Beitrag vom 09.02.2015

Empathie – verzichtbarer Luxus oder Notwendigkeit?

In einem Beitrag über eine wissenschaftliche Studie zum Zusammenhang von Stress und Empathiefähigkeit hatte die Süddeutsche Zeitung Empathie (Einfühlungsvermögen) als eine »Luxus-Emotion« bezeichnet. Ich habe der Zeitung heute einen Leserbrief geschickt, in dem ich diese Wortwahl infrage stelle.

»Kaum sinkt der Stress, zeigen Menschen deutlich mehr Empathie gegenüber anderen«, war am 15. Januar als Zusammenfassung einer wissenschaftlichen Studie in der Wissen-Rubrik zu lesen (»Weniger Stress, mehr Mitgefühl«). Das Ergebnis ist eigentlich nicht sonderlich überraschend, sollte aber doch Anlass geben, sich den unschätzbaren Wert des Einfühlungsvermögens vor Augen zu führen. Meine Freundin regte sich nämlich sehr darüber auf, dass Empathie im ersten Satz der Meldung als eine »Luxus-Emotion« bezeichnet wird. Tatsächlich scheint doch die Studie das Gegenteil nahezulegen: Wir werden als Menschheit erst dann einfühlsam-menschlich miteinander umgehen, wenn wir eine Kultur erfinden, die Stresssituationen bewusst auf allen Ebenen minimiert. Empathiefähigkeit ist offenbar gleichzeitig die Folge und die Voraussetzung einer zufriedenen (stressarmen) Gesellschaft. Sie als »Luxus« zu bezeichnen, impliziert eine fehlende Notwendigkeit, ja, Überflüssigkeit und sogar Dekadenz.
Ist aber nicht vielmehr die Stressgesellschaft als ein Luxus-Phänomen zu betrachten? Stress setzt einen Teufelskreis aus Empathiemangel und daraus hervorgehendem sozialem Stress in Gang. All der Stress macht uns unglücklich und führt zu allen möglichen Krankheiten und Abhängigkeiten einschließlich des weltzerstörenden Konsumismus. Diese Art Luxus können wir uns wirklich nicht mehr leisten!

Wie gut, dass nun die in einem längeren Wissen-Artikel zitierte Meditationsforscherin Tania Singer die Dinge gebührend geraderückt (»Spuren im Kopf« vom 8. Februar). Mit ihrem Einsatz für die Anerkennung von Meditation gehe es ihr darum, dass gesellschaftlich bald nicht nur Dinge wie Musik, Sport und Mathematik trainiert werden, »sondern auch menschliche Fähigkeiten, die total wichtig sind: an andere zu denken, mit anderen mitzufühlen. Das ist kein Luxus in unserer Welt, sondern dringend nötig«, betont Singer. Der Forscherin geht es letztlich um eine bessere Welt. Das von ihr konzipierte mentale Training soll es »Gesellschaften ermöglichen, ihr Mitgefühl zu kultivieren und eine neue Art solidarischer Volkswirtschaften aufzubauen«.
Danke für den letztgenannten Beitrag, er wird meine Freundin mit Ihrer Zeitung versöhnen.

geschrieben von Jochen Schilk
am 09.02.2015

6 Kommentare

von Amadeus Paulussen am 09.02.2015

«Sehr schön geschrieben Jochen! Danke dafür, dass Du Dir die Zeit genommen hast, diesen wichtigen Leserbrief zu verfassen!»

von Petti Libertad am 12.02.2015

«Danke für diesen Leserbrief. Ähnliche Gedanken kamen mir in den Kopf. Es als "Luxus" zu bezeichnen, keinen Stress zu haben (das wäre die Schlussfolgerung aus dem Artikel der Süddeutschen), zeichnet zum Einen einen besorgniserregenden Zustand unserer Gesellschaft. Zum Anderen wer "Emphatie" die Notwendigkeit abspricht, denkt immer noch aus der Einzelkämpfer*in-Position-von Gewinner und Verlierer. Sieht nicht den "Gewinn" durch Zusammenhalt- Freundschaft, Gemeinschaft, Mitgefühl und Solidarität. Ich weiß, dass die Mehrheit der Menschen nicht so denkt wie Herr Bartens- denn wenn DAS stimmen würde, dann müssten wir uns doch keine Gedanken mehr machen außer um uns selbst. »

von Martin am 22.02.2015

«Ich möchte dem noch eine Fassette hinzufügen, die auch meinen eigenen Erfahrungen entspricht. "Empathie ist die Fähigkeit und die Bereitschaft, sich in die Situation anderer Menschen einzufühlen. Ihr wird üblicherweise nachgesagt, Wärme und Mitgefühl aus uns hervorzulocken und uns zu motivieren, anderen Menschen Gutes zu tun. Doch Empathie kann auch Aggressionen in uns auslösen ..." http://www.wissenschaft.de/leben-umwelt/psychologie/-/journal_content/56/12054/4586353/Aggressiv-aus-Empathie/ »

