Beitrag vom 27.09.2017

Auf dünnem Eis: Auftakt zu Oya #45

Über die Herausforderung, eine Beziehung zum eigenen Lebensraum zu entwickeln, ohne dies mit Besitzansprüchen und Abgrenzung zu verbinden. 
 
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Auf dem Titelbild dieser Ausgabe ist ein Porträt von Adele Graf zu sehen. Es steht in der Küche des »Adele-Hauses« gegenüber dem Oya-Büro in der Mitte des Dorfs Klein Jasedow. Das Haus ist ein sich über die Jahre hinweg entwickelnder Allmende-Ort, wo für verschiedenste Anlässe gekocht wird, Gäste übernachten, Musik unterrichtet oder über Oya nachgedacht wird.

Zusammen mit ihren Eltern wurde Adele nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Sudetenland vertrieben und fand sich als 17-Jährige unter miserabelsten Umständen in Vorpommern wieder. Trotz vieler Schicksalsschläge blieb sie ein zuversichtlicher Mensch; in einem Zeitungsporträt wurde sie »die gute Seele von Klein Jasedow« genannt – und so haben wir es auf ihren Grabstein meißeln lassen, nachdem sie vollkommen alleinstehend im Sommer 2008 verstorben war.

Als die Lebensgemeinschaft, zu der sechs der Oya-Redaktionsmitglieder gehören, im Jahr 1996 eine neue Heimat suchen musste, war Adele die erste Klein Jasedowerin, die sie herzlich willkommen hieß – vielleicht so, wie sie einst als aus ihrer Heimat Vertriebene selbst gerne empfangen worden wäre. In ihren letzten sieben Lebensjahren war sie auf unsere Betreuung angewiesen. Indem wir täglich vom »Adele-Acker«, wo sie jahrelang Kartoffeln angebaut hat und wir heute Gemüse ziehen, und vom »Adele-Haus« sprechen, sind wir ständig mit ihr verbunden. Adele ist für uns Klein Jasedower zu einer Ahnin geworden. Sie hat vor uns versucht, hier mit Leib und Seele heimisch zu werden. Das setzen wir heute fort.

In den Mythen vieler indigener Kulturen spielen die Ahnen eine zentrale Rolle. Wie die Welt entstanden ist, wie die Menschen auf die Erde kamen, wie sich die Landschaft formte und die Ahnen darin ihre Heimat fanden – es scheint ein elementares menschliches Bedürfnis zu sein, Geschichten über Ursprünge und Herkünfte zu erzählen und sie mit der eigenen Lebenswelt in Beziehung zu setzen. In den Liedern der australischen Aborigines verschmelzen die Ahnen mit der Landschaft selbst: Aus ihrem Miteinander in der Traumzeit formen sich die Täler, Flüsse und Berge. Auf poetische Weise wird hier das Natursein des Menschen ausgedrückt, konkret in der Bezogenheit auf den gegebenen Lebensraum.

»Ahnin, Ahne« – was für ein schwieriger Begriff! In dieser Ausgabe von Oya gehen wir der Frage nach, was »nach Hause kommen« bedeutet. Da müssen wir uns auch mit dem heiklen Thema der Ahnenschaft befassen. Dazu ein kleiner Exkurs an den Anfang des 20. Jahrhunderts.

Damals, auf dem Höhepunkt der Dynamik von Industrialisierung und Verstädterung, zog die Wandervogel-Bewegung Scharen junger Leute an. Sie wollten hinaus »aus grauer Städte Mauern«, zurück zur Natur, zur Ursprünglichkeit und zu einem Gemeinschaftsgefühl. Die moderne Zivilisation erschien ihnen finster und kalt. Es ging um weit mehr als ums Wandern; letztlich ging es um eine emotionale Aufladung des Begriffs »Heimat«, der noch zu Zeiten der Brüder Grimm lediglich den Herkunftsort einer Person bezeichnete. »Das intensive gemeinschaftliche Erleben von heimatlicher Landschaft, Kultur, Brauchtum und Tradition steht im Mittelpunkt der Exkursionen. Man errichtet Zeltlager und Lagerfeuer, kocht zusammen und übernachtet draußen unter dem Sternenhimmel. Alt­germanische Feste werden wieder zum Leben erweckt«, schreibt Rüdiger Sünner in seinem Buch »Schwarze Sonne. Die Macht der Mythen und ihr Missbrauch in Nationalsozialismus und Esoterik« über die Wandervogel-Bewe­gung. »Man durchwandert die deutsche Landschaft, besichtigt Burgen und Relikte vorzeitlicher Kulturen und versucht, die Sinne der Jugend für die Schönheiten der Heimat zu öffnen.« Die Wandervögel suchten auch nach einer Mystik jenseits der etablierten Religionen. »Gott wohnt für sie nicht im Dämmerlicht der Kirchen, sondern im Rauschen der Bäume und Quellen, im klaren Funkeln des nächtlichen Sternenhimmels«, so Sünner.

