Beitrag vom 25.06.2017

Vom richtigen Ort und seinen Herausforderungen

Ein Blitzlicht vom Samstag Nachmittag auf dem MOVE Utopia. Ich hatte seit Mittag drei Stunden lang mit Hilfe von vier anderen die Spülstraße am Laufen gehalten und war zwischen der Vorspülstation, dem Haus mit der Spülmaschine und dem ehemaligen Flugzeughangar, in dem wegen Regens das Essen stattfand, mit dem Lastenfahrrad hin und her geflitzt, um sauberes Geschirr wieder zur Essensausgabe zu bringen und schmutziges wieder zur Spülstation. Es war faszinierend, wie vier einander unbekannte Menschen diese herausfordernde logistische Aufgabe bewältigten: Für 1000 Esserinnen und Esser gibt es nur 500 Teller und Löffel! Warum kommt kein heißes Wasser aus dem Schlauch? Die Küche braucht dringend mehr Besteck! Warum schäumt die Spülmaschine? Irgendjemand wusste immer Rat. Als ich merkte, dass die Aufgabe mehr Zeit verlangte, als mir zur Verfügung stand, weil ich um vier Uhr wieder bei unserem Sonnensegel beim Workshop »enkeltauglicher Journalismus« sein wollte, fand ich sofort jemanden, der bereit war, die letzten Griffe zu tun.
War es sinnvoll, dass ich jetzt so viel Zeit in die Küchenarbeit gesteckt hatte, wo ich doch vielleicht für Oya hätte Interviews führen können? Das fragte ich mich kurz, als ich doch recht erschöpft von der Spülstation wieder zu unseren Zelten zurückging. Der Workshop hatte dort schon angefangen, und ich war zu müde, um mich um den Kreis zu setzen. Permakultur-Lehrer Robert Strauch kam mir freudestrahlend entgegen und sagte: Bei uns im Tipi findet eine Schreibmaschinen-Werkstatt statt: mechanisches Artikelschreiben! Ich setzte mich in das Tipi und hörte das Klappern der Tasten, während im Hintergrund jemand Gitarre spielte. Ich machte mir bewusst, dass ich keine Ahnung haben, wie und aus welchen Materialien Schreibmaschinen hergestellt werden – und sammelte in der Ruhe des Tipis wieder Kräfte. Zurück im Oya-Zelt, begannen Matthias Fersterer, Anja Humburg und ich ein Gespräch über die Ökonomie der Gabe. Uns gegenüber schreibt eine Frau vertieft in das leere Oya-Heft, das wir mitgebracht haben.

