Beitrag vom 08.03.2017

Liebe Oya-Menschen,

das Heft 42 habe ich mit großer Anteilnahme gelesen und möchte eure Einladung zum Dialog bzw. zum Mitdenken gern annehmen.

Ihr befindet euch auf der Suche nach einem passenden schenkökonomischen Modell für Oya. Das leuchtet ein und es ist schön, dass ihr eure Suchbewegung mit eurer Leserschaft teilt. Euer Experiment ist unser Experiment. Eure Suche ist unsere Suche. Wir sind ihr (hier transzendieren wir die Grammatik). Wir sind alle Teil desselben Such- und Lebenszusammenhangs.

Ich habe im letzten Jahr ja auch mit einem Grundeinkommen experimentiert. Der Knackpunkt war dabei nicht etwa Knappheit, sondern mein innerer Leistungsmodus: Ich habe mich selbst unter den Druck gesetzt, doch ja eine angemessene Gegengabe in Form ansehenlicher Projektergebnisse liefern zu müssen. (Detaillierter steht es in meinem Bericht, v.a. im letzten Brief. Da waren bei mir tief eingespurte Denk- und Fühlmuster am Werk.

Euer schenkökonomisches Experiment trage ich gern mit - und möchte euch Mut zusprechen, nicht die Symmetrie der Gegengabe zu suchen. Wo ihr sinngemäß schreibt, "wir legen die Oya und unser Leben in eure Hände und hoffen/erwarten, dass ihr uns helft, unsere Grundbedürfnisse zu befriedigen", baut ihr einen gewissen moralischen Druck auf. Noch schöner ist ja die Oya, die ihr ganz verschenkt. Und das Geschenk, das ganz und gar ohne Gegenleistung euch zuteil wird.

Ein hypothetischer Konjunktiv: Wie wäre es, wenn ihr das phyisch-materielle Oya-Heft einfach weiter verkauftet, Heft gegen Geld, evtl. für einen selbstgewählten Betrag, jedenfalls so, dass die Kosten für Herstellung und Versand dadurch gedeckt wären. Wer das Heft nicht in Papierform braucht, zahlte nichts und läse Oya frei im Netz. Auf einer zweiten Ebene läge die Schenkökonomie: Die Arbeit der Redaktion würde nicht durch einen Preis im Leistungsaustausch vergütet. Es wäre eure Gabe an die Welt. Unabhängig vom Erwerb eines Oya-Exemplars und damit ohne Leistungsaustausch könnte die Oya-Community euch beschenken: durch freiwillige Gaben in den Topf, ohne Steuer, Bedingung, Wenn oder Aber.

Eine Anmerkung zu eurer publizierten Metamorphose: Ich verfolge den Prozess mit großem Interesse, inneren Resonnanzerfahrungen und erlebe ihn als inspirierend. Die veröffentlichte Selbstreflexion wird aber auch ihre Grenzen haben. Auf Dauer könnte die starke Selbstreferentialität, die Oya im Moment hat, die Leserschaft auf einen kleinen Kreis von Menschen, die euch persönlich kennen und nahe stehen, reduzieren. Dass ihr selbst ganz in Oya präsent seid, mit eurerunserer Suchbewegung, euremunserem Wesenskern gibt der aktuellen Form aber auch eine besondere Qualität. Ich wünsche euch die Intuition, die notwendig ist, um hier eine gute Balance zu finden.

Stichwort Selbstreferentialität: Als wertvollen Kontrapunkt zum Leitmotiv des letzten Hefts, habe ich den Beitrag meines Fläminger Stammesbruders Dieter Halbach empfunden: "Raus aus den alternativen Ghettos!" Dies ist auch meine derzeitige Lebensbewegung, die mich aus dem schenkökonomischen Experiment in einen sozialversicherungspflichtigen 35-Stunden-Job, aus der Transformationsszene in den kommunalen Asyl-Verwaltungsappart, aus der Agentur für angewandte Utopien in den Arbeits- und Ausbildungsförderungsverein Potsdam-Mittelmark verschlagen hat.

