Beitrag vom 01.07.2015

Venezolanische Kooperative Cecosesola in Gefahr

Die Kooperative Cecosesola in Barquisimeto, der Hauptstadt des venezolanischen Bundesstaates Lara, besteht seit 48 Jahren. Sie betreibt mehrere Gemüsemärkte, ein Gesundheitszentrum und ein Bestattungsinstitut. Durch eine Änderung der Steuergesetze ist nun ihre Existenz gefährdet. Oya hat in der Ausgabe 20 bereits einmal über dieses spannende Projekt berichtet.


Cecosesola wurde 1967 als Kooperative mit einem Bestattungs- und Busunternehmen gegründet. Nachdem dieses durch staatliche Repression zerschlagen wurde, nutzte die Kooperative die verbliebenen Fahrzeuge für den Transport von Gemüse, das ihre Mitglieder anbauten, in die Stadt. Daraus entstanden Gemüsemärkte, die mittlerweile mehr als 300.000 Menschen gut und günstig versorgen. Cecosesola wirtschaftet genossenschaftlich und solidarisch – nicht nur für die eigenen Mitglieder, sondern für die ganze Bevölkerung. Selbst ein Abgeordneter der Regierungspartei in der Nationalversammlung betonte, dass Cecosesola für die regionale Lebensmittelversorgung unverzichtbar sei.

Schon vor einigen Jahren verabschiedete die Regierung eine Verordnung, nach der Kooperativen mit hohen Einnahmen daraus 0,5 Prozent an das Wissenschafts- und Technologieministerium abführen müssen. Und seit Dezember 2014 werden sie dem gleichen Umsatzsteuersatz unterworfen, wie gewinnorientierte Unternehmen, nur der Gesundheitsbereich ist davon ausgenommen. Auf die Überschüsse muss dann auch noch eine Gewinnsteuer entrichtet werden. Dass Überschüsse von Non-Profit-Organisationen nicht mit den Gewinnen kapitalistischer Unternehmen gleichgesetzt werden können, wurde geflissentlich übersehen. Die Überschüsse von Cecosesola fließen fast vollständig in Einrichtungen, die direkt der Bevölkerung zugute kommen, wie das Gesundheitszentrum und die Erweiterung der Wochenmärkte. Wenn der Staat nun dieses Geld vereinnahmt, wäre nicht nur die Kooperative die Leidtragende, sondern auch die BewohnerInnen von Barquisimeto.

Während bei kapitalistischen Unternehmen die Löhne und Gehälter als Kosten die Gewinne mindern, zahlen Kooperativen ihren Mitgliedern, die als MiteigentümerInnen das unternehmerische Risiko mittragen, Vorauszahlungen (Anticipos) aus. Diese Anticipos gelten laut Kooperativengesetz als Überschüsse und sind damit ein Teil der als Gewinn zu besteuernden Summe. Ihre Einnahmen aus der Kooperative müssen die Mitglieder dann trotzdem nochmals als Einkommen versteuern. Insgesamt müssten Kooperativen dann etwa 34 Prozent mehr Steuern bezahlen als kapitalistische Unternehmen. Dies würde Cecosesola und andere an den Rand der wirtschaftlichen Existenz drängen.

Nun geht es darum, den grundlegenden Unterschied zwischen Kooperativen und kapitalistischen Unternehmen öffentlich deutlich zu machen. Kooperativen basieren auf Solidarität und kommunitärem Wirtschaften, sie arbeiten hierarchiearm zusammen und entscheiden im Konsens auf der Grundlage kollektiv diskutierter und reflektierter Kriterien. Um die Regierung darauf aufmerksam zu machen, wie existenzbedrohend die neue Regelung für Kooperativen ist, startete Cecosesola im Februar eine internationale Mailkampagne. Bis Mitte Juni kamen aus Venezuela mehr als 130.000 Unterschriften zusammen, sowie etliche Protestschreiben aus Deutschland, Frankreich und Holland. Ein Film auf youtube zeigt einen Protestmarsch in Barquisimeto vom 4. Mai 2015.

Der Beitrag wurde gemeinsam von Georg Rath (Barquisimeto) und Elisabeth Voß (Berlin) verfasst. Er erscheint in der Ausgabe Juli/August der CONTRASTE - Monatszeitung für Selbstorganisation

Link zum Film


Mehr Infos und deutsche Untertitel zum Film: http://www.cecosesola.solioeko.de/

Elisabeth Voss

geschrieben von Elisabeth Voss
am 01.07.2015


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