Beitrag vom 01.02.2011

Widerstandskräfte, freie Radikale und »die Bewegung«

Demonstranten, die am 29. Januar 2011 auf einem Armee-Lastwagen in der Innenstadt von Kairo stehen. (Quelle: Wikipedia, Fotograf: Ramy Raoof)

 »Alle sind sich einig. Es wird knallen«, schreibt das Unsichtbare Komitee im kontroversesten und meist diskutierten Text der vergangenen Literatursaison. Und es knallt. Am lautesten vernehmbar ist der Knall derzeit in Ägypten. Wie eine Petrischale des Wandels und des Ausnahmezustandes wird das Land am Nil derzeit von internationalen Beobachtern studiert.
Während die Bilder aus Cairo via Live-Stream in die Wohnstuben und auf die Bildschirme in aller Welt gesendet werden, ist neben Wut, Ungewissheit und Angst vor allem der enorme Freiheitsimpuls jener zwei Millionen Menschen zu spüren, die zur Stunde am Tahrir-Platz in Cairo gegen Unterdrückung und für Freiheit protestieren. Nach derzeitigem Kenntnisstand hat diese Revolution weder einen Anführer, noch folgt sie einer bestimmten Ideologie.
Unweigerlich muss ich dabei an »die Bewegung« denken, von der Paul Hawken in seinem Buch »Wir sind der Wandel« schreibt. Diese beschreibt er als eine weltweit operierende, namenlose, gewaltfreie und von den Medien größtenteils unbemerkte Graswurzelbewegung ohne zentrale Ideologie und ohne Anführer, von deren Existenz kaum jemand weiß, nicht einmal jene, die ihr angehören. Was Hawken unter dem Schlagwort »die Bewegung« sammelt, sind eine Vielzahl von Einzelbewegungen: Bis zu zwei Millionen Initiativen zählt er, die sich weltweit für ökologische und soziale Ziele sowie für die Belange indigener Völker einsetzen.
Der englische Titel von Hawkens Buch, »Blessed Unrest«, ist einem Briefwechsel zwischen den Tänzerinnen Martha Graham und Agnes DeMille entnommen und stand ursprünglich für die »seelige Unruhe«, die kreative Menschen antreibt. Im weiteren Kontext des Buches bezieht er sich auch auf die Unruhe im Weltgeschehen, die eine Chance für den Wandel birgt.
Wie Peter Sloterdijk, der in »Du musst dein Leben ändern« ein globales, als »Ko-Immunismus« bezeichnetes Ökomanagement einfordert, verwendet auch Hawken ein Bild aus der Immunologie: Den kollektiven Aktivismus beschreibt er als unsere »Immunreaktion gegen die korrupte Politik, die dahinsiechende Wirtschaft und die Zerstörung der Umwelt«. Sind Menschen, die sich für Freiheit, Gerechtigkeit und das Leben als Ganzes einsetzen, somit ein Immunsystem der Erde? Zumindest wohnt dieser kraftvollen Metapher etwas Verführerisches inne – sie führt weg vom Bild des freien Radikalen, des vereinzelten Waldgängers oder des belächelten Wutbürgers, ohne dabei eine gleichgeschaltete Masse instrumentalisierter Protestierender heraufzubeschwören.
Jüngst bemerkte Oya-Herausgeber Johannes Heimrath in einem Wohnzimmer-Gespräch mit Mathias Greffrath für Oya 7, es erfordere Demut, sich als ein weißes Blutkörperchen der Erde zu fühlen, dessen Aufgabe darin besteht, schädliche Einflüsse abzuwehren und den Organismus irgendwann in Form eitrigen Sekrets zu verlassen. Ob Leukozyten neben Demut auch jene »seelige Unruhe« empfinden, die Menschen im Kampf für eine bessere Welt auf die Gleise, die Plätze und die Boulevards treibt?

geschrieben von Matthias Fersterer
am 01.02.2011


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