Beitrag vom 18.02.2011

Wieder ist ein Castor an uns vorbeigefahren ...

Kinderfest an der Mahnwache in Kräpelin

Oya – Oya – Oya, so schallte es gestern morgen immer wieder neben den Gleisen des Castor-Transports zwischen den Mahnwachen Brünzow und Stilow. »Oya« nennt sich seit den Gorleben-Protesten im Herbst 2010 eine kleine Gruppe mutiger Aktivisten, die das Anti-Atom-Bündnis Nordost tatkräftig mit aufbaut. Im Dezember 2010 fuhr der erste Castor nach Lubmin bei Greifswald praktisch vor der Haustür der Oya-Redaktion vorbei. Am Morgen des 17. Februars folgte die »Atomsuppe« aus Karlsruhe.

Weil sich an diesem Morgen auf dem Weg von Mahnwache zu Mahnwache unsere eigene Bezugsgruppe aufgelöst hatte, suchten Oya-Redakteur Matthias Fersterer und ich naheliegenderweise Anschluss bei der Oya-Gruppe, zu der bisher noch keiner aus dem Team der Zeitschrift gehörte.
Es war ein eigenartiges Gefühl, Teil einer ganz anderen »Oya« zu sein. Wenn die Einzelnen der Oya-Aktivistengruppe auf dem Feld ihren Gruppennamen riefen, war damit ein bestimmtes, von ihren gemeinsamen Erfahrungen geprägtes Gefühl verknüpft. Sie hatten ihre ganz eigene Oya-Identität kreiert. Matthias und ich waren hier »Mitläuferin« und »Mitläufer«, nicht in der Macher-Rolle, wie bei der Zeitschrift. Das fühlte sich gut an. Der Wechsel von der Schreibarbeit an der Ausgabe 7 (der neue Titel heißt »(R)evolution«) zur AktivistInnenarbeit an den Mahnwachen wirkte umso mehr wie ein und derselbe Handlungsstrang, nur unter anderen Vorzeichen.

Jetzt sitze ich wieder im Warmen, schreibe, lektoriere und kürze Texte auf meinem MacBook und versuche, mich nach der Nacht im Freien langsam wieder an den Komfort der immer noch Erdöl- und Atomkraft-getriebenen Zivilisation zu gewöhnen. Es ist erstaunlich, welchen Abstand schon eine Winternacht im Freien bewirken kann. Die Gewöhnung gelingt nur langsam, sie bricht immer wieder durch das Bild der beiden großen Helikopter über dem an uns vorbeirollenden Castorzug in sich zusammen. Ich konnte es bisher nicht vor meinen Augen vertreiben.
Und es kommen noch mehr hässliche Bilder. Bevor wir zur Oya-Gruppe stießen, hatten wir das Pech, Opfer der einzigen gewalttätigen Ausschreitung der Polizei gegen einen friedlichen Demonstrationszug zu werden. Johannes Heimrath, Herausgeber von Oya, war mit blutig geschlagener Nase und Lippen daraufhin mehrfach mit Fotos im Fernsehen und im Netz zu sehen. Bei Matthias, Marlena (der Oya-Grafikerin) und mir beschränkten sich die Gewalterfahrungen auf mehr oder weniger erfolgreiche Versuche, uns umzurennen. Bezeichnend ist, dass unter Johannes Foto auf der Website des NDR in der Bildunterschrift der vergrößerten Bildversion zu lesen ist, seine Verletzung sei bei »Handgreiflichkeiten mit der Polizei« entstanden. Das klingt, als wäre auch er handgreiflich geworden, was selbstverständlich definitiv nicht der Fall war. Die Schläge kamen ohne Vorwarnung, auch ohne irgendeinen verbale Auseinandersetzung im Vorfeld.

