Beitrag vom 20.07.2017

Wachsen auf Sediment: Wovon Oya #44 handelt

Bevor wir eine Zukunft erfinden, sollte uns bewusst werden, was vor uns war.
 
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In der Stadt ist es still. Kein Auto ist zu sehen, an den Straßenkreuzungen warten Polizistinnen und Polizisten. Einige Kilometer weiter stehen auf einer Hauptverkehrsader seit Stunden Autos im Stau, Menschen picknicken auf dem Asphalt. Die abgeriegelte Stadt im Ausnahmezustand – ist das ein Vorgeschmack auf Kommendes? In Hamburg tagt der »Alternativgipfel«, wo Menschen die Utopie einer aus ganz anderen Gründen autofreien Stadt, in der anstelle von Supermärkten Gemüsegärten angelegt werden, entwerfen. Tags darauf wird in der Elbphilharmonie Beethovens Neunte gespielt. Im Publikum sitzen die Regierenden der G20‑Länder. Davor werfen Vermummte mit Steinen und Flaschen, Polizei marschiert auf. In Berlin wird während des Gipfels eine Änderung der Strafprozessordnung bestätigt, die es dem Staat erlaubt, Computer und Smartphones zu hacken.

Die Gegenwart wirkt wie ein surrealistischer Film. Alle sehen mehr oder weniger fassunglos, stumm oder empört zu, wie die Risse zwischen verschiedenen Realitäten und zum Teil diametral entgegengesetzten Visio­nen und Utopien größer und größer werden. Wo bleibt die Aufbruchstimmung, wo die frohe Erwartung einer schwungvollen Manifestation des vielbesungenen sozial­ökologischen »Wandels«, der »großen Transformation«, der »großen neuen Erzählung«?

Selbstverständlich ist viel in Bewegung. Immerhin kamen zum Alternativgipfel mehr als 1500 Menschen – vor allem solche, die sich bisher erst wenig in die Kreise begeben haben, welche das Motto »Eine andere Welt ist möglich« verbindet. Doch die Utopie einer Welt, die das Prinzip der Ausbeutung hinter sich lässt, klingt derzeit nur verhalten an und leuchtet nicht strahlend auf. Symptomatisch dafür war ein Workshop über die »Stadt meiner Wünsche« auf dem Alternativgipfel, in dem viel Zeit verging, bevor sich die utopische Fantasie der Beteiligten zu regen begann. Viele Menschen fühlen sich gelähmt und können sich eine Gesellschaft, die nach ganz anderen Prinzipien konstruiert ist als die der allseits bekannten Megamaschine – eine Metapher für die sich auf alle Lebensbereiche ausweitende Verwertungslogik und die daraus entstehende Spirale struktureller Gewalt –, kaum vorstellen. Diese Lähmung der konkreten Vorstellungskraft geht mit einem sehr starken Gefühl einher, dass das alte »System« ausgedient hat. Laut der im Mai veröffentlichten Umfrage »Generation What?« unter fast einer Million Europäerinnen und Europäern zwischen 18 und 34 Jahren würden sich 56 Prozent an einem Aufstand gegen »die an der Macht« beteiligen wollen. Das ist mehr als die Hälfte. Was heißt das für unsere Gesellschaften? Wohin würde es dann gehen?

Die großen Medien sorgen sich seit Monaten über die populistischen oder gar präfaschistischen Entwicklungen in der Politik. Die New York Times vermeldet, dass »1984« derzeit in den USA wieder ein Bestseller ist. Der »Spiegel« vom 1. Juli dieses Jahres zeigte einen Wolf, zwischen dessen Fangzähnen sich die Erdkugel befindet, und titelte: »Globalisierung außer Kontrolle – Traut euch! Radikal denken, entschlossen handeln – nur so ist die Welt noch zu retten.« Dystopische Szenarien, wie sie George Orwell oder Aldous Huxley ersonnen haben, werden durch die Techniken der Gegenwart bei weitem übertroffen. Während des G20-Gipfels kam im Himmel über Hamburg erstmals außerhalb eines Kriegsgebiets die für den gezielten Abschuss von Menschen konstruierte US-Drohne MQ-1 »Predator« zum Einsatz. Hier wird eine Utopie Wirklichkeit, die nichts, aber auch gar nichts mit dem zu tun hat, was das Move-Utopia-Festival »eine Welt nach Bedürfnissen und Fähigkeiten« genannt hat.

