Beitrag vom 28.03.2017

Auf den Boden kommen

Für die nächste Ausgabe hatten wir im Redaktionskreis den Wunsch, die vielen Gedanken zur Entwicklung von Oya, die uns in den der letzten Monaten begleitet haben, »auf den Boden zu bringen«, indem wir sie mit einem praktischen, bodenständigen Schwerpunktthema verbinden. Den Forschungsfragen zu Autorität, Freiheit, Lassenskraft, »Politischer werden« und solidarischen Finanzierungsmodellen, die wir im letzten Heft vorgestellt haben, werden wir parallel dazu weiter nachgehen. 

Der Arbeitstitel für den Schwerpunkt der Mai-Ausgabe ist »Der Boden der Tatsachen«. Wir fangen ganz unten an: dort, wo Menschen und Tiere selbst fruchtbaren Boden hervorbringen, nämlich mit den Produkten ihrer Verdauung. In unserer Gesellschaft sind diese natürlichen Ausscheidungen keine Geschenke an den Boden mehr, sondern sie belasten das Land in Form von zu viel Gülle und Klärschlamm. Hier wird das Thema politisch. Es berührt die Frage, warum sich der Boden in Stadt und Land im Eigentum Weniger befindet, und es stellt die grundsätzliche Frage, wie Menschen sich als »Natur« begreifen und in die Kreisläufe des Lebens einbringen können.

Wie setzen wir uns mit  diesen Ebenen auf eine fruchtbare Weise in Beziehung?

Wir freuen uns über:

- Geschichten darüber, was es für Sie und euch persönlich bedeutet »auf dem Boden« anzukommen. Manchmal drückt diese Redewendung aus, dass sich Träume nicht verwirklichen oder Ideale nicht leben ließen, weil es in der Realität Sachzwänge gebe, denen mensch sich zu beugen habe. Wer das einsehe, sei »auf dem Boden der Tatsachen« angekommen. So wollen wir das nicht verstanden wissen. Wir meinen nicht die scheinbar alternativlose Realität der heutigen Gesellschaftsstruktur, die ihren Wirklichkeitsbezug so stark verloren hat, dass sie nicht einmal mehr die planetaren Grenzen begreifen kann. Wir meinen ein Ankommen in der »Wirklichkeit« – was immer das für jede und jeden von uns bedeutet (Länge ca. 2000 Zeichen).

- Mitdenken über die Frage, ob sich in größeren Siedlungen oder gar Großstädten Kompost-Toiletten einsetzen ließen. Vielleicht kennt jemand beispielhafte Projekte – auch aus anderen Ländern? Oder wenn wir zu der Einsicht kommen, dass sich diese Technik für Städte nicht eignet – was dann?

- Schöne Fotos von eigenen Kompostklos und kurze Texte zur Frage: Wohin mit dem eigenen Mist? Was passiert mit der wertvollen Sammlung?

Bitte schicken Sie die Beiträge an mitdenken@oya-online.de - gerne so bald wie möglich und spätestens bis zum 10. April. (Die kurze Frist ist der spontanen Idee zu diesem Aufruf im Redaktionsteam geschuldet.)

Herzlichen Dank!

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 28.03.2017

7 Kommentare

von Matthias Fersterer am 29.03.2017

««Liebe Christine, hab ganz herzlichen Dank für deine Nachricht und für dein Interesse an unserem Transformationsprozess! Diesen werden wir weiterbehandeln, so wird es in der kommenden Ausgabe in jedem Fall etwas über unseren Selbstversuch hin zu solidarischen Finanzierungsformen zu lesen geben.