Es gab aber auch andere Polizeigeschichten. Anke Caspar-Jürgens, Redakteurin der Bildungsrubrik in Oya, hat es auf die Gleise geschafft und dort einen Polizisten dazu gebracht, ein Erinnerungsfoto von ihr mit ihrer eigenen Kamera zu machen. Natürlich hat sie ihm vorher lange Vorträge über die Halbwertszeit von Plutonium etc. gehalten, und ihm deutlich vermittelt, dass sie mit ihren 67 Jahren hier nicht ihrer selbst wegen sitzt, sondern wegen der Kinder, auch der Kinder der Polizisten.
Das blutige Bild von Johannes hat offenbar schnell gewirkt. Nach dieser Attacke verhielt sich die Polizei deutlich zurückhaltender.

Es hat Mut gemacht, nach dem nächtlichen Schock mit der blutigen Nase mit dem Ruf »Oya« im Morgengrauen übers Feld zu laufen. Wir waren nur eine ganz kleine Gruppe, so wie Oya auch nur eine kleine Zeitschrift ist. Aber im Zusammenschwingen mit all den anderen, die vor, neben, und hinter uns laufen, ist da das Gefühl, dass der »Wind of Change« nicht aufhören kann, zu wehen. Für diesen Wind steht unter anderem der Name »Oya« – bei den Yoruba in Nigeria ist »Oyá« die Göttin des Sturms und des Wandels.

Günter Sölken, ein Oya-Autor, schrieb uns heute in einer nachdenklichen Mail: »Was wäre, wenn es nicht nur einen Peak Oil, sondern auch einen Peak of Participation gäbe? Dass möglicherweise die Manipulations- und Beschwichtigungsmaschine so perfekt arbeitet, dass ausreichend große Bevölkerungsgruppen - wie jetzt schon in den USA - für ein demokratisches Engagement fast gar nicht mehr oder nur für populistisch-reaktionäre Ziele zu mobilisieren wären?«
Wer weiß es? Gräbt sich der Zustand der Aussichtslosigkeit auf die Aussicht eines »guten Lebens« ohne Ungerechtigkeit, Vergiftung und Ausbeutung irgendwann in die Gene ein? Nein, allein aus Selbstschutz gehe ich davon aus, dass das unmöglich ist. Der Wind of Change mag Flauten erleben, aber er kann jederzeit aufbrisen und wird uns hoffentlich in der kommenden Zeit gehörig um die Ohren wehen.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 18.02.2011

2 Kommentare

von Anna Maria Wesener am 18.02.2011

«Auch in Greifswald weht der Wind weiterhin - während an den Gleisen Menschen Mahnwache hielten, kamen am Mittwochabend auf dem Greifswalder Marktplatz abends um 18 Uhr Kinder und Erwachsene zusammen. Gläser mit Kerzen in der Hand,ein Transparent aufgestellt, bildeten sie ein großes "X" über die Diagonalen des Marktplatzes, standen schweigend oder leise miteinander redend da für den STOP der Castor Transporte. Jeden Schenkel des X bildeten etwa 50 Menschen. Die Stimmung war ganz ruhig, Polizei hielt sich im Hintergrund. Die Menschen wirkten durch ihr Da-Sein und zeigten ihre Botschaft: STOP Castor. Mich hat diese Versammlung von Menschen mitten in der Woche sehr ermutigt, als Zeichen, dass der Wind der Veränderung immer wieder Kraft finden wird hier im Nordosten. »

von Jan Moewes am 21.02.2011

«Liebe Lara, selbst online freue ich mich immer wieder über Oya und diese News. Zu Günter Sölkens "peak of participation" möchte ich daraufhinweisen, dass laut einiger Untersuchungen auch die Verteilung der Manipulierbaren in der Bevölkerung der Kurve einer Gausschen Normalverteilung folgt, was etwa bedeutet, dass es außen zwei Extreme gibt, sehr human oder sehr inhuman, und in der Mitte einen dicken Berg von Schwankenden und leicht zu Beeindruckenden. Dazu ist sehr lesenswert "Der Kampf um die Demokratie" von Arno Gruen. Aber im Moment sieht es ja so aus, als ob Bewegung in das Ganze kommt, denn wie schon die Yoruba Göttin Oya wusste: wer Wind sät, wird Sturm ernten. Ich bin hier ein bisschen näher an Yoruba und die Kokospalme biegt sich ordentlich. Alles Gute, Jan»


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