in die Schlacht zieht, läuft Gefahr, seinem Feind ähnlich zu werden, und wer Gewalt sät, wird Gewalt ernten – es sei denn, die Spirale der Gewalt wird durchbrochen. In diesem Zusammenhang muss ich in letzter Zeit immer wieder an eine Passage aus der Frankfurter Poetikvorlesung mit dem lapidaren Titel »Ich« des bemerkenswerten Autors Andreas Maier denken. Angelehnt an ein Bibelwort, steht dort zu lesen: »Hasse den Mord, aber liebe den Mörder«. Eine radikalere Ethik, eine konsequentere Abkehr von Gewalt und ein kompromissloseres Bekenntnis zu einer Liebe zum Leben ist nicht vorstellbar. Dem steht eine Spirale der Gewalt gegenüber, die sich beständig weiter windet. Eine Politik, die nicht auf dem Prinzip »Auge um Auge, Zahn um Zahn«, sondern auf der entschiedenen Ablehnung von Gewalt und der kompromisslosen Lebensliebe basiert, sähe anders aus, fühlte sich anders an und trüge andere Früchte als die des Zorns, des Hasses und der Zerstörung, die die Welt Tag für Tag erntet.

Ach ja, die Militärtruppen unter Führung der USA könnten sich nun übrigens aus Afghanistan zurückziehen. Die offizielle Absicht der vor einem Jahrzehnt begonnenen Invasion war es, Osama bin Laden und Konsorten »auszuräuchern« (ein Zitat von George W. Bush). Zumindest dieses Ziel der Operation »Enduring Freedom« (andauernder Frieden) ist nun von Erfolg gekrönt. Ist der Umstand, dass bin Laden weder Afghane war, noch in Afghanistan gefasst wurde, nun eine Ironie der Geschichte oder macht es das Leid, die Zerstörung und die Not in Afghanistan zu einem Kollateralschaden? Wie dem auch sei, zumindest in der Logik der politischen Legitimation des Militärschlags könnte dort nun die wirkliche Aufbau- und Friedensarbeit beginnen. Ein Beispiel dafür ist das langjährige Engagement der Deutsch-Afghanischen-Initiative (DAI). Die vielfältigen Projekte setzen sich ein für die lokale Nutzung regenerativer Energien, die Gründung von Schulen, die Vermittlung von Handarbeitstechniken und vieles mehr, kurzum: Es wird Hilfe zur Selbsthilfe geleistet und Selbstermächtigung ermöglicht. Zugegeben, das ist weitaus unspektakulärer als die Nachrichtenbilder der vergangenen Tage, aber vielleicht sieht er genau so aus, der Weg zu andauerndem Frieden: unscheinbar, beständig, lebensfördernd – und vor allem friedensstiftend.

geschrieben von Matthias Fersterer
am 04.05.2011

1 Kommentar

von Kyrallos am 17.05.2011

«Fragen so gestellt und Antworten so gegeben, wie es sich gehört - Danke!»


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