Beitrag vom 22.06.2017

MOVE Utopia – Der erste Tag

Gleich werden 50 Menschen unter dem Oya-Sonnensegel über solidarisches Wirtschaften sprechen.

Während dieser Blogtext entsteht, wird im in unserer Leseecke im Zelt, in dem es ein Bücherregal, einen gemütlichen Sessel und sogar einen Wohnzimmerteppich gibt, für eine kleine Runde Oya-Artikel vorgelesen – den Anfang machte das Interview mit Petrus Akkordeon, der versucht hat, ein Jahr lang als Hirsch zu leben. Die meisten der 1000 Menschen auf dem Move Utopia sind noch beim Abendessen. Es fühlt sich gar nicht so an, als seien es 1000, über dem Platz liegt eine ganz ruhige, entspannte Atmosphäre. Wir sind auf einem erstaunlichen Gelände: Auf dem ehemaligen russischen Militärflugplatz bei Lärz sind die Hangars mit Gras überwachsen, und die Bäume sind zwar noch jung aber hoch, und unter diesen Baumgruppen stehen phantasievolle Hütten, Schiffe, Jurten, Plattformen und Zelte aller Art. Wir haben gestern unsere beiden Zelte aufgeschlagen, ganz in der Nähe des Essenbereich und haben das Gefühl »mittendrin« zu sein. Heute Nachmittag hat es sich ergeben, dass ein World Café zum Austausch unterschiedlicher Bewegungen im Bereich alternativer Ökonomie sich spontan mit der Oya-Gesprächsrunde über unser Experiment »Wir ermöglichen Oya!« verbunden hat. Unser Sonnensegel und die Tische, Stühle und Bierbänke, die wir mitgebracht haben, waren dafür wie geschaffen. Am Oya-Tisch kamen lauter Menschen zusammen, die wir wie wir hautnah mit dem Problem zu tun haben, dass das, was sie wirtschaftlich tun wollen, in keine der »Schubladen« kapitalistischen Welt passt: Ob es ein Grafikbüro oder ein Journalistinnen-Kollektiv ist, in dem die Beteiligten aus einem Topf wirtschaften möchten, eine Reise-Universität, ein Architektur-Projekt für ein energieautarkes Minihaus, ein Kunstverein oder der Oya-Redaktionskreis, der seine Arbeit nicht mehr »verkaufen« möchte – alle finden keine geeignete Rechtsform. Was wir tun, gilt in dieser Gesellschaft als kommerziell, aber wir verfolgen damit keine kommerziellen Interessen, sondern möchten nur etwas Sinnvolles in die Welt bringen. Also werden Lücken oder Kompromisslösungen gesucht. Was ist hier ein sinnvoller, transformativer Weg? Ganz die Welt des Wirtschaftens verlassen und informelle Formen suchen? Oder sich stark machen für neue Rechtsformen, die Allmende-Prinzipien abbilden? Die Diskussion verdeutlichte, dass es zu diesem Thema großen Austausch-Bedarf gibt. Für alle, die mit neuen Wegen experimentierten, fühlt es sich an wie ein »Sprung ins Nichts« – wer aus der Logik, dass der Sinn des Wirtschaftens das Geldverdienen sein soll, aussteigt, fällt durch alle Raster des Systems. Können wir uns gegenseitig ermutigen, diesen Sprung zu wagen?
In einem Vernetzungsbereich gleich neben den Oya-Zelten ist das Thema »Commons und Rechtsformen« auch präsent. Hier wollen wir morgen neue Kontakte knüpfen zu Menschen, die sich schon länger damit beschäftigen. Das ist eine der Qualitäten dieses Zusammentreffens – alles liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zueinander.
Gerade geht ein Gewitter über dem Platz nieder. Die Vorlese-Runde ist gewachsen und nah zusammengerückt, denn der Regeln prasselt laut aufs Zeltdacht. Das Gespräch zwischen Albert Vinzens und Johannes Heimrath aus der Oya-Ausgabe »Verbundenheit« ist gerade das Wunschprogramm. Auch heute Mittag hat es schon einmal heftig geregnet, geblitzt und gedonnert. Wir saßen derweil im Kreis mit Hildegard Kurt und Robert Strauch und haben über eine Idee gesprochen, die sie derzeit zusammen mit dem Philosophen Andreas Weber entwickeln: Zur Mittsommerzeit ein »Erdfest« ins Leben zu rufen: Weniger als Veranstaltung, sondern als Beginn einer Tradition, in den Tagen zwischen Mittsommer und Johanni an vielen Orten das Natur-Sein, das Erde-Sein zu feiern, sich dem Boden unter unseren Füßen zuzuwenden. Wir haben darüber nachgedacht, wie es gelingen könnte, dass daraus kein Aktionismus erwächst nach dem Motto: Wie bekommt man möglichst viele Menschen dazu, mitzumachen? Sondern eher: Wie entsteht ein Feld, in dem sich authentische, vielfältige Formen entwickeln, von denen wir gerne einander erzählen, so dass es vielleicht in mehreren Generationen so selbstverständlich ist, ein Erdfest zu feiern, wie heute Weihnachten gefeiert wird? Wir hatten darauf keine Antwort, sondern Freude am gemeinsamen Forschen zu neuen Formen, die sich organisch entwickeln.
Der morgige Tag bringt sicherlich neue Abenteuer. Am Nachmitag ist eine Gesprächsrunde mit Andrea Vetter, Malo Vidal und Johannes Heimrath über Autorität geplant – alles andere ist dem freien Fluss überlasen.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 22.06.2017

2 Kommentare

von Christiane am 22.06.2017

«Die Gedanken zu der nicht kommerziellen Arbeit sind mir nah und dieses Dilemma viel zu tun, das ich für wichtig finde, aber das eben nicht bezahlt wird ist ständiger Begleiter. Spannend da weiter zu denken und zu experimentieren. Die Idee mit dem Erdfest gefällt mir außerordentlich gut.»

von Linda am 23.06.2017

«Ja, wie könnte sie aussehen eine unkomplizierte unkommerzielle Welt, eine Welt ohne Geld, frei von den damit verbundenen Bewertungen und Statuskategorisierungen? Wenn der Fokus mehr auf dem Einbringen, dem Teilen, dem Bewahren und der Frage: Was kann ich, was möchte ich an Arbeitskraft und Ideen geben liegt - wäre das ein schönes Ideal. Schwierig nur diese Vision in einem kapitalistischen Staatensystem umzusetzen. »


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