Beitrag vom 19.11.2017

Wieder Geschichten erzählen

In der nächsten Ausgabe von Oya beschäftigen wir uns mit der alten Tradition des Geschichtenerzählens und fragen uns, wie sie heute wieder aufgegriffen werden kann. Das Gespräch mit Geseko von Lüpke ist ein erster Vorgeschmack für diese Forschungsreise:                                                         


[Anja Humburg] Gerade lese ich dein Buch »Altes Wissen für eine neue Zeit«, in dem du Gespräche mit vielen Medizinkundigen aus traditionellen Kulturen führst. Diese Menschen erzählen auf eine besonders intensive Weise. Was macht diese Intensität aus?

[Geseko von Lüpke] Die Geschichte des Erzählens geht auf die Anfänge menschlicher Kultur zurück. In Südafrika in der Nähe von Kapstadt existiert ein Feuerplatz, der Archäologen zufolge seit 250 000 Jahren in kontinuierlichem Gebrauch gewesen ist, um abends zusammenzukommen. Das Geschichtenerzählen hatte am Anfang des Menschseins vermutlich den Sinn, die Welt zu erklären und die Angst vor der nächtlichen Dunkelheit zu verdrängen – sie mit Eindrücken des Tags oder kulturellen Bildern zu füllen. In indigenen Kulturen ist Geschichtenerzählen die zentrale Methode, um alles zu vermitteln, was das Leben ausmacht: Landschaftswissen, Handwerkliches, Soziales, Mythisches und vieles mehr.
In der Regel erzählt nicht irgendjemand, sondern ein speziell dafür ausgebildeter Mensch. Bei den Khoisan in der Kalahari-Wüste sind die Geschichtenerzähler auch die guten Spurenleser. Wenn sie in der Gemeinschaft von den Erlebnissen des Tags berichten, achten die Ältesten genau darauf, wie sehr ein Erzähler seine Sinne geöffnet hatte bei dem, was er erfahren hat, und wie gut er diese Eindrücke wiedergeben kann. Fehlt ihnen etwas, fragen sie nach. Erst wenn jemand ganz tief in allen Dimensionen wahrzunehmen gelernt hat, ist die Person in der Lage, so zu erzählen, dass die Zuhörenden die Geschichte erfahren, als wären sie selbst dabei gewesen. Gut Erzähltes nimmt unser Gehirn genauso auf wie selbst Erlebtes.

Warum wird auf die Schulung dieser Erzählenden so viel Wert gelegt?

Zu ihren Aufgaben gehört auch das Hüten der Schöpfungsgeschichten – das hat zentrale Bedeutung. Vor allem dieser Bereich ist bei uns heute ein großes Vakuum. Ich habe einmal ein Geschichtenerzähl-Seminar der katholischen Kirche besucht. Dort wurde Geistlichen beigebracht, die Bibel-Geschichten so zu erzählen, dass alle mit offenem Mund staunend zuhören. Die Geistlichen fragen sich heute, warum niemand mehr die Bibel liest, und machen sich bewusst, dass sie aus früher mündlich erzählten Geschichten besteht. Das Vakuum rührt aber auch daher, dass wir heute viel mehr über das Universum wissen als die Dichter der christlichen Schöpfungsgeschichte, denen man kaum mehr glaubt. Wir brauchen also eine neue Schöpfungsgeschichte, und die Frage ist, ob dieses heutige Wissen nicht auch so erzählt werden kann, dass wir verstehen, warum wir da sind.
Es gibt eine Menge spannender Ansätze, wissenschaftliche Einsichten mit sinnstiftenden Erzählungen zu verbinden, etwa beim Priester und Kulturhistoriker Thomas Berry oder beim ökologischen Theologen Matthew Fox. Ihnen ging es darum, ein Verständnis ökologischer Zusammenhänge – unsere Ungetrenntheit von der Schöpfung – wieder begreifbar zu machen. Ich glaube, ein wesentlicher Grundfehler unserer modernen Kultur ist der, davon auszugehen, dass wir etwas anders seien als Natur. Das sollte sich ändern – und dazu dienen Schöpfungsgeschichten!

Früher hatte jede Kultur ihre eigene Schöpfungsgeschichte, es gab Hunderttausende von Interpretationen der Welt. Über die moderne Kosmologie entsteht nun weltweit eine einheitliche. Auch diese Geschichte ist voller Wunder, voller roter Riesen, weißer Zwerge oder schwarzer Löcher – das klingt wie Märchensprache. Ich denke, auch sie lässt sich so lesen, dass ein Gefühl von Heiligkeit und Ehrfurcht vor dem Universums entsteht. Wir können in den Himmel schauen und sagen: Von dort kommen wir her. So eine Sichtweise weitet unser Weltbild: Sind wir gar die Augen des Universums, das über sich selbst nachdenkt?

Wer könnten die Hütenden von Geschichten im Heute sein? Wie kann sich die Erzählkunst auch in unserer Kultur wieder verbreiten?

Ich glaube, dass heute am Prozess des Geschichtenerzählens alle beteiligt sein müssen. Paul Hawkens Buch »Change the Story, Change the World« spricht mir aus der Seele. Er betont darin, wie wichtig es sei, zu erzählen, was tatsächlich bei allen Bemühungen, die Welt enkeltauglicher zu gestalten, erlebt wird – das kann in Form von mündlich erzählten Geschichten, Romanen, Filmen oder gerappten Texten sein. Ich habe lange die erstaunlichen Geschichten der Alternativen Nobelpreisträger aufbereitet. Wangari Maathai zum Beispiel hat damit angefangen, drei Bäume zu pflanzen, und am Schluss ihres Lebens waren es 3,5 Milliarden! Solche Geschichten machen Mut, weil sie zeigen, wie Kultur und politische Verhältnisse verändert werden können.

Mir wird bewusst, dass Menschen heute nur sehr wenig wirklich selbst erleben – angefangen damit, dass sie in der Regel keine Beziehung haben zu dem, was auf dem Teller vor ihnen liegt. Vor lauter Konsum gibt es tatsächlich kaum mehr etwas zu erzählen. Umgekehrt gilt: Je mehr wir wahrnehmen, umso intensiver sind wir lebendig, umso verbundener sind wir, und umso mehr können wir Geschichten so vermitteln, dass uns zugehört wird. Wir brauchen ein wenig Mut, etwas selbst Erlebtes in allen Farben mündlich wiederzugeben. Dabei ist jeder und jede mit den Geschichten, die er oder sie erzählt, auf der Suche nach der eigenen Identität. Ja, Menschen begeben sich nicht selten in therapeutische Prozesse, um das eigene Narrativ neu zu erfinden, und können dann davon berichten. Es gibt eine große Sehnsucht, sich selbst zu verstehen und sich darzustellen – wir möchten uns in unserer Geschichte wahrgenommen wissen. Vielleicht ist es gut, die Vielfalt der individuellen Geschichten zu feiern, weil so keine Monokulturen entstehen; aber vielleicht brauchen wir doch eine gemeinsame Schöpfungsgeschichte, in die sich die Vielfalt einbetten kann.

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Die nächste Oya-Ausgabe mit dem vollständigen Interview landet Anfang Dezember in den Briefkästen der Abonentinnen und Abonennten. Bald darauf kann das Heft auch an Bahnhofskiosken gekauft werden.

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Anja Humburg

geschrieben von Anja Humburg
am 19.11.2017


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