Wir fragen uns: Wie lassen sich in Artikeln die verschiedenen Theorien, die es über ein Wirtschaften jenseits der Tauschlogik gibt, auf eine sinnvolle Weise mit der Praxis verzahnen? Manche hier auf dem MOVE sprechen von Schenkökonomie, andere finden den Begriff des Schenkens ganz ungeeignet, weil er impliziert, dass etwas aus meinem Eigentum in das des Gegenübers übergeht, aber dabei bleibt man weiter beim Konzept des Eigentums. Wenn es darum nicht geht, sondern um eine andere Art von gemeinschaftlichem Umgang mit Bedürfnissen und Fähigkeiten – wie findet sich dafür eine schöne Sprache? Wie können wir das an lebenspraktischen Beispielen verdeutlichen?
Als wir über die Getreideinitiative des Karla-Hofs sprachen, die dem Leipziger Bäckerei-Kollektiv »Rebäcka« das Mehl ohne Geld oder eine andere Gegengabe zur Verfügung stellt, sagte die schreibende Frau, Jenny vom Projektehof Wukania: Ich komme von einem Nachbar-Projekt des Karlahofs und kann den Kontakt herstellen.
Diese Synchronizität gab mir das Gefühl, am richtigen Ort zu sein, und dass es genau richtig gewesen war, die Oya-Kopfarbeit in der Mittagszeit während des Spül-Marathons völlig loszulassen. Ganz von selbst war jetzt das, was ich mir als »Oya-Schreibwerkstatt« erträumt hatte, in vollem Gang: Am Tisch nebenan blätterten mehrere Menschen in älteren Ausgaben, Jenny vom Hof Wukania schrieb weiter an ihrer Geschichte, unter dem Sonnensegel waren Leonie Sontheimer, Matthias Fellner und Johannes Heimrath in den Journalismus-Workshop vertieft, und an unserem Tisch konnte ich mit Anja und Matthias zum ersten Mal eine Idee davon spüren, wie wir in kommenden Oya-Artikeln das Wirtschafts-Paradigma »Jenseits des Tauschens« nicht nur würden vorsichtig berühren, sondern mitten in die Thematik hineinspringen können. Wir entdeckten Friederike Habermann, die in ihrem neuen Buch »Ecommony« wieder viele gute Gedanken rund um das Thema zusammengetragen hat und luden sie ein, mit uns im Zelt die begonnenen Fäden weiterzudenken. Mit Friederike zusammen nachzudenken, ist wunderbar. Ihr Wohlwollen allen konstruktiven Ansätzen gegenüber verbindet sie mit differenzierten Analysen und einem kritischen Blick, der aber nie trennend, sondern eher öffnend und verbindend wirkt. Wir hatten ein Aufnahmegerät auf dem Tisch liegen, um den Gesprächs-Schatz aufzuzeichnen. Zwei schöne Wörter haben wir gelernt: »Grundauskommen« statt »Grundeinkommen«. Es geht ja nicht darum, so oder so viel einzunehmen, sondern schlicht darum, das eigene »Auskommen« zu haben. Oder »materielle Grundgeborgenheit« – das verdeutlich, dass es immer die anderen sind, die das Leben ermöglichen: Geborgenheit entsteht nicht in erster Linie aus mir selbst heraus, sondern indem andere sie mir schenken. Ist es möglich, ein Leben in Geborgenheit statt in Existenzangst zu führen? Genährt sein und sich mit seinen Fähigkeiten in die Welt einbringen – um diese Utopie geht es den 1000 Menschen hier, und obwohl das so einfach klingt, scheint die Verwirklichung eine gigantische Herausforderung zu sein.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 25.06.2017

2 Kommentare

von Horst G. am 25.06.2017

«Gelegentlich bedrückt mich schon die unschärfe und verbrauchtheit von begriffen, die ein neues denken verhindern oder verfälschen, zumindest aber mißverständlich und kontraproduktiv sind. Meist tendiere ich dann dazu, neue junge lebenskräftige begriffe zu finden und in die welt zu setzen - aber "SCHENKEN" will ich dann doch annektieren und mit der neuen besseren bedeutung versehen als: Übergabe in den besitz oder das individualeigentum (vs privateigentum) oder eben in die verantwortliche pflegnutzung. »

von Lara am 26.06.2017

«Ja, ich finde auch, dass »Schenken« ein starker Begriff ist – er muss nicht mit dem Gefühl eines individuellen Weihnachtsgeschenks aufgeladen sein. In der heutigen Kultur gilt ein Geschenk als etwas besonderes. Kann es auch etwas völlig normales sein, dass mensch sich beständig Aufmerksamkeit, Unterstützung und auch materielle Notwendigkeiten schenkt? Auf jeden Fall scheint es mir wichtig, das Schenken vom Sockel jeglicher Überhöhung herunterzuholen. Mit Friederike Habermann haben wir auch darüber gesprochen, dass es das kulturelle Muster gibt: Ich muss gut sein, ich muss viel den Armen schenken, damit ich in den Himmel komme. Das ist eben nicht bedingungslos, aber eine solche moralische Selbstlosigkeits-Forderung sitzt uns kulturell in den Knochen. Lässt sich das Schenken davon befreien?»


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