Ein Mythos über eine Naturreligion angeblicher Vorfahren, wie ihn völkische Schwärmer wie Guido von List oder Adolf Lanz in Gestalt frei erfundener Germanen-Mythologie anboten, fiel bei den Wandervögeln auf fruchtbaren Boden, hielt er doch auch einen Mythos über den Ursprung der Menschheit bereit. Dessen »Germanen« sind nicht einer von diversen historisch belegten Stämmen der Eisenzeit, sondern eine fantasierte »Urkultur«, von der auch die Megalithbauten stammen sollen. List beklagt die »Überfremdung« jener angeblichen Kultur der blonden, blauäugigen germanischen Arier durch das römische Reich und das Christentum. So führt er einen Aspekt ein, der in indigenen Mythen in der Regel fehlt: ein Feindbild, das auf eine andere Kultur projiziert wird. Fast alle derart »germanischen« Gruppen nach der Jahrhundertwende zeichnete bereits ein ausgeprägter Antisemitismus aus. Ein solcher Nährboden machte es schließlich den Nationalsozialisten leicht, die Wandervogelbewegung nahtlos in ihre Jugendverbände zu integrieren.

Seither erinnert das Wort »Ahne« fatalerweise an die Organisation »Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe«, die 1935 von Heinrich Himmler, dem SS-Reichsführer mit Hang zum Okkultismus, und dem Euthanasie-Befürworter Herman Wirth, dessen Thesen zu einem nordisch-germanischen Ur-Europa bis heute in neuheidnischen Szenen kursieren, gegründet worden war. Es ist verständlich, dass nach dem Zweiten Weltkrieg die Sehnsucht nach Natur- und Heimatverbundenheit, Traditio­nen, kollektiver Identität, Gemeinschaft und einem spirituellen Weltbild unter Generalverdacht stand: All das hatte innerhalb weniger Jahren in die Katastrophe geführt. Nun sei es an der Zeit, sich davon endgültig zugunsten einer aufgeklärten, rationalen Weltsicht zu emanzipieren.

Andere, so etwa der polnisch-englische Soziologe Zygmunt Bauman, deuteten den Holocaust und den nationalsozialistischen Totalitarismus als logische Konsequenz des Rationalismus und der Modernisierung. Die Moderne sei ein von der Idee einer absoluten Ordnung besessener »Kampf gegen die Ambivalenz«, der alles Uneindeutige und Andersartige auszugrenzen versuche, schrieb Bauman in »Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust«. In letzter Konsequenz haben diese unterkomplexen, rationalistischen Tendenzen der Moderne für Bauman totalitäre Züge. Die industrielle Vernichtung von Menschen sei erst durch die perfekt durchrationalisierten bürokratischen Abläufe des 20. Jahrhunderts ermöglicht worden, die die ausführenden Individuen scheinbar von jeder Verantwortung entbanden, indem sie die gezielte Massentötung von Menschen als ein Geschäft wie jedes andere aussehen ließen. Das kennzeichnende Merkmal nationalsozialistischer Ideologie sei demnach nicht rückwärtsgewandte Irrationalität – wenngleich diese in Form von Blut-und-Boden-Mystik und okkultem Mystizismus durchaus vorhanden war –, sondern rationalistisches Fortschrittsdenken.

Sei die Ursache für den widersinnigen Kampf gegen ein konstruiertes Böses nun vorwärts- oder rückwärtsgewandter Fanatismus – offenbar entstand er in einer Zeit, in der den Menschen die Sinnhaftigkeit ihres Lebens mehr und mehr abhanden kam und mangelne Bezogenheit durch Ersatzheimaten wie »Nation« oder »Rasse« aufgewogen werden konnte.