Abschließend möchte ich Jochen Schilk und Matthias Fersterer für die Texte über und von Charles Eisenstein und Václav Havel danken. Es sind solche Texte und Gedanken, die mir Orientierung geben, spirituell und politisch, in dieser verwirrenden Zeit...

In herzlicher Verbundenheit
Johannes

geschrieben von Johannes Blatt
am 08.03.2017

3 Kommentare

von Lara Mallien am 09.03.2017

«All diese Denk- und Fühlmuster rund um das Thema Geld zu beobachten, kommt mir vor wie eine sehr notwendige Aufräumarbeit oder wie ein Aufknoten der berühmten Brezel im Kopf, Bernard Lietaer sagt in einem Dokumentarfilm über Regiogeld so schön über Geld »It turns your mind into a pretzel“.
Gut, dass du uns darauf hinweist, dass diese Stelle im Text eine moralischen Druck aufbauen kann, so dass es sich nicht mehr nach Freiwilligkeit und Bedingungslosigkeit anfühlt. Das Bedingungslose scheint mir nämlich der Schlüssel, der die Brezel auflöst, dass es, wie du schreibst, ganz und gar nicht um die Erwartung einer Gegengabe geht.
Es ist ja nicht so gemeint: Nur wenn wir soundsoviel bekommen machen wir dafür Oya, wir wollen ja raus aus diesem „wennn-dann“, sondern wir wollen Oya in die Welt bringen, auf jeden Fall, und wir vertrauen darauf, getragen zu werden. Wenn das nicht klappt, müssen wir eben neu schauen, auf eine neue Art mit unserem Umfeld in Verbindung gehen.
Was ist diese Qualität des Bedingungslosen ist, wann wir da herausfallen und was uns da hineinholt - und auch die Missverständnisse, die sich damit schnell aufbauen, zum Beispiel dass ein Sich-Bedingungslos-Widmen Selbstausbeutung bedeuten muss, das würde ich gerne weiter erkunden.

Übrigens - dein Absatz mit dem hypothethischen Konjunktiv beschreibt ziemlich genau das, wie wir uns idealerweise das zukünftige Oya-Wirtschaften vorstellen. Dass es steuerlich nicht darstellbar ist, dass unser gemeinsamer Topf einfach nur ein Gabentopf ist, also dass das Geld von den Lesern auch rechtlich Geschenke sein dürfen, finde ich nach wie vor ungeheuerlich.

Selbstreferentialität - da hast du auch völlig Recht - es war für den Prozess einfach notwendig, mal von uns selbst zu erzählen, nachdem wir so lange vor allem ein Forum für andere waren, um erkennbar zu werden uns von diesem Produkt-Charakter von Oya noch weiter wegzukommen. Aber wir wollen auf jeden Fall weiterhin versuchen, in alle Richtungen zu schauen und ganz viel außerhalb von uns sichtbar zu machen, was sonst vielleicht nicht sichtbar wird und uns dabei auch nicht um Szene-Grenzen einengen lassen. Wenn Menschen wir du uns dabei unterstützen, zum Beispiel mit Perspektiven in ganz andere Welten wie der Verein, in dem du jetzt arbeitest, hilft das sehr.
»

von Kristina Frank am 19.03.2017

«Versucht doch mal umzudenken - so schön ich den Gedanken der kostenlosen Zeitschrift finde - aber versucht mal auf ein wirtschaftliches Unternehmen umzudenken. Nur wenn ihr in Zukunft Geld dafür nehmt, Geld damit verdient, dann könnt ihr die Menschen erreichen und vor allem dann könnt ihr den Menschen dienen. Ich habe immer gerne mein Abo bei der Oya gezahlt und so meinen Beitrag geleistet. Ich glaube der Fokus auf weitere Sträuung des Magazins wäre weitaus besser als es kostenlos zu verschenken. Ich habe auch lange so gedacht und jetzt festgestellt, dass ich wesentlich erfolgreicher bin meine Botschaften mit der Welt zu teilen wenn ich auch wirtschaftlich erfolgreich bin »

