Beitrag vom 14.09.2017

Wie kann nach Hause gehen politisch sein?

In der letzten Ausgabe der Oya haben wir uns unter dem Thema „Wachsen auf Sediment“ mit alternative Wirtschaftsformen jenseits der Tauschlogik, mit neuen Betrachtungen von Zeitlichkeit oder mit der Kraft von jungen Menschen beschäftigt. Darauf folgt jetzt ein Heft über das „nach Hause kommen“ und der Frage inwieweit dieses Zuhause auch eine politische Dimension hat.


Wie kann nach Hause gehen politisch sein?
- Einstimmung auf die kommende Oya #45 -


Ich bin kein politischer Mensch. Eigentlich. Das sagte ich jahrelang und immer wieder und war davon überzeugt, dass ich nicht „politisch“ bin. Nicht politisch im Sinne von berechnend, kalkulierend, sich in den Vordergrund drängen wollend, sich mit der Steuergesetzgebung und dem Bund-Ländern-Finanzausgleich befassen wollend. Es hat lange gedauert, etwa 15 Jahre, bis ich aufgehört habe, diesen Satz zu benutzen. Bis ich verstanden habe, was Politik auch ist und sein könnte.

Ich war immer schon ein politischer Mensch. Ich war Klassensprecherin und in der Fachschaft meines Studienganges, und später bei bundesweiten politischen Netzwerken aktiv. Ich habe protestiert und bei Aktionen mitgemacht, und jetzt arbeite ich bei einem Verein, der politische Bildungsarbeit macht und Graswurzelbewegungen verbindet.

Was heißt überhaupt „Politik“? Es heißt im griechischen Sinne der „politeia“ Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen. Die Forschungsfrage lautet also: Wie kann „nach Hause gehen“, also die Verantwortung für mein eigenes Lebensumfeld zu übernehmen, anzunehmen, zu leben und zu erfüllen, wie kann diese Verantwortung mit der Verantwortung und Gestaltung des Gemeinwesens, also Zusammenhänge, die über mein Haus hinausgehen, zusammen kommen? Ist das nicht eine Überforderung?

Wo liegt zu Hause?

Wir sitzen in der Brennkammer, mein Vater und ich. Es ist ein regengrauer Märztag, doch uns ist mollig warm hier drin. Wir betrachten, wie der Lutter ganz langsam, Tropfen für Tropfen, in den Eimer hüpft. Wir sitzen und schweigen friedlich. Lutter ist der erste Brand, der aus dem Apfelmost noch nicht so hochprozentigen Alkohol macht, mit vielen Fusel-Anteilen, das habe ich heute gelernt. In einem einem zweiten Brenndurchgang nächste Woche wird er noch einmal durch den Kupferkessel geschickt und veredelt werden. Der Kupferkessel stammt aus der Gastwirtschaft, die meine Ur-Urgroßeltern und danach meine Urgroßeltern bis in die 1960er Jahre betrieben haben. Dann haben sie verkauft, mein Opa wollte nicht zusätzlich eine Gastwirtschaft führen, sondern nur Förster sein, wie es sein Vater und sein Großvater und sein Urgroßvater auch schon waren. Den Kupferkessel haben sie mitgenommen aus der alten Gastwirtschaft, genauso wie das Brennrecht. Der Kessel ist fest eingemauert, so verteilt sich die Wärme besser. Geheizt wird der Brennkessel mit dem Holz vom Obstbaumschnitt des Herbstes. Es ist Holz, das eine ungleichmäßige Wärme macht. Für den Lutter gut genug. „Das ist nachhaltig“, sagt mein Vater stolz, weil er weiß, dass mir solche Dinge wichtig sind. An den Wänden sieht man noch die braunen Spritzer und Flecken, als der Kessel früher einmal übergelaufen ist - „gekotzt hat“, wie mein Vater sagt – Jahrzehnte alte Zeugnisse dafür, dass mein Großvater oder mein Urgroßvater nicht so penibel auf den Druck im Kessel geachtet haben, wie es mein Vater tut. Überall die Spuren meiner Familie, meiner Vergangenheit. Meine kleine Tochter spielt derweil mit meiner über neunzigjährigen Oma im Haus. Spuren der Zukunft? Mein Vater brennt einen sortenreinen Schnaps aus Gravensteiner Äpfeln, darauf legt er wert. Es ist ein guter Schnaps. Ich schaue zu, lerne, und frage mich, wie nach Hause gehen politisch sein kann. Ich weiß jetzt, wie ich politisch sein kann. Aber ich weiß nicht genau, was es heißt, nach Hause zu gehen, und ob ich das will.

