Beitrag vom 17.03.2011

Aber so geht’s auch nicht!

Unter der Überschrift „Das geringere Übel“ versucht Robert Misik in der taz vom 16. März 2011 eine Abwägung zwischen den Verheerungen, die wir mit unseren diversen Energieerzeugungsmethoden bisher angerichtet haben. Er meint: „Wir werden also auch in den nächsten Jahren nicht eine entschiedene Flucht aus der Atomenergie erleben, sondern wir werden weiter mit den bekannten Abwägungsargumenten konfrontiert sein. Wir werden hören, dass wir, wenn wir unseren Lebensstandard halten wollen, zwischen Risiken wählen müssen. Und das ist schon eine Formulierung, die vernebelt. Denn das Wort ‚Risiko‘ unterstellt ja, dass wir hier negative Folgen akzeptieren müssen, die eintreten könnten, wenn es schlecht läuft, aber nicht so eintreten müssen. Aber das ist natürlich nur zur Hälfte wahr. Denn die Katastrophen finden statt. Mal schleichend, mal sterben viele Menschen, manchmal wenige. Aber wir nehmen nicht das Risiko von Todesopfern in Kauf, wir nehmen Todesopfer in Kauf. Wir nehmen nicht das Risiko von Verheerungen in Kauf, wir nehmen Verheerungen in Kauf. Das ist ein kleiner, aber entscheidender Unterschied.“

So weit, so gut. Aber wie sieht sein Zukunftsbild aus, um aus dieser Zwickmühle herauszukommen? So: „Dafür braucht es: effiziente Stromnetze, ganz neue Leitungen, Windparks mit vielen hunderttausend Windrädern, Wasserkraftwerke, Speicherkraftwerke, intelligente Tools zum Stromsparen in jedem Haushalt, Solarkraftwerke von vielen hunderten Quadratkilometern, womöglich in der Wüste, und damit ein integriertes Stromnetz, das von der Sahara bis nahe dem Polarkreis reicht – denn Sonnenenergie gewinnt man am besten in Afrika, Speicherkraftwerke lassen sich dagegen am besten an der norwegischen Steilküste errichten.“

Ist das nicht eine nicht minder schreckliche Vorstellung? Viele hunderttausend Windräder? Verheerend! Viele Hunderte Quadratkilometer Solarkraftwerke? Verheerend! Wollen wir wirklich eine Menschheit am Draht bleiben oder noch verdrahteter werden als bisher? Robert Misik meint: »All das wird nicht ‚der Markt‘ erledigen, weder geniale Tüftler in irgendwelchen Start-ups noch die großen Energiemultis. Dafür braucht es den konzentrierten Willen ganzer Gesellschaften“ – von Lemmingen, möchte man schaudernd hinzufügen.

Die taz ist doch eigentlich ein vernünftiges Blatt. Warum lässt sie so etwas durchgehen? Noch nie davon gehört, dass die Übernutzung der jährlich erneuerbaren Ressourcen der Erde bereits heute einen halben zweiten Planeten braucht? Noch nie was von Jevons’ Paradox bzw. dem Rebound-Effekt gehört, demzufolge – bis auf wenige Ausnahmen – der Verbrauch einer Ressource insgesamt steigt, je effektiver man sie ausbeuten kann? Noch nie das Wort „Schrumpfung“ gehört, neudeutsch derzeit „Degrowth“, französisch „Décroissance“? Was muss noch geschehen, bevor es in den Hirnen wenigstens der aufgeklärteren Meinungsbildner Klick macht und sie sehen: So geht es nicht weiter!? Das Gleiche wie jetzt, nur anders befeuert, das kann es nicht sein. Eine Welt, die den heutigen Leistungshunger nicht reduziert, wird grauenvoll aussehen. Unsere erneuerbar energetisierten Landschaften werden es von allen Hügeln, aus allen Brach- und Sandflächen und Maisfeldern nur so herausschreien, dass wir den Verstand verloren haben. Einer aus unserem Team trug kürzlich eine Tafel herum mit dem nur scheinbar witzigen Spruch von Erich Fried: „Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, der will nicht, dass sie bleibt.“ Es braucht „den konzentrierten Willen ganzer Gesellschaften“, um den ökologischen Fußabdruck der hochtechnisierten Welt auf ein nicht selbstzerstörerisches Niveau zu senken. Das wird nur mit einer massiven Zurücknahme von Wachstum gehen, mit fundamentalen Umdeutungen der Werte, denen wir heute nachjagen – und dazu wird ein kompletter Systemwechsel vom Kapitalismus hin zu etwas Neuem gehören. Das wäre vermutlich kein weiterer „Ismus“, sondern hätte mit der erst wenigen bekannten und von noch wenigeren praktizierten Kultur der Gabe und der Allmende zu tun – auf jeden Fall aber mit einer grundlegenden Neudefinierung von dem, was wir Lebensqualität nennen. Nur zur Erinnerung: Der ökologische Fußabdruck der Industrieländer liegt mit 6,8 Hektar um 4 Hektar über dem Maximalwert für eine nachhaltige Entwicklung von 1,8 Hektar und 5,8 Hektar über dem Wert 1, den wir wahrscheinlich besser gestern als heute erreichen müssten, um die Verluste der Übernutzung der jüngeren Jahrzehnte wieder auszugleichen. Wie wollen wir das mit einem bloßen Ressourcenwechsel schaffen? Müsste nicht der „konzentrierte Wille“ unserer Gesellschaften sich auf einen Bewusstseinswechsel richten?

Johannes Heimrath

geschrieben von Johannes Heimrath
am 17.03.2011

3 Kommentare

von Leben könnte so schön sein am 17.03.2011

«Den Eindruck gewinne ich bei der Taz auch im Moment. Es werden nur Menschen aus der Öko-Kapitalismus Ecke interviewt, von Dezentralität oder solidarischer Wirtschaft ist nie die Rede. Kein Wunder, dass die Siemensaktien schon steigen, schließlich können die nicht nur Atom, sondern auch Solaranlagen bauen. Schön, dass ich hier endlich mal einen kritischen Artikel zu diesem Ansatz finde. Danke!»

von Stefan S. am 18.03.2011

«Das ist ja auch z.B. die Position der Grünen aktuell im baden-württembergischen Wahlkampf - wichtig scheint vor allem zu sein, dass es der Wirtschaft gut geht, aber halt mit anderen, neuen, "grünen" Produkten und Verfahren. Die Abkehr vom Wachstumsglauben ist im politischen Mainstream noch ein sehr zarter Keimling...»

von Armin K. am 28.03.2011

«Wieso eigentlich noch die Mainstream-Medien zitieren? Das ist Kraft- und Zeitverschwendung. Neue Wege aufzeigen - vielleicht, von eigenen Wegen berichten - absolut ja! Mit fast der Hälfte der Bewohner (siehe Wahlergebnisse z.B. in BaWü oder SaAnh.) die sich als kompromisslos lernresistent erweisen sehe ich keinen "konzentrierten Willen" in Deutschland. Hier heisst es rette sich wer kann, alles andere ist vergebliche Liebesmüh. Liebe Grüße hoch ans Wasser :)»


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