Indem wir uns Gretchenfragen nach dem Umgang mit unseren Ausscheidungsprodukten stellen, rühren wir an den Grundfesten des sogenannten Fortschrittsdenkens und machen gesamtgellschaftliche Pfadabhängigkeiten anhand ganz grundlegender und alltagspraktischer Lebensbereiche sichtbar: Die Entsorgung unserer Ausscheidungsprodukte in Trinkwasserklosetts zum Einen, ausgelaugte und zugleich überdüngte Böden zum Anderen, Güllerückstände im Grundwasser zum Dritten usw. sind drastische und zugleich lebenspraktische Beispiele für irrationale, mechanistische und einseitige Strukturen, die im Rahmen der bestehenden Denk- und Handlungsweisen nicht grundlegend zu verändern sind. Innerhalb der Logik der Megamaschine – oder der Kläranlage – heißt die Lösung allzuoft: »mehr von demselben«. Was jedoch zu wirklicher und grundlegender Veränderung führen würde, wäre eine Kehrtwende, das Umschwänken auf einen anderen Pfad.

Das erfordert Radikalität im Denken, die sich traut über das Bestehende hinauszugehen und Dinge, die wir als gegeben hinnehmen mögen, zu hinterfragen. In einem Oya-Interview aus dem Jahr 2014 beschrieb der Ökologe Joachim Radkau etwa, dass das Trinkwasserklosett und die Mischkanalisation nie für den flächendeckenden Einsatz gedacht war, sondern ein ebeso rascher wie hoch verschwenderischer Weg war, um die Eliten vom Fäkalgestank zu befreien. 200 Jahre später haben wir aber nun jedoch unseren Alltag und unsere Infrastruktur anhand dieser irrationalen, verschwenderischen und einseitigen Strukturen organisiert. Da erscheint es uns als wichtig und gesellschaftlich hoch relevant, nach lebenspraktischen Alternativen zu suchen.

Ich sehe darin jedoch noch ein tiefgreifenderes Thema, das uns in Oya seit jeher beschäftigt: dass der industriemoderne Mensch vergessen oder verdrängt hat, dass er Teil der Natur ist, und sich stattdessen zu deren Beherrscher aufschwingt. Die wichtigste und grundlegendste Frage, die wir in Oya stellen könnnen, heißt für mich persönlich, nach Wegen eines guten Lebens im umfassenden Sinn, das sich in Harmonie – »harmonia« heißt »Verbindungen knüpfen« – mit der großen Gemeinschaft des Lebendigen entfalten kann, zu forschen.

Anhand dieses bodenständigsten aller Themen über organische Kreisläufe, Eigenverantwortung und Auswege aus der Megamaschine nachzudenken, erscheint uns somit als etwas ganz Wesentliches, mit dem wir die grundsätzlichen Überlegungen der vergangenen drei Ausgabe und den roten Faden der 39 Ausgaben davor fortführen.
Mit herzlichen Grüßen aus der Oya-Redaktion, Matthias»»

von Christine am 29.03.2017

«Liebe Oya-Redaktion, ich verfolge seit einiger Zeit den Prozess der Oya-Entwicklung. Nach den letzten Ausgaben, die sehr aufbrechend klangen und mich auch selbst berührt und zum Nachdenken angeregt haben, kommt Ihr nun „zum Boden der Tatsachen“ zurück. Ihr schreibt zwar, dass es nicht darum geht, Abstand zu nehmen von großen Träumen und Idealen und „nun mal wieder realistisch“ zu werden. Aber so fühlt es sich für mich doch ein wenig an, und es erzeugt ein ambivalentes Gefühl. Einerseits finde ich es gut und wichtig, die großen Fragen und Themen auf den Boden zu bringen. Aber mit Komposttoiletten finde ich den Fokus doch etwas zu sehr scharf gestellt. Das fühlt sich für mich an wie ein Bruch im Sinne von „Schön und gut alles, aber bleiben wir doch mal (ganz) pragmatisch“, da fehlt mir der Bezug zu den letzten Oya-Ausgaben.

(Und gleichzeitig muss ich fast ein wenig lachen, denn irgendwie hat es auch eine schöne Skurrilität, von Douglas Adams zu Komposttoiletten zu schwenken. Aber, und, der Bezug zu den anderen Themen der letzten Ausgaben fehlt mir dennoch und ich würde mich freuen, wenn Ihr den nochmal aufzeigen könntet. Entweder hier oder in Euren Artikeln. Denn ich glaube tatsächlich, dass es diesen Bezug gibt... Der Kompost an sich ist ja wirklich ein stark symbolisches Bild, der Kompost von Menschen in der heutigen Welt noch viel mehr ...)