von Jan Moewes am 26.02.2015

«Wirklich ein nötiger Leserbrief. Empathie ist für die Arterhaltung unabdingbar! Das kann man ja wohl kaum Luxus nennen, obwohl es genau das eigentlich ist. Ich habe das Wort zuerst als Beschreibung der Verständigung zwischen wachsendem Embryo und Mutter bis zur Geburt und darüber hinaus kennengelernt, Durch strenge oder brutale Erziehung kann sie völlig zerstört werden. Diese Leute nehmen den Schmerz Ihrer Opfer nicht wahr. Arno Gruen schreibt ausführlich über dieses Gefühl, dass möglicherweise beim Menschen als einzigem Lebewesen gestört ist. Mittlerweile ist es ein Begriff aus der Managementlehre geworden - der wikipedia2 Eintrag lässt einen erschaudern. »

von Katharina Noack am 03.03.2015

«Auch ich bedanke mich für den Leserbrief. Die Bezeichnung von Empathie als Luxus drückt für mich auch den tiefen Schmerz aus, dem ich regelmäßig in meinem Umfeld begegne. Der Schmerz der entsteht, wenn wir ahnen, wie wenig wir verbunden sind. Viel Stress entsteht im Grunde aus der Erfahrung heraus, uns für Verbundenheit beweisen zu müssen, oder - weiter abgetrennt noch - auf Verbundenheit gar nicht mehr vertrauen zu können. Durch Empathie entsteht Verbundenheit. Durch sie können wir Mensch-sein erfahren. Somit kann die Gleichung auch umgekehrt gelten: Empathie reduziert Stress. Sie ist weniger Luxus als vielmehr Heilmittel für unsere sozialen Wunden.»

von Renee Servo am 20.03.2015

«Ich sehe diesen Brief, so wie dessen Thema ebenfalls als sehr wichtig an! Ungern möchte ich anfangen vieles oder alles, was in dieser Welt im Moment "den Menschen" ausmacht, schlecht zu reden; ist der Grossteil der Menschen nicht schon so weit "geschult"/"getimmt" worden, des Geldes, der Macht, wegen, sich nur noch über Leistung/ Vermögen zu definieren? Arbeit nur noch des Geldes wegen, keine Zeit für Zwischenmenschliches oder für sich selbst-- alles nur, damit vermeintliche Machthaber, Banken, Finanzies die Kommas hinter den immaginären Zahlen Ihres Kontos zur Bestätigung und eelbstherrlichen Erfüllung ihrerProfilneurose sehen können, ohne im Grunde, wie übrigens alle anderen "Workoholics meist nicht nutzen oder geniessen können? was ist leben? warum sind wir hier? das warum wir hier sind, ist wohl nicht einfach zu klären; jedoch sicherlich nicht, um die Welt um sich selbst zu bringen. Eines ist sicherlich klar, der derzeitige "harte" inhumane und unatürliche Kapitalismus ist auf dem Wege, dass so mancher Mensch "das Natürliche" für "Unnatürlich" halt und umgekehrt; der Mensch ist ein soziales Wesen, damit ist er mehr oder weniger mit Empathie ausgestattes und darauf angewiesen! Zu geben und zu erfahren! sonst "verwahrlost" dieser; Emphatie im gesunden Sinne, ist eine Säule des Zusammenlebens, der menschliche Bindungen untereinander, zwischen Menschen, die sich kennen und nicht kennen; es brigt Verständnis für andere und anders in sich, das beinhaltet auch Respekt und dementsprechend auch Rücksicht und Umsicht und kann so bereits in dieser Hinsicht allemahl den sog. Distress, also Negativstress vermeiden; dies braucht manchmal Zeit, und bekanntlich wird uns diese generell auf dieser Welt versucht genommen zu werden, ähnlich wie es die grauen Männchen, die sog. Zeiträuber in dem herrlichen Buch "Momo" von Michael Ende tun; Es ist Zeit, sich gegen diese Zeiträuber zu wehren, und sich auf uns gegebene positive Eigenschaften wie die Empathie zu besinnen-- reich wird man an dem, was einem durch das Geben und Nehmen widerfährt und dazu gehört ein glückliches, allemal zufriedenes Leben, der Genuss des Lebens und dem entspannten Gehen des Lebens (fast) ohne Stress; Es ist wichtig über diese Themen zu reden, in das Bewustsein in so vieler Menschen wieder zu erwecken!Damit kommt auch das Bewustsein/ Empathie zu Flora und FAuna mit! auch hier muss der Raubbau ein Ende haben! Das Thema soll also weiter lebendig unter alle getragen werden, und wie der berühmte Stein, der ins Wasser fällt, weite Kreise ziehen!»


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