Beitrag vom 05.12.2010

Zum Abschlussfest der »Straße des Friedens«

Eine der schönsten Geschichten über Selbstbestimmung und Gemeinschaft, die sich aus dem Jahr 2010 zu erzählen lohnt, ist die Geschichte von der "Straße des Friedens" im Dorf Hochstädten im Odenwald, das zur Stadt Bensheim gehört. Für diejenigen, die noch nicht auf einen der diversen Fernseh- oder Zeitungsberichte über die Straße gestoßen sind, erzähle ich sie hier ganz kurz: Die Straße nach Hochstädten sollte erneuert und dabei gesperrt werden. Die Dorfbewohnern sollten sich darauf einstellen, einen 12 Kilometer weiten Umweg oder auf einem schlecht befestigten Waldweg nach Bensheim zu fahren. Vor allem die im Tourismus engagierten Hochstädter wollten sich das nicht gefallen lassen. Einige Bürger begannen zu rechnen, und bald stand der Vorschlag im Raum: Für 30.000 Euro lässt sich auf eigene Faust eine Straße bauen. Wenn alle Dorfbewohner bei der Finanzierung und beim Bau mitmachen würden, wäre das schnell geschafft. Nur, die Straße offiziell genehmigen zu lassen, hätte den Zeitplan gesprengt. An diesem Punkt, an dem üblicherweise unkonventionellen Lösungswesen der Garaus gemacht wird, gelang eine wunderbare Verbindung zwischen dem pragmatischen Wunsch nach einer vernünftigen Straße, der Solidarität der Bürger und einem künstlerischen Impuls am Ort: In Hochstädten wohnt Thomas Zieringer, ein Friedensaktivist, der begonnen hat, oberhalb des Dorfs ein "Friedensmal" zu errichten. Er schlug den Verein Friedensmal Wendepunkt e. V. als Träger des Projekts vor. In diesem Rahmen konnte die Straße als Kunstprojekt im Handumdrehen realisiert werden. Das Besondere: Man lud nicht etwa namhafte Künstler ein, dort auszustellen, sondern die Kunst kam aus dem Dorf selbst. Das Thema der selbstgebauten Kunstmeile sollte "Dorffrieden" sein. Auf der Seite www.unsere-eigene-umgehung.de kann man lesen, wie die Bürgerinnen und Bürger von Hochstädten sich zu ihrer sozialen Plastik animiert haben:

"Geschafft!!!
Nach 4 Wochen Nervenkrieg ist die Straße gebaut. Doch halt, es ist ja keine Straße. Wir haben es mit einer Friedensstraße, mit der Ausstellungsstraße „Dorffrieden – Frieden fängt im Kleinen an“ geschafft.
Nun brauchen wir auch die Ausstellung!
Alle Hochstädter sind zur Beteiligung aufgerufen. Genug Platz an den Seiten der Straße ist da. Ein Lageplan mit den Ausstellungsflächen liegt im Kassenhäuschen aus. Bitte nur auf den grün eingezeichneten Flächen ausstellen. Kunst ist ein weiter Begriff. Geben Sie Ihrer Kreativität einen weiten Raum.
Jeder Mensch kann es! Wollen Sie etwas schreiben, malen oder bauen? Soll es eine Performance sein? Wollen Sie am Wegesrand Theater spielen oder etwas vortragen oder musizieren? All das ist auf unserer ca. 100 m langen beidseitigen offenen Bühne möglich. Zeigen Sie, was Sie den anderen schon immer zeigen wollten.
Was hätten Sie gerne in Hochstädten, in Deutschland, in der Welt, dass es Ihnen im Leben besser ginge? Wo wäre Ihre Freude, Ihr Glück mit dabei? Schreiben Sie es auf ein Plakat. Die Medien berichten über unsere Ausstellung. Ergreifen Sie diese Chance, die Hochstädten gerade hat.
Was wäre Ihr Wunsch an den Dorffrieden? Was soll sich in Hochstädten ändern? Wie wäre das Dorf und das Dorfleben schöner? Wie würden Sie sich besser in unserem Ort fühlen? Erheben Sie Ihre Stimme! Zeigen Sie es uns allen in der Ausstellung „Dorffrieden – Frieden fängt im Kleinen an“.

Es muss etwas Wunderschönes entstanden sein, in allen Medien wurde nur geschwärmt. Aber eines wurmt Thomas Zieringer: Üblicherweise wurde die Idee, die Straße als befahrbare Friedens-Ausstellung zu gestalten, in den Medien als "Trick" dargestellt. Als Mittel für den utilitaristischen Zweck, auf schnellem Weg das Dorf verlassen zu können. Aber es ging hier nicht um einen Trick, um Kunst als Feigenblatt. Die Idee, ein Zeichen für ein friedliches Miteinander zu setzen, war die zentrale Idee des Projekts geworden. Deshalb hat Thomas Zieringer auf der Seite http://friedensmal.de eine umfassende Dokumentation zu den Hintergründen der Straße ins Netz gestellt. Dort erfährt man auch, wie das Friedensmal in Hochstädten weiter ausgebaut werden soll.
Die Straße war nämlich nur eine temporäre Installation. Heute, am 5. 12., hat das Abschlussfest an der befahrbaren Ausstellung stattgefunden. Ab jetzt wird sie wieder rückgebaut. Das Friedensmal soll jedoch weiter wachsen, und der Frieden im Dorf hoffentlich auch.
Wer zur Nikolauszeit über ein Mutmach-Projekt lesen möchte, dem seien also die Seiten http://friedensmal.de und www.unsere-eigene-umgehung.de wärmstens empfohlen.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 05.12.2010

1 Kommentar

von Thomas Zieringer am 14.12.2010

«Das war gut beschrieben! Danke. Das macht Mut. Daran waren die Journalisten der sonstigen etablierten Medien regelmäßig gescheitert. Vielleicht weil man dafür von vorne herein sich es wagen muss, anders zu denken. Schön dass es Oya gibt! Wir werden hier in Hochstädten auch weiter machen. Mit friedensstiftenden Bürgerprojekten und natürlich mit dem Friedensmal als Friedenszeichen "von unten" für unser Land; um damit mal festzumachen, was eigentlich aus der Vergangenheit hätte gelernt werden sollen: nicht die Dunkelheit, sondern das Licht zu leben!»


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