Beitrag vom 18.07.2017

Wir lassen es fließen

Die kommende Oya-Ausgabe trägt den Titel »Wachsen auf Sediment«. Nach einem bodenständigen, vorherigen Heft über Humus und Stadtboden wachsen jetzt die ersten Pflänzchen. Im Wendland zum Beispiel gedeiht diese neue Form des Zusammenlebens:


Wir lassen es fließen
– Erste Leseprobe aus der Oya #44 »Wachsen auf Sediment« –

Seit vier Jahrzehnten ziehen insbesondere der Protest gegen die Atomkraft und eine Ökonomie der Solidarität Menschen ins Wendland. Einige von ihnen pflegen heute einen freien Fluss des Gebens und Nehmens.

Bald füllen die Bewohnerinnen und Bewohner der Kommune Karmitz – das ist eine Lebensgemeinschaft im niedersächsischen Wendland – wieder Flaschen im Akkord. Viele Menschen aus der Region bringen im Herbst Äpfel aus ihren Gärten, von Straßenrändern und Streuobstwiesen dorthin und nehmen ein kostbares Gut mit nach Hause: den Saft ihrer eigenen Äpfel. Dafür zahlen sie am Ende -einen fairen Preis. Die Karmitzer Mosterei ist aber viel mehr als ein kleiner Ökobetrieb. Aus den Karotten, der Roten Bete und den Pastinaken der Karmitzer Kommune sowie den Äpfeln der Nachbarkommune in Volzendorf pressen die Karmitzer zusammen mit freiwilligen Helferinnen und Helfern einen Saft, der keinen Preis hat. Sie schreiben weder ihre Stunden auf noch rechnen sie später den Saftanteil für die Volzendorfer aus. In Volzendorf ist das nicht anders. »Als wir im März 2016 eingezogen sind, haben wir mit der Hilfe und den Geräten der anderen ruckzuck das Haus renoviert«, erzählt Bascha von der neuesten Kommune Hoppla, während sie Tomaten für die Freitagspizza einkocht.

Unter den Kommunen im Wendland ist ein Wirtschaften ohne Geld und ohne Gegenwert möglich: im Grunde so, wie es früher üblich war – unter den Bauern, den Handwerkerinnen und den anderen Dorfbewohnern. »Wie hoch soll die Rechnung für die befreundete Kommune sein?« – »Warum soll alles untereinander verrechnet werden?» Auf Fragen wie diese wussten die wendländischen Kommunardinnen und Kommunarden immer seltener eine plausible Antwort zu geben – bis einige schließlich ganz aufgehört haben, sich Geld hin und herzuschieben. Weil sie ihre Arbeit, ihre Dienstleistungen, ihr Wissen und ihre Dinge frei fließen lassen, nennen sie ihre Solidarökonomie den »Freien Fluss«. Sechs Lebensgemeinschaften und ein Gasthof bilden zusammen das regionale Kommunen-Netzwerk -»Interkomm«. Zusammen sind sie etwa 70 Menschen. Seit es Kommunen im Wendland gibt – die ersten gründeten sich Mitte der 1970er Jahre –, stehen eine gemeinsame Ökonomie und der politische Wider-stand auf ihrer Agenda. Was als geldfreier Tausch zwischen zwei Kommunen begann, wuchs an verschiedenen Orten langsam zu einem Grundstein des Zusammenlebens heran.

Es fließt kein Geld

Dabei ist viel mehr als Saft im Spiel: Die einen kochen im Gasthof, die anderen schlagen Holz im Wald. Baumpfleger sorgen für einen professionellen Obstbaumschnitt, und die Heilpraktikerin behandelt Rückenleiden. Sie reparieren Autos und Computer, teilen ihr Wissen über die Vereinsbuchführung und helfen beim Pizzabacken auf der »Kulturellen Landpartie«, einem Fest im Wendland, bei dem seit über 20 Jahren Künstler und Handwerkerinnen, Gärtnerinnen und Freunde Tür und Tor öffnen und zugleich ihrem Widerstand gegen die Atomkraft Ausdruck verleihen.