von Lara Mallien am 28.03.2017

«Hallo Kristina,

das mit der kostenlosen Zeitschrift ist ein Missverständnis: Ein Wirtschaften weitgehend ohne Geld ist zwar ein Traum, aber von dem sind wir wohl noch ein Stück weit entfernt. Oya wird ihren Preis behalten, denn wir haben ja Produktionskosten wie die Druckerei oder das Porto, die ihrerseits einen festen Preis haben. Das Heft lässt sich nach wie vor ganz normal abonnieren, und es ist auch nach wie vor wichtig, dass es viele Abos gibt und sich Oya weiter verbreitet.

Aber um Tausende von Abonnenten mehr zu gewinnen, was notwendig wäre, um nach klassischen wirtschftlichen Kriterien Oya erfolgreich werden zu lassen, müssten wir wahrscheinlich etwas tun, das uns von uns selbst entfernt: Eine laute Werbekampagne aufziehen, in die wir erstmal einiges an Geld hineinstecken. Und weniger nachdenkliche, sondern mehr unterhaltsame Artikel bringen - und das ist bei Licht betrachtet manipulativ und nicht ehrlich. Wir möchten uns nicht an einen Markt anpassen, sondern ehrlich bleiben. Wenn der Kreis der Oya-Autorinnen und -Autoren authentisch so schreibt, wie es allen sinnvoll erscheint, wächst unser Leserkreis eher langsam.


Wenn jemand heute mit dem eigenen Herzensprojekt wirtschaftlich erfolgreich sein kann, halten wir das natürlich nicht für verwerflich – wunderbar, wenn das klappt! Aber so viele Unternehmungen, die schön, nützich und sinnvoll sind, haben es im heutigen ökonomischen System schwer, und es ist schade, wenn diesen nur deshalb das Etikett »nicht erfolgreich« gegeben wird bzw. wenn sie sich mit viel Stress so gerade über Wasser halten können oder im schlimmsten Fall pleite gehen.


Deshalb denken wir über alternative Finanzierungsmodelle nach und haben auf der Suche nach einem stimmigen Weg bei der ökonomischen Beziehung von uns Hauptverantwortlichen für Oya angefangen. Dort haben wir festgestellt, dass es sich für uns seltsam anfühlt, Forderungen an das Projekt zu stellen bzw. unsere Arbeit an Oya zu verkaufen. Wir wollen Oya auf jeden Fall in die Welt bringen – unabhängig davon, wieviel Geld wir pro Stunde bekommen. Der Impuls ist also der einer Gabe und nicht der einer Forderung. Dass wir Geld zum Leben brauchen, ist unbenommen, und es fühlt sich für uns stimmig an, wenn dieses Geld auch als Gabe zu uns kommt: Freiwillig, aus Verbundheit zu Oya, so wie wir ja auch völlig freiwillig für Oya arbeiten. Es könnte uns auch jemand freiwillig mit Kartoffeln versorgen - es ist dann nicht mehr ausschlaggebend, ob wir mit Geld wirtschaften oder anderweitig. Deshalb unsere Einladung an die Leserschaft, einen freiwilligen Beitrag zu einem Grundeinkommen für Redaktionsmitglieder zu überweisen.

Es ist toll, wenn du gerne dein Abo bezahlst, und ich glaube, viele Leserinnen und Leser zahlen ihren Abo-Betrag auch im Sinn einer Gabe. Aber es ist ein feiner Unterschied, ob ich eine Rechnung rausschicke und damit eine Forderung stelle und auf der anderen Seite eine Schuld entsteht, oder ob wir einfach aus Verbundenheit mit einer Sache gemeinsam freiwillig zum Gelingen beitragen – die eine mit Geld, die andere mit Arbeit, noch jemand anderes mit einer guten Idee zur weiteren Verbreitung von Oya usw.

Ist es jetzt etwas deutlicher geworden, worum es uns geht?

Herzliche Grüße,
Lara»


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