Beitrag vom 03.03.2011

(R)Evolutionäre Oya unterwegs

Inzwischen sind die Abos der siebten Ausgabe von Oya auf die Post gegangen, und die Hefte sind auch auf dem Weg in den Bahnhofsbuchhandel, wo sie (hoffentlich) ab nächster Woche verfügbar sind. Auf das Feedback zur Nr. 7 sind wir besonders gespannt, denn es ist ein sehr herausforderndes, schwungvolles und auch politisches Heft geworden mit dem Titel »(R)Evolution – Bausteine des Neuen«.


Als wir den neuen  Oya-Titel festlegten, waren wir ein bisschen unsicher, ob das nicht zu dick aufgetragen sei. Damals war Stuttgart 21 gerade brav geschlichtet worden, und Ben Alis Flucht aus Tunesien war noch nicht im Traum abzusehen, geschweige denn der Domino-Effekt der tunesischen Volksbefreiung auf die halbe arabische Welt. Jetzt sind kaum drei Monate vergangen, aber das Wort »Revolution« ist plötzlich neu aufgeladen – mit hoffnungsfrohen ebenso wie mit schrecklichen Bildern. Auch wenn Oya 7 nicht von Nordafrika handelt – in der Schlussphase der Redaktionsarbeit war deutlich zu merken, wie die Dynamik der arabischen Demokratiebewegungen unsere Autorinnen und Autoren bei den letzten Überarbeitungen ihrer Text beflügelt hat. Ihre Texte verwandelten sich teilweise in flammende Plädoyers für eine hiesige Demokratiebewegung als Emanzipation einer Zivilgesellschaft, die Auswege aus allen Formen von Ausbeutung sucht, die Regional- und Stadtenwicklung selbständig in die Hand nimmt, reale politische Partizipation einfordert und bereit ist, zugunsten einer nicht mehr wachsenden, auf das Gemeinwohl und auf Gemeingüter orientierten Ökonomie den eigenen Lebensstil radikal in Frage zu stellen. Damit ist nicht ein gelegentliches wutbürgerliches Aufbegehren gemeint, sondern ein heiliger Zorn über das »Weiter wie bisher«-Programm in Politik und Ökonomie, in dem so etwas wie der aktuelle Spiegel-Beitrag Massensterben im Blitztempo: Menschheit beschleunigt neue Arten-Apokalypse nur ein Achselzucken und interessantes Sensationsgruseln verursacht. Oder der Zorn über das einschläfernde »alles wird nachhaltiger, alles wird gut«-Programm, mit dem wir uns immer wieder beruhigen. Es wäre kein zerstörerischer, sondern ein produktiver, von der Liebe zur Welt durchdrungener Zorn, der in konstruktivem, selbstbestimmtem Handeln mündet, das positive Beispiele schafft, Debatten befeuert und vielleicht das, was wir jetzt »Politik« nennen, durch etwas ersetzt, das erst neu erfunden werden will.


Das saturierte Europa ist meilenweit von einer solchen Bewegung entfernt, da darf man sich nicht in die Tasche lügen. Aber die Sehnsucht nach etwas wie einer neuen europäischen Demokratie- und Postwachstums-Bewegung liegt in der Luft, sonst würde ein Buch wie »Empört euch!« von Stéphane Hessel nicht überall herumgereicht werden. Und Beispiele für die Bausteine des Neuen mögen zwar noch klein sein, aber dass sie überhaupt zu sehen sind und von der Theorie in die Praxis finden, ist enorm ermutigend. Die neue Oya macht wieder einige solcher Bausteine sichtbar: Projekte, Menschen und Gedanken.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 03.03.2011


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