Beitrag vom 24.06.2016

Kleiner Vorgeschmack der nächsten Oya

Anfang Juli erscheint die Oya 39 zum Thema »Vorratshaltung«. Alte Handfertigkeiten wie Einkochen, Trocknen oder Milchsäuregärung möchten wir hiermit wiederbeleben und auf den neusten Stand bringen. Wir gehen damit kleine Schritte, um uns unabhängiger von der großen Agrarindustrie und Wegwerf-Gesellschaft zu machen. Hier eine kleine, erste Kostprobe:

Der blinde Ölfleck
Wer sich regional versorgen will, braucht Ölsaaten und eine Ölpresse.

Die schönste Gemüse- und Getreideernte macht nicht satt, wenn im Haus das Öl fehlt. Der Körper braucht essenzielle Fettsäuren.

Die Sache mit dem Öl schien mir noch bis vor wenigen Tagen eine regionale Nahrungsmittelversorgung ziemlich kompliziert zu machen. Ölsaaten anzubauen ist das eine – aber wieviel Technik, Zeit und Kraft würde es erfordern, in meiner Heimatregion, dem Lassaner Winkel, eine Ölmühle zu betreiben? Schon seit einiger Zeit hören wir uns um und haben erfahren, dass der Karlshof bei Berlin eine Ölpresse zu verschenken hat. Allerdings würde ein Lkw  gebraucht, um sie abzuholen. Das ist eine Nummer zu groß für uns.

Dieses Jahr wird der »Allmendhof«, das neue landwirtschaftliche Projekt meiner Gemeinschaft, seine erste Ernte einfahren: 14 Hektar Faserhanf. Auch die ölhaltigen Hanfsamen werden geerntet, aber weil die Fläche noch keine Bio-Zertifizierung hat, bringen sie kaum monetären Ertrag. Uns sind sie aber viel wert! Zumindest symbolisch wollen wir daraus ein wenig Öl pressen. Dafür müssten wir nur einige Fruchtstände vor der Faserernte abschneiden und die Samen abschütteln. Aber wie ginge es dann weiter? Noch haben wir keine Technik zum Dreschen. Für einen ersten Versuch könnten wir die Saat in einen Leinensack geben und diesen so lange beklopfen, bis sich die Schale der Kerne löst. Dann müssten wir die Spelzen aussieben. Zum Schluss käme das »Windsichten« – vielleicht probieren wir, die Kerne bei leichtem Wind hochzuwerfen. Die letzten Spelzen und Staub würden fortgeweht, nur die schwereren Kerne fielen zurück.

Auch wenn sich mit dieser steinzeitlichen Methode nur eine kleine Menge verarbeiten lassen wird, möchten wir diesen Vorgang einmal durchspielen. Eine Presse brauchen wir natürlich auch. Für einen pragmatischen Anfang empfehlen uns Kenner der Materie ein günstiges Tischgerät von der niederländischen Firma »Piteba«. Sie importiert Ölpressen aus Indien, wo sie selbstverständlich zur Küchenausrüstung gehören.

Und größer als ein Fleischwolf ist das Gerät auch nicht. Wir kommen uns in der Tat ziemlich indisch vor, als wir gemäß Gebrauchsanleitung ein Öllämpchen entzünden, um das Rohr, in dem die Schnecke der Presse läuft, dort zu erwärmen, wo der Presskuchen austritt. Für unseren ersten Versuch nehmen wir Sonneblumenkerne. Das Kurbeln erfordert einige Kraft – aber es funktioniert! Lauwarmes Öl tropft in ein Glas. Es ist unglaublich aromatisch – kein Vergleich zu gekauftem!

Für meine Gegend mit ihren kargen, sandigen Böden sind Sonnenblumen Luxus, denn sie benötigen viele Nährstoffe. Die Grundversorgung mit Öl käme besser von Hanf und Lein – beides universelle Nutzpflanzen. Wollten wir den ganzen Lassaner Winkel mit Hanföl versorgen, bräuchten wir definitiv eine größere Presse. Mir kommt zu Ohren, dass es in der Gemeinschaft in Klein Hundorf eine Ölpresse Marke Eigenbaugibt. Ein befreundeter Werkzeugmacher hat sie für die Gemeinschaft nach dem Vorbild eines industriellen Geräts zusammengeschraubt. Heiko aus Klein Hundorf erklärt mir deren Besonderheiten. Sie ist wenig größer als unsere Piteba-Mühle und ebenfalls eine Schneckenpresse, aber mit einem Elektromotor ausgestattet. Statt des Öllämpchens hat sie eine Elektroheizung. Diese soll den Presskuchen warm und geschmeidig machen, aber nicht die Ölsaat erhitzen. Um das zu vermeiden, brummt während ihres Betriebs unter dem Tisch ein handelsüblicher Getränkekühler und schickt kaltes Wasser rund um die Schnecke. »Auf diese Kühlung kommt es an«, erklärt Heiko. »So können wir kaltgepresstes Öl selbst herstellen – ich kann mir nichts Besseres vorstellen. Handelsübliche Ölpressen mit einer guten Kühlung sind leider teuer.«

Ein kleines Experiment und ein wenig Recherche haben in kurzer Zeit einen weißen Fleck auf meiner inneren Landkarte mit Fett und Farbe gefüllt. Vielleicht wird der Betrieb einer Ölpresse bald zur Selbstverständlichkeit auf Höfen, die solidarische Landwirtschaft betreiben. Einige, wie das »SpeiseGut« bei Berlin, halten das bereits so. Wer einen Garten hat, kann es auch selbst versuchen. Hanf und Lein wachsen überall, verschönern auch vorher ungenutzte Randstreifen und schenken uns eine reiche Ölsaatenernte.
• Lara Mallien
 

geschrieben von Matthias Fellner
am 24.06.2016


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