Vor diesem Hintergrund freue ich mich sehr über die andere Tür, die Ihr mit Eurer Ankündigung aufmacht: Die Einladung, Euch Geschichten zu schreiben und davon zu berichten, was es für uns Leserinnen und Leser heißt, auf dem Boden und in der Wirklichkeit anzukommen. Das Thema finde ich aufregend und spannend, vor allem wenn in diesen Geschichten die Themen der letzten Oya-Ausgaben „mitgenommen“ werden, sie in diesen Geschichten „mitfließen“. Aber das tun sie vermutlich ganz von selbst. Ich hoffe, Ihr bekommt viel spannende Post und teilt sie mit uns. Ich freue mich auf die nächste Ausgabe,
Eure Christine
»

von Lara Mallien am 29.03.2017

«Liebe Christine,
auch von mir vielen Dank für deine Gedanken! Es ist schön, dass du uns ermutigst, an den inneren Themen im Verwandlungsprozess von Oya dranzubleiben. Das werden wir auch tun. Mich beschäftigt zum Beispiel permanent die Frage: Wie kann der ursprüngliche Spirit in einem Projekt, zu dem neue Menschen hinzukommen, lebendig bleiben und sich zugleich weiterentwickeln? Damit sind all die Themen zu Bewahren und Öffnen, zu Autorität und Freiheit und auch zum Zusammenwirken von Generationen angesprochen, zu der uns der Oya-Metamorphoseprozess im letzten Heft gebracht hat. Immer wieder begenen wir Menschen, die sagen: Genau das beschäftigt uns auch, darüber möchten wir uns mit euch austauschen! Jetzt sind wir herausgefordert, eine Form für diesen Austausch zu finden. Bisher hat es sich als nicht stimmig angefühlt, mit solchen Menschen sofort Interviews zu führen und das alles für die Oya aufzuzeichnen oder zum Beispiel eine Tagung zu diesem Thema zu planen – das wäre wieder das klassische »Machertum«, das wir ja in Frage stellen. Vielmehr habe ich das Gefühl, dass sich dafür eine Form finden wird, die wir im jetzigen Zustand unserer Metamorphose noch nicht erkennen können. Wir sollten da aber nicht vorschnell sein, sondern dies in der nächsten Oya vielleicht zunächst als Frage formulieren. In diesem Sinn bemühen wir uns weiterhin um »Lassenskraft« und vertrauen uns dem organischen Wachsen an.

Dass wir für das Mai Heft Lust auf etwas »Erdiges« hatte, wuchs aus einem Treffen mit dem Redaktionskreis in Berlin heraus – als sei es dran, in unserem Verwandlungsprozess »auf dem Boden« anzukommen. Dies aber eben nicht im Sinn eines pragmatischen Zurückkehrens zum Bisherigen, sondern im Sinn einer Erdung unserer vielen nachdenklichen und teilwesie ja auch recht philosophischen Überlegungen, seit wir mit der September-Oya die Metamorphose begonnen haben.

Ich würde auch gar nicht sagen, dass unser nächstes Schwerpunkthema »Boden« oder »Kompost-Toiletten« heißt, das wäre viel zu kurz gefasst. Es werden nur wenige Seiten sein, auf denen über Klos etwas zu lesen ist, weil sich ja von dort ein großes Feld vieler Fragen aufblättert. Der Boden bildet einen Ausgangspunkt, von dem aus wir auf die Welt schauen wollen und dabei alles einbeziehen, was uns in den letzten Monaten so wichtig geworden ist, zum Beispiel die Haltung des Nichtwissens. Wir werden an zig Stellen in diesem Heft an Punkte geraten, an denen es keine Lösungen gibt. Damit möchten wir anders umgehen, als bisher – genau dort noch tiefer gehen, fragen, was diese Ratlosigkeit mit uns macht, den Texten eine viel größere Offenheit geben, uns in das Spannungsfeld zwischen Einfachheit und Komplexität vorwagen. Wie wir das realisieren können, wird eine Herausforderung. Jedenfalls gehen wir mit diesem Heft nicht zurück zum üblichen Schreiben.

