Beitrag vom 03.02.2015

Oya-Tag Lübeck und eine Einladung an den »Platz des Friedens«

Zum Oya-Tag in Lübeck kamen am Samstag den 31. Januar an die 50 Menschen. Der runde Raum in der Familienbildungsstätte in der Jürgen-Wullenwever-Straße platzte in der Begrüßungsrunde fast aus allen Nähten. Uns fällt immer wieder auf, dass sich gerade in kleineren Städten und ihrem Umland erstaunlich viel bewegt. In der Vorstellungsrunde kamen ganz handfeste, praktische Projekte wie »Hanse-Apfel«, das Tausende alte Obstsorten nachpflanzen will, soziale Netzwerke für Inklusion, Singkreise oder so etwas Verrücktes wie die Ratzeburger Erlebnisbahn zur Sprache –  aber ebenso viele wichtige Fragen: Wie kann gemeinschaftlicher Wohnraum auch für Menschen entstehen, die nicht wohlhabend sind? Lässt sich das marode Gesundheitswesen »von unten« verändern? Wohin können sich Menschen wenden, die nicht wissen, wie sie sich konstruktiv für den Wandel der Gesellschaft einbringen sollen? Auf die letzte Frage antwortete die älteste Teilnehmerin, Christa Fischer, mit einem schwungvollen Plädoyer: »Es gibt doch so viel zu tun! Man muss nur die Augen aufmachen. Ich gründe mit allen möglichen jüngeren Leuten jedes Jahr drei neue Vereine. Manche schlafen wieder ein, aber andere entwickeln sich ganz prächtig. Es macht doch nichts, dass Transition-Town-Lübeck etwas eingeschlafen ist, da kommt schon wieder ein neuer Impuls. