Beitrag vom 10.12.2010

Was will WikiLeaks wirklich?

Viel, sehr viel, ist seit Beginn den neuesten WikiLeaks-»Enthüllungen« und der wegen zweier offenbar verpatzter One-Night-Stands erfolgten Verhaftung des WikiLeaks-Gründers Julian Assange über die angenommene Gefährlichkeit oder auch Harmlosigkeit dieser Organisation zu lesen. Über die eigentlichen Hintergründe und Motive der Geheimnis-Enthüller scheint jedoch allgemein kaum etwas bekannt – dabei kann man Julian Assanges Beweggründe und sein Weltbild leicht aus dessen Texten herauslesen, die im Archiv der Mailingliste »Cypherpunks«, in seinem Blog iq.org, im Buch »Underground« (einer Co-Produktion mit der Autorin Suelette Dreyfus) und im WikiLeaks-Manifest »Conspiracy as Governance« öffentlich zugänglich sind. Wer Assange lebensnah begegnen möchte, sollte das große Porträt lesen, das am 7. Juni im New Yorker erschienen ist. Kürzer und auf Deutsch stellt Niklas Hofmann den »Whistle-Blower« in der Süddeutschen Zeitung am 2. Dezember heraus.
Aus seinen Schriften werde deutlich, dass Assange keineswegs von einem zerstörerischen Nihilismus getrieben wird, wie ihm manche unterstellen, und auch nicht von der Sucht nach Ruhm. Der gebürtige Australier versteht sich Hofmanns Recherche zufolge vielmehr als Teil der Bewegung der Krypto-Anarchisten, die sich dem Widerstand gegen autoritäre Strukturen verschrieben haben. Die von Hackern entwickelte krypto-anarchistische Philosophie unterstellt Staaten neben einer systemimmanenten Geheimniskrämerei zugleich die Absicht, die Kommunikation ihrer Bürger möglichst vollständig überwachen zu wollen – was die gegenwärtig wieder aufgeflammte Debatte um die Vorratsdatenspeicherung in Deutschland eindrucksvoll belegt. In seinem Manifest kehrt Assange die Verhältnisse um: Nicht die Bürger sind zu Transparenz verpflichtet, sondern die Regierungen stehen dem Bürger gegenüber in der Verantwortung. Tatsächlich aber verhalten sich die Regierungen wie Verschwörer, die mit allen Mitteln der Geheimhaltung Machtstrukturen etablieren, um absolute Kontrolle über die Bürger zu gewinnen. Die krypto-anarchistische Strategie gegen den Machtmissbrauch derartiger staatlicher »Verschwörungen« besteht darin, das Netz der kommunikativen Kanäle zwischen den einzelnen Verschwörern so zu schwächen, dass die Funktion des Gesamtsystems nicht mehr gewährleistet ist. Etwa durch die Enthüllung von Regierungsgeheimnissen sollen die staatlichen »Verschwörer« derart verunsichert werden, dass sie ihre interne Kommunikation minimieren oder sogar ganz einstellen müssen. – Im Fall der internen Datenbank des amerikanischen Außenministeriums, so Niklas Hofmann, habe dieser Plan bereits funktioniert: Der Zugang zu diesem Netz wurde nach der jüngsten WikiLeaks-Veröffentlichungswelle stark eingeschränkt – ob deswegen nun weniger Geheimes geschieht, sei dahingestellt.
Doch scheint die Pflicht zum Widerstand nur eine Seite von Julian Assanges politischem Weltbild zu sein. Die andere besteht offenbar im Aufbau einer anderen Gesellschaft. So fungierte als Motto seines Blogs iq.org folgendes Zitat des deutschen Anarchisten Gustav Landauer aus dem Jahr 1910: »Staat ist ein Verhältnis, ist eine Beziehung zwischen den Menschen, ist eine Art, wie die Menschen sich zueinander verhalten; und man zerstört ihn, indem man andere Beziehungen eingeht, indem man sich anders zueinander verhält. (...) Wir sind der Staat – und sind es so lange, als wir nichts andres sind, als wir die Institutionen nicht geschaffen haben, die eine wirkliche Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen sind.«
Widerstand ist wichtig – aber er ist nichts, wenn nicht gleichzeitig am Komplettumbau der überkommenen Herrschaftskultur gearbeitet wird. Insofern wäre es wünschenswert, dass die weltweit vielen Millionen WikiLeaks-Sympathisanten auch das zugrundeliegende – ganze! – Weltbild kennen und verstehen würden, um dann den Aufbau der »wirklichen Gemeinschaft und Gesellschaft der Menschen« beginnen würden. Denn WikiLeaks will nicht Korrektiv eines unheilbaren Systems sein. WikiLeaks will die Revolution.

Zur Avaaz-Petiton »WikiLeaks: Stop the crackdown«

geschrieben von Jochen Schilk
am 10.12.2010

1 Kommentar

von Ben Neumann am 20.12.2010

«Augen auf. Wenn die Medien, die Politik und die Allgemeinheit oszillieren wie sie es derzeit tun, ist das ein guter Zeitpunkt um genau hinzusehen. Im politischen Ruhemodus erkennt man die Motivationen um ein vielfaches schlechter. Danke für den Hinweis!»


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