Tausend Menschen verschiedenster Bewegungen waren da zusammengekommen. Das ist, für sich genommen, enorm ermutigend. Trotzdem endete das Treffen nicht in euphorischer Stimmung und dem Strahlen einer gemeinsamen Utopie, sondern in großer Nachdenklichkeit über die Diversität der Bewegungen, ihre Widersprüche, ihre Verletztheit und ihre selbstgezogenen Grenzen – und dennoch voller Hoffnung, dass etwas unaufhörlich wächst, das seine Wurzeln tief ins Sediment der Geschichte eingegraben hat. Geologisch bezeichnet das Sediment abgelagerte Stoffe, die ursprünglich an anderer Stelle abgetragen oder abgeschieden wurden. Welche gesellschaftlichen Ablagerungsprozesse zeichnen die Entwicklung der Menschheit nach?

Hat mensch nicht auch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts bunte Bewegungen für »gutes Leben«, zusammengefasst unter dem Begriff »Lebensreform«, wachsen sehen? Von der Frauenbewegung über den Vegetarismus bis zur Gemeinschaftsbewegung war doch alles, was sich in seiner zeitgenössischen Fassung auf Treffen wie Move Utopia wiederfindet, schon damals präsent, zum Beispiel beim »Kongress der Naturrevolutionäre« 1922 in Berlin – und hatte nicht die Kraft, dem Nationalsozialismus etwas entgegenzusetzen, wurde instrumentalisiert, überrollt oder korrumpiert. Und die Bewegungen haben bis heute nicht die Kraft, dem globalisierten Turbokapitalismus oder der »Festung Europa« allzu viel entgegenzusetzen. Zum Sediment der Vergangenheit gehört das immer wieder neue Scheitern von Bewegungen für Frieden und Gerechtigkeit ebenso wie die Erfahrung, dass sich etwas unaufhaltsam Bahn bricht, so wie die afroamerikanische Bürgerrechtsbewegung im 18. und 19. Jahrhundert.
Das Leid der Kolonialherrschaft – angefangen bei den ersten antiken Staaten im Mittelmeerraum – ist eine Schicht im Sediment ebenso wie das Leben von Milliarden von mehr oder weniger zufriedenen Menschen, die friedlich vor sich hingelebt haben. Lässt sich all das mit »Graswurzeln« durchdringen?

In den letzten Jahren war in den Bewegungen rund um »den Wandel« viel vom »Neuen« die Rede. Wer erfindet denn nun die »große neue Erzählung«, die eine sozialökologische Transformation einleitet? Über eine Welt ohne Gewinner und Verlierer, über ein »gutes Leben für alle«, gibt es womöglich nicht viel sensationell Neues oder Begeisterndes zu sagen.

Gibt es so etwas wie ein Menschenrecht, sich selbst und die eigenen Fähigkeiten in die Welt einbringen zu können, ohne daran gehindert zu werden? Diese Forderung wäre radikal, ja revolutionär, aber sie kommt in großer Schlichtheit daher. Können Menschen gemeinschaftlich, pragmatisch und bescheiden füreinander »materielle Grundgeborgenheit« herstellen? Benötigen sie mehr, als die Fülle des Gegebenen zu feiern und unbegrenzt das wachsen zu lassen, was mehr wird, wenn wir es teilen? Brauchen sie mehr als immaterielle Geborgenheit im Wohlwollen der anderen? Mehr als die Einladung, die eigene Persönlichkeit zu entfalten und sich mit all ihren Ecken, Kanten, Großartigkeiten und Unmöglichkeiten in aller Freiheit in sinnvolle Zusammenhänge einzubringen? Die Geschichte des guten Lebens ist eine Geschichte des Geborgenseins – geborgen sein im Fluss der Zeit, in der Schönheit der Sommerblumen, im Spiel der Sonnenflecken auf dem Waldboden. Die zeitlose Wirklicheit erzeugt unbeirrt Schönheit.

Angesichts der zerissenen, gelähmten Gegenwart fiel uns in dieser Oya-Ausgabe nichts anderes ein, als zwei Narrativen auf den Grund zu gehen: der Geschichte der Gabe – vom Wirtschaften jenseits der Logik des Tauschens und Verrechnens – und der Geschichte des vertrauensvollen Zusammenwirkens von Menschen, deren Unterschiedlichkeit, Persönlichkeit und Prägung sich ausdrücken, ohne andere zu unterdrücken.

