Beitrag vom 17.03.2011

Atombeschämung

Die Beobachtung, wie sich unsere von Fukushima aufgeschreckten Bundes-Atomfreunde in diesen Tagen winden, lässt in mir nur zwei Regungen zu: „Vergib ihnen, Herr, denn sie wissen nicht, was sie tun“ ist die eine, zynische. Zorn ist die andere. Da plappert allen Ernstes ein bayerischer Umweltminister (!) namens Markus Söder sein Damaskus-Erlebnis heraus und kommt sich vermutlich dabei noch ähnlich „ehrlich“ vor wie der ins Gegenlicht seines Treppenhauses entschwebte Freiherr Dr. fraudis causa KT (ich zitiere die Nürnberger Nachrichten vom 13. März 2011): „‚Es ist ein so fundamentales Ereignis, dass wir wirklich alles hinterfragen müssen‘, sagte Söder vor dem Hintergrund der Atom-Katastrophe in Japan. Söder will die Atomkraftwerke gewissermaßen sicherer als sicher machen. Es gehe nun darum, ‚Sicherheit nicht nur zu optimieren, sondern zu maximieren‘, sagte er. Dazu brauche es eine intensive Debatte. Söder wehrte sich gegen den Vorwurf, die Gefahren unterschätzt zu haben. ‚Eine solche Katastrophe konnte keiner vorhersehen. Die Natur schreibt ein anderes Drehbuch als der Mensch.‘“ A-hahahahahahahaa.
Dass sich so etwas die Millionen Bürgerinnen und Bürger vorsagen lassen müssen, die seit Jahrzehnten genau vor einem derart „fundamentalen Ereignis“ warnen! „Eine solche Katastrophe“ war und ist eben gerade vorhersehbar, da genau das in der grundsätzlichen Unvorhersehbarkeit der großen Natur liegt, die ja doch kein „anderes Drehbuch schreibt als der Mensch”, sondern gar keines, und den im ganzen Kosmos vermutlich einzigen drehbuchschreibenden Naseweis in ihrem Reich halt zurückstutzt, wo immer seine Hybris ihn auf Abwege treibt! Man muss offenbar bayerischer Umweltminister sein, um die Zeichen am blauen Himmel mit weißen Schäfchenwolken zu verwechseln: Harrisburg, Lucens, Sellafield, Kyschtym, Tschernobyl. Aber muss man sich vor Lubmin, in das die jüngst eingetroffenen Castoren radioaktives Material in der Größenordnung dessen herangekarrt haben, was 1986 in Tschernobyl in die Luft geflogen ist, auch von einem Staatsorgan blutig schlagen lassen, wenn man für seine Überzeugung einsteht, dass Abschalten ein sittliches Gebot ist – nur um wenige Tage später von der Oberin ebendieses Staatsorgans zu hören, dass nun ohne weiteres möglich ist, was zuvor als „alternativlos“ durchgepaukt wurde? Oder meinen Merkel & Co., wir hätten überlesen, dass ein abgeschriebenes deutsches Kernkraftwerk pro Tag 1 Million Euro Gewinn macht (so wird der Geschäftsführer der Forschungsstelle Umweltpolitik an der FU Berlin, Lutz Mez, z.B. in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Juli 2009 zitiert)? Das sind in 365 Tagen 365 Millionen, mal 12 Jahre durchschnittliche Laufzeitverlängerung: 4,38 Milliarden Euro, mal 17 AKW macht mal eben 74,46 Milliarden Euro Gewinn, die Oberin Merkel und ihr Kapitel den vier AKW-Betreibern netto vor unseren Augen in die Tasche schieben wollte. Jetzt reibt man sich die Augen, wenn man sie am 12. März nach der Krisensitzung im Kanzleramt im Video der Pressekonferenz stammeln sieht: „An so einem Tag darf man sicher nicht sagen, unsere Kernkraftwerke sind sicher. – Sie sind sicher.“ Noch Fragen?
Ich habe heute die Regierungserklärung zur Atompolitik im deutschen Bundestag so lange mitverfolgt, bis ich es vor Scham nicht mehr ausgehalten habe. Gestern Nacht habe ich dem Gegenstück, der Anhörung der amerikanischen Atombehörde im US-Kongress gebannt zugehört und zugesehen. Was für ein Unterschied! Ergreifender, nüchterner, aufrichtiger, schonungsloser, engagierter und zugleich hilfloser habe ich seit langem kein politisches Gremium mehr miteinander sprechen hören. Das Hearing findet sich jetzt im Archiv, die Sitzung beginnt bei Minute 23:00, sie dauert rund zwei Stunden, und man hört im ersten Teil Gregory Jaczko, den Chef der Atomregulierungsbehörde NRC, sagen, dass sich im Abklingbecken des Reaktors 4 in Fukushima kein Wasser mehr befinde. Wer ein geschliffenes Lehrstück über das ganze Drama unserer Kultur sucht, kann es in diesen zwei Stunden erleben.

Johannes Heimrath

geschrieben von Johannes Heimrath
am 17.03.2011

1 Kommentar

von Georg am 03.04.2011

«Hallo Johannes Ich fühle mich absolut verstanden von dir. Danke. Ich erlebe Politik und ihre geifernde Verwaltung seit Jahren als Selbstbedinungsladen. Es ist zu hoffen, dass sich das kein Volk länger als 40 Jahre gefallen lässt. UNd seit 89 sind ja schon ein paar Jahre vergangen...Verwaltungsrevolution...ich freu mich drauf. Was jedoch zu tun ist, um Blind- und oder Blödheit entgegenzuwirken, weiß ich nicht. Vielleicht einfach weiter beten und das mögliche tun? Und wo wir sind, mehr Licht in die Welt bringen? Läuft euer Server atomstromfrei? Wäre feine Sache. Pace e bene»


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