Beitrag vom 24.02.2017

Danke, Jan! (Ein Nachruf)

Jan Moewes (1944–2016) mit selbstgezogenen Muskateller-Trauben, die eigener Angabe zufolge »köstlich!« schmeckten. (Quelle: privat)

Erst in dieser Woche habe ich erfahren, dass Jan Moewes (1944–2016) vor einem halben Jahr von uns gegangen ist. In der Oya-Redaktion wird er uns als Autor, Freund und Mitdenker fehlen. Abgesehen von einem berührend beschwingten Nachruf seines Autorenkollegen Sven Böttcher blieb sein Tod von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt.

Am Tag, bevor ich von deinem Tod erfahren habe, warst du mir, wie so oft, in den Sinn gekommen, Jan. Das war nichts Ungewöhnliches: Weder dass zwischen uns ein gutes halbes Jahr Funkstille entstanden war, noch dass ich an dich denken musste – und dann noch in einem passenden Moment. Du hattest zu meinem inneren Inventar gehört, schon lange, bevor wir uns persönlich kennengelernt haben. Dein Büchlein über Raum, Zeit und Liebe ist mir seit mehr als zwanzig Jahren ein ständiger Begleiter. Dass ich in Oya zwei der bislang vier, jeweils unter neuem Titel erschienenen Neuausgaben rezensiert habe, war eine Selbstverständlichkeit, dass wir uns daraufhin vor knapp acht Jahren kennenlernten, nur folgerichtig.

Die Atmosphäre zwischen uns fühlte sich von Anfang an nah und vertraut an. Dass wir verschiedenen Generationen mit verschiedenen Erfahrungshorizonten angehörten, mag sich zwar in punktueller Reibung und trefflichen Auseinandersetzungen niedergeschlagen haben, verhinderte aber nie, dass wir uns auf Augenhöhe begegneten. Vor einigen Jahren hast du mich einmal gebeten: »Gib mir einen väterlichen Rat, mein Sohn.« Ich erinnere mich weder daran, ob und was ich dir raten konnte, noch, was genau damals dein Anliegen gewesen ist – heute wie damals kann ich aber spüren, wie wir uns vom ersten Tag an mit großem Vertrauen, das keiner Worte bedurfte und sich Erklärungen entzog, begegnet waren.

Immer wieder konnte ich mit dir das Prinzip »Synchronizität« erfahren. Vor einem Jahr hast du mir etwa einen Artikel von Ulrike Guérot und Robert Menasse als einen der »unaufgeregtesten und vernünftigsten Kommentare zur Migrationsbewegung« empohlen, und ich konnte dir antworten, dass wir bereits die Abdruckgenehmigung für die kommende Ausgabe eingeholt hatten. Das ist nicht ungewöhnlich, wenn man ein gemeinsames Feld beackert. Du hast mich an Arno Gruen herangeführt, ich dich an Wendell Berry.

Du fehlst mir, Jan, als einer der genauesten, kritischsten und zugeneigtesten Leser, die ich mir vorstellen kann, als kluger, stilsicherer, gewitzter Autor und als Bruder im Geist.

Am 10. Juli 2016 hast du auf La Gomera die Seiten gewechselt. Dein Abgang, kurz und schmerzlos, wie mir zugetragen wurde, passte zu dir – zumal Leben und Tod für dich nicht getrennt waren: »Der Tod [gehört] für mich zum Leben […] und das Bewusstsein, dass er, der Sensenmann, besser als ich weiß, wann es soweit ist. Ich möchte nicht, dass mich jemand mit allen Mitteln von meiner Verabredung abhält. Die Güte eines Lebens ist viel entscheidender als seine Länge« (»Rendezvous mit dem Leben«).

Dein Weggang, der ein schmerzlicher Verlust für uns, deine Freunde, Kolleginnen und Leser, ist, wird ein köstlicher Erkenntnisgewinn für dich gewesen sein. Ich weiß, wie sehr dich der Blick auf die andere Seite gereizt hatte, und wie vertrauensvoll, demütig und lebensfroh du dich in Geduld übtest: »Bis jetzt habe ich das Gefühl, dass ich geliebt, verwöhnt, gelenkt und beschützt werde und dass ich wüsste, von wem oder was, wenn ich das wissen sollte. Bis dahin werde ich einfach unendlich dankbar und voller Vertrauen sein. Ich glaube, genau dafür wird uns das Leben geschenkt. So wie uns die Quelle geschenkt wurde, um daraus zu trinken und darin zu baden. Im erfüllten Sein liegt sein Sinn« (»Sein und Sinn«).

Am meisten wird mir vielleicht dieser Satz von dir im Gedächtnis bleiben: »Jeder lieblose Blick in den Himmel ist ein verschwendeter Blick, jeder respektlose Gedanke über das All sinnlos. Natürlich gilt das nicht nur nach oben, sondern genauso nach unten« (»Eine kleine Geschichte des Raums«). Danke, Jan. Mein Blick nach oben und unten ist liebevoller geworden, seit ich dich und deine Gedanken kennenlernen durfte, und umso mehr, seit ich weiß, dass du nun nicht mehr dort drüben auf einer kanarischen Insel, sondern dort oben im Andromedanebel und dort unten in der Maulwurfskrume in einem ahnungsreichen Raum zu finden bist. – Wir sehen uns!

geschrieben von Matthias Fersterer
am 24.02.2017


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