Auf dem Frühstücksteller von Hans Wenk, Bewohner der Kommune Kommurage in Meuchefitz, liegen zwei Scheiben von einem Brot, das in Karmitz gebacken wurde. Jeden Donnerstag wird eine Brotladung in den Gasthof Meuchefitz geliefert, wo sie an die Kommunen weiterverteilt werden. Vom Acker der Kommune Güstritz stammt die Rote Bete in Hans’ Apfel-Gemüse-Saft, gepresst in Karmitz. »Am Donnerstag gehen wir in den Gasthof zum Essen und Trinken; mal wird bezahlt, mal wird umsonst genossen – das bleibt die Entscheidung von jeder und jedem«, sagt Hans Wenk.

Ausgekeimt

Was Hans Wenk erzählt, hat mit dem vorsichtigen Versuch zu tun, den Freien Fluss auch für Menschen jenseits der Kommunen zu öffnen. Einige Kommunardinnen und Kommunarden wünschen sich, »aus dem Inseldasein herauszukommen« und zumindest in einer Region wie dem Wendland, wo der Nährboden gut ist, ein anderes Wirtschaften zu ermöglichen. Ungefähr 30 Menschen, darunter nicht nur Einzelpersonen, sondern auch Grüppchen aus losen, aber gut zusammenwirkenden Dorfgemeinschaften, stoßen nun langsam dazu. Künftig wollen einige der Neuen Tofu machen, andere Brot und Saft. Zu diesen Zwecken stellen die Betriebe der Kommunen ihre Infrastrukturen zur Verfügung. Die neuen Menschen im Freien Fluss sind zunächst vor allem jene, die den Kommunen nahestehen, aber selbst nicht in einer solchen leben, sondern in den Nachbarschaften oder den Dörfern drumherum. Die Inseln verbinden sich also mit den Landzungen, nicht aber gleich mit dem ganzen Festland.

So wie im Wendland schlossen sich vor etwa sechs Jahren fünf Kommunen im Raum Kassel zusammen, um einander Dinge und Dienste zu schenken. Neben einer gemeinsamen Zeitung, einem Pflegedienst und den Gärtnereien, die sie zusammen aufgebaut haben, kauften sie gemeinsam fünf Hektar Land. Dies war ein erster Schritt, um nicht nur die Alltagsökonomie, sondern auch die Vermögensökonomie zu teilen. Zwischen Wendland und Kassel gibt es mittlerweile einen regen Erfahrungsaustausch, ohne den keiner der beiden Zusammenschlüsse heute dort wäre, wo er ist. Überregional werden Fachwissen oder professionelle Hilfe – zum Beispiel Mediation – bereitgestellt. Wäre solch ein System des bedingungslosen Gebens und Nehmens also nicht nur im Umkreis weniger Kilometer, sondern auch über Distanzen von 500 Kilometern und über Landesgrenzen hinweg möglich? Wie fühlte es sich an, den Kasselern die Tankkarte in die Hand zu drücken, wenn sie im Wendland Urlaub machten? Zwischen Wendland und Kassel werden Produkte bislang nicht auf den Weg geschickt.

Die Zusammenarbeit steht und fällt mit dem gemeinsamen Werteverständnis. Die Kommunen im Wendland und in Kassel sind Teil des bundesweiten Netzwerks »Kommuja«. In dessen gemeinsamen Statut heißt es: »Wir wollen ein gleichberechtigtes Miteinander, Machtstrukturen lehnen wir ab. Wir wollen die gesellschaftlichen Verhältnisse ändern und uns vom herrschenden Verrechnungs- und Besitzstandsdenken lösen.« Eine Karmitzer Kommunardin sagt dazu: »In der Kommune leben wir das im Alltag. Das schafft Vertrauen, damit wir nach diesen Prinzipien auch über die eigene Kommune hinaus so arbeiten und leben können. Wir wollten nicht einfach nur eine Kommune auf dem Land gründen.« Und Bascha aus Volzendorf bekräftigt: »Wir sind auch ins Wendland gekommen, weil es hier den Freien Fluss gibt. Der erleichtert uns das Leben sehr.«

Dies ist eine gekürzte Version des Artikels der Oya #44 »Wachsen auf Sediment«, die in der nächsten Woche in den Briefkästen der Abonentinnen und Abonennten landet. Bald darauf kann das Heft auch an Bahnhofskiosken gekauft werden.

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Anja Humburg

geschrieben von Anja Humburg
am 18.07.2017


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