Das Boden-Thema wird auch nicht den gesamten Raum ausfüllen, sondern es wird einen Bereich geben, in dem wir die Fäden fortführen, zu denen in der Ausgabe 42 an mehreren Stellen zum Mitdenken aufgerufen wird - überall dort, wo mitdenken@oya-online.de. Wenn du uns lieber dazu etwas schreiben möchtest als zu Kompostklos – sehr gerne!

Herzlich,
Lara»

von Birgit am 29.03.2017

«Liebe Oya-Redaktion, ich habe mich erstmal bei Wikipedia über Komposttoileten informiert. Eine KT in einer Stadt mit so vielen Menschen, die voller Arzneimitel, Chemikalien und totgedüngter Nahrung u,Ä. sind, kann doch kaum einen verwertbaren Kompost ergeben. Dann müsste man wohl zwei Arten aufstellen, einen für gesunde Bio-Ernährung Zu-Sich-Nehmer und eine für Otto Normal-Ausscheider. Oder macht allein die Kompostierung alles wieder rein und gesund? Liebe Grüße Birgit»

von Timo Ollech am 29.03.2017

«Mir gefällt schon seit längerem die Formulierung "Der Komposthaufen der Geschichte" anstelle "Der Müllhaufen der Geschichte", auf dem obsolete Dinge & Entwicklungen landen sollen (https://www.iromeister.de/paradigmenwechsel-der-komposthaufen-der-geschichte). Deshalb sehe ich für die nächste Oya-Ausgabe durchaus einen weiteren Fokus als nur Kompostklos. Auch direkt dazu eine Anregung von Michael Braungart: Der wünscht sich nämlich "ein neues Bio, wozu wir gehören", indem menschliche Ausscheidungen wieder in die Landwirtschaft eingebracht werden. Nachzulesen im taz-Interview https://www.taz.de/!441713/.»

von Christine am 30.03.2017

«Lieber Matthias und liebe Lara, vielen Dank für Eure Antworten, über die ich mich sehr gefreut habe. Ich kann durch sie den Bogen und die Weitererzählung der Oya-Geschichte besser sehen, und ich bin zunehmend neugierig auf das Thema des „Bodens der Tatsachen“. Die Frage, wie die großen Themen und Fragen auf den Boden geholt, mit ihm verwurzelt und damit auch wieder ins Leben gebracht werden können, finde ich nicht nur spannend, sondern essenziell. Ich war lange in Kontexten unterwegs, die sich transformiert haben und damit, vielleicht auch notgedrungen, selbstreferenziell waren. Das war eine zeitlang spannend, dann wurde es aber unbefriedigend, denn die Frage blieb offen: Und nun? Was machen wir damit, wenn sich das Alte in der bekannten Form nicht mehr bewährt, das neue aber noch nicht da ist? Damals konnten wir mit Nichtwissen nicht gut umgehen und auch die „Lassenskraft“ war nicht unsere Kernkompetenz, beides war aber sehr wichtig und am Ende hat die Transformation einfach stattgefunden. Vor dem Hintergrund dieser Erfahrung finde ich die Wahl eines erdigen Themas, das Anvertrauen an das organische Wachstum und auch die Befassung mit Kompostierung sehr klug. Ich freue mich auf die nächste Oya und sende Euch herzliche Grüße Christine »

von Yannick Rivière am 07.04.2017

«Interessante Idee, die Verwendung von Kuhdung für die Herstellung von Nutzobjekten, siehe : http://www.trendsderzukunft.de/merdacotta-gefaesse-und-moebel-aus-geruchsneutralem-kot-foerdern-den-umweltschutz/2016/05/01/ Liebe Grüße, Yannick.»


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