Diese zwei Geschichten scheinen vordergründig keine starke Antworten auf Turbokapitalismus und Totalitarismus zu sein, aber sie berühren den Kern von Wirtschaft und Machtstrukturen. Gerade darin liegt ihre stille Kraft. Da ist eine Ahnung davon, wie es »gut« sein könnte und wie sich dieses »Gute« in eine Praxis übersetzen ließe. Dafür den Raum freizuhalten, unbeirrt die Klarheit zu bewahren, das ist vielleicht möglich – und wichtig – angesichts der sich immer weiter zersplitternden, gelähmten Welt.

 

Dies ist eine gekürzte Version des Artikels aus der Oya #44 »Wachsen auf Sediment«, die in der nächsten Woche in den Briefkästen der Abonentinnen und Abonennten landet. Bald darauf kann das Heft auch an Bahnhofskiosken gekauft werden.

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geschrieben von Matthias Fersterer
am 20.07.2017

3 Kommentare

von Horst aus Halle am 21.07.2017

«JA ! - ohne Vorbehalte oder wesentliche Ergänzungen.»

von Der Krahnberger am 22.07.2017

«Zu den letzten zwei Absätzen vielleicht soviel: "...vom Wirtschaften jenseits der Logik des Tauschens und Verrechnens..." - Mir scheint die Emanzipation heraus aus dem jetzigen (fast) vollständig materialisierten Leben - der Abhängigkeiten - schier unmöglich. Es ist vielleicht für uns "sowieso Querdenker" noch theoretisch zu denken, für die Initiativen im Wendland - euer Bericht hier: http://www.oya-online.de/blog/279-/view.html - und andere hoffnungsvolle Versuche ein Hoffnungsschimmer. Aber für die meisten unserer Mitmenschen wohl nicht mal im Ansatz vorstellbar. Sie schauen mich ja schon "mitleidsvoll" an, wenn ich meine, ein gutes Leben könne auch ohne Geld und Tausch organisiert werden. Es braucht da wohl doch mehr als nur Theorie - es braucht m.E. einer vorgelebten und vorzeigbaren Praxis, um Mitmenschen davon zu überzeugen auch ohne Geld und Warentausch ihre Bedürfnisse befriedigen zu können. Wobei die Bedürfnisse dann nicht dieselben sein können, die vom kapitalistischen System als solche definiert werden (Werbung, Verlockung, falsche Versprechungen usw.).
Hier mal ein paar Gedanken dazu: https://eigentumsfragen.wordpress.com/2016/03/22/was-kann-mensch-tun/

"… und der Geschichte des vertrauensvollen Zusammenwirkens von Menschen, deren Unterschiedlichkeit, Persönlichkeit und Prägung sich ausdrücken, ohne andere zu unterdrücken..." scheint mir doch eher vermittelbar und machbar, als eine materielle Veränderung. Die Empathie steckt uns Menschen in den Genen. Deshalb wohl nicken auch Leute in der unmittelbaren Umgebung, die sonst sogar Geschenke gegenrechnen (insgeheim - aber nicht mehr verschämt wie vor z.B. 30 Jahren) zustimmend. Sie beschweren sich über die derzeitig und sich immer mehr verschlimmernden zwischenmenschlichen Verhalten (auf Arbeit, in der Kaufhalle, auf der Straße), machen aber auch gleich Vorschläge wie es besser sein könnte. Also ein Lächeln, eine kleine Hilfestellung oder ein gutes Wort usw. Es darf eben nur nichts (Geldwertes) kosten …»

von Matthias Fersterer am 22.07.2017

«Es ist zwar nicht möglich, im Hier und Jetzt konsequent geldfrei zu leben, es ist aber durchaus möglich, ein anderes Verhältnis zum Geld zu entwickeln. Auch Geld lässt sich als Gabe betrachten. Somit kann der verwertungslogischen Struktur der »Megamaschine« zumindest auf der persönlichen und zwischenmenschlichen Ebene etwas entgegengesetzt werden. Wie der französische Soziologe Marcel Mauss in seinem einflussreichen Essay »Die Gabe« (1923/24) zeigte, ist die Praktik des Gebens, Empfangens und Wiedergebens nicht etwas, das wir neu erlernen müssten, sondern etwas, das tief in der menschlichen Natur verankert ist. – Diesen und anderen Strängen bedingungslosen Beitragens spüren wir in Oya #44 nach.»


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