Gegenwärtig feiern AfD-Politiker Wahlerfolge, die Sätze wie »Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen!« von sich geben. Ist es in so einem Klima überhaupt noch möglich, über die Bedeutung von »Heimat« zu schreiben, ohne in eine nationalistische oder gar völkische Ecke gestellt zu werden? Vielleicht ist es aber gerade jetzt wichtig, sich der Qualität des Nach-Hause-Kommens zu widmen. Sie ist ein Gegengift gegen den angsterfüllten Fremdenhass, denn sie zeigt sich als Zustand von Verbundenheit und Fülle.

Der neuseeländische Psychologe Mason Durie, selbst den Maori zugehörig, beschrieb als das kennzeichnende Merkmal indigener Völker die dauerhafte Beziehung zwischen den menschlichen Bewohnern, ihrem Lebensraum und ihrer natürlichen Umgebung – indigene Menschen können nicht losgelöst davon existieren oder gedacht werden. Der Grad ihres Eingebundenseins unterscheidet sich prinzipiell nicht von jenem der sie umgebenden Pflanzen, Tiere, Landschaften. Weitere Charakteristika sind, dass diese Bezogenheit über lange Zeiträume – Jahrhunderte – andauert und eine eigene Identität, ein eigenes Wissenssystem, nachhaltige Formen des Wirtschaftens sowie eine eigene Sprache hervorbringt – interessanterweise aber vielfach kein Konzept von »Eigentum« : Die Menschen fühlen sich dem Land zugehörig, anstatt zu denken, ihnen gehöre das Land. Ist es möglich, als moderner Mensch in diesem Sinn eine Beziehung zum eigenen Lebensraum zu entwickeln? Das ist etwas völlig anderes, als Heimat zu beanspruchen und sich »unser Land« zurückholen zu wollen.

Ein kulturelles Zuhause entsteht durch Geschichten – am stärksten dann, wenn sie sich mit konkreten Orten verbinden. Das können Geschichten sein, die nur für einen kleinen Ort bedeutsam sind – wie diejenige über Adele Graf – oder solche, die den wichtigen Themen im Zeitgeist für viele Menschen Gesichter geben. Können wir in Magazinen wie Oya Geschichten über ein »gutes Zusammenleben« erzählen und ihnen eine kulturbildende Bedeutung verleihen, statt sie nur zu konsumieren? Diese Ausgabe berichtet zum Beispiel von Pödelwitz, einem Dorf, dem es womöglich gelingt, sich gegen seine Zerstörung durch den Braunkohletagebau zur Wehr zu setzen. Ist das nur eine Reportage, die sich locker im Vorbeigehen lesen lässt, oder kann es eine Geschichte werden, die sich noch die Enkel unserer Enkelinnen erzählen werden? Vielleicht wird in hundert Jahren das Wort »Kaláka« für selbstverständliche, ehrenamtliche Nachbarschaftshilfe überall in Europa gebräuchlich sein, und man wüsste dann von den Dörfern im transsilvanischen Niraj-Tal, die diesen Brauch wiederbelebten. »Beheimatung« und »Tradition« in einen neuen weltoffenen, verbindenden, Menschen und Nicht-Menschen einschließenden planetaren Rahmen zu setzen, ist heute, über 70 Jahre nach dem Trauma des Nationalsozialismus, ein immer noch herausfordernder Schritt.

Die Geschichten im Fokus dieser Oya-Ausgabe sind eine Einladung, sich behutsam an die lebensfördernden Qualitäten des Zu-Hause-Seins heranzutasten und dabei die Gefahren der Heimatsehnsucht beständig im Blick zu haben.

 

Oya #45 »Nach Hause gehen« landet kommende Woche in den Briefkästen der Abonentinnen und Abonennten. Bald darauf kann das Heft auch an Bahnhofskiosken gekauft werden.

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Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 27.09.2017

1 Kommentar

von Birte am 28.09.2017

«Liebe Lara, vielen Dank für Deine Worte. Sie sprechen aus, was schon länger in meiner Seele einen Spagat versucht. Danke!»


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