Wenige Tage später warte ich auf den ICE, der aus der nächsten Stadt abfährt und mich zurück bringt in mein Großstadtleben. Von meinem Bahnsteig aus sehe ich den Busbahnhof, und von dort dringt ziemlich laute, extrem groovige Musik. Ich drehe mich um, und sehe die Jugendlichen, die tanzen. Breakdance. Ich lasse meine Blicke weiter schweifen und erfasse plötzlich die Szenerie: während in der Mitte immer abwechselnd die Mutigen tanzen, stehen darum herum große Grüppchen von Jugendlichen, und auch oben auf der Eisenbahnbrücke sitzen sie, blinzeln wie Tiger in die Sonne, schauen gespannt-gelangweilt herab. Der Busbahnhof ist ihr Place to Be in dieser ordentlichen Stadt. Ich lächle, setze mich und schaue zu. Ich denke an die Zeit, als ich 14 war. Ich erinnere mich, wie wir an unserem verschlafenen Kleinstadtbahnhof herumsaßen, ein paar Jugendliche, stundenlang. An das Gefühl, hier irgendwie an die Welt angebunden zu sein, die Möglichkeit des Wegfahrens greifen zu können in den alle halbe Stunde an- und abfahrenden Zügen. An das Kribbeln, als der Junge neben mir nach gefühlten Stunden des Wartens zaghaft meine Hand nahm. An die Liebe zu Bahnhöfen, die mir geblieben ist –  immer noch erfüllt es mich mit kribbliger Aufregung, wenn ich darüber nachdenke, jetzt einfach den Zug nebenan nach Moskau zu besteigen, nach Paris oder nach Wien, wenn ich von Berlin, Gleis 3, Tiefbahnhof, nach Anklam fahre. Als ich Anfang zwanzig war wollte ich weg fahren, weg von den Spuren meiner Vorfahren, von der Familie, von den Gravensteiner Apfelbäumen, dorthin, wo ich Menschen vermutet habe, die die Sprache meines Herzens sprechen. In die große, glitzernde Stadt.

Die Sehnsucht nach dem Glitzern

Ich erinnere mich an ein Gespräch letzten Herbst mit einer ungarischen Freundin, ich war für die 5. Internationale Degrowth Konferenz in Budapest – eine internationale Tagung zu Kritik an Wirtschaftswachstum und gesellschaftlichen Alternativen. Es war ein lauer Spätsommerabend, und ich half ihr, die Wäsche abzuhängen in ihrem schäbig-schönen alten Hinterhof, auf den die Musik einer Nachbarin schallte. Ihr Mann brachte die Kinder zu Bett. „Weißt du“, sagte sie zu mir (auf Englisch, aber das ist hier nicht von Bedeutung), „das mit Degrowth ist ja eine gute Idee, aber ich weiß nicht, wie das funktionieren kann. Die Konsumwelt ist einfach zu verführerisch.“ Und dann erzählte sie mir eine Geschichte, ihre Geschichte, die mich nicht mehr losgelassen hat: Sie selbst ist die ersten zehn Jahre ihres Lebens in Rumänien aufgewachsen, in den 1980er Jahren ein ärmliches Land. Es gab wenige Dinge, aber von allem genug, es war eine beschauliche, gesellige Welt, in der meine Freundin manchmal ein Huhn mit aufs Plumpsklo in Omas Garten nahm, um Gesellschaft beim Klogang zu haben. Zu Weihnachten kamen Westpakete, von der ungarischen Verwandtschaft, mit glitzernden Bonbons darin, die man den Weihnachtsbaum hängen konnte. Meine Freundin hütete die glänzenden Bonbonpapiere wie einen Schatz. Sie strich sie glatt, sie holte sie hervor, und sie dachte mit Sehnsucht an den Westen, in dem alles glitzert. Und dann, als sie 10 Jahre alt war, war es soweit, die Familie durfte ausreisen, für immer, nach Ungarn. Sie ließen die Oma, den Garten und die Hühner zurück und überquerten mit dem Auto nachts die Grenze. Meine Freundin erinnert sich noch daran, wie die Leitpfähle der großen Straße in der Nacht glitzerten und schimmerten, um sie zu begrüßen, dessen war sie sich sicher. Sie war angekommen im glitzernden Westen. Woher kommt dieses Verlangen nach dem Glitzernden?, schloss sie ihre Erzählung, und wir dachten gemeinsam darüber nach, wie schon unsere Kinder als Babys von glitzernden Dingen fasziniert gewesen waren. Vielleicht lieben wir Menschen alle das Glitzern, so wie die Elstern.

Wenn nach Hause gehen selbst schon ein politischer Akt ist, dann muss die Frage anders gestellt werden. Dann lautet sie nicht mehr: Wie kann nach Hause gehen politisch sein? Sondern: Wo liegt überhaupt zu Hause? Wer entscheidet darüber, welchen Ort jemand zuhause nennen darf? Müssen dort die Spuren unserer Vorfahren an den Wänden zu sehen sein? Wie lange muss ich mich um etwas kümmern, bevor es meins geworden ist? Und natürlich: Wie kann nach Hause gehen glitzern?

geschrieben von Andrea Vetter
am 14.09.2017

1 Kommentar

von Timo Ollech am 14.09.2017

«Zu der Frage "Wie kann nach Hause gehen politisch sein?" passt wunderbar dieser Essay von Charles Eisenstein: https://charleseisenstein.net/essays/the-age-of-we-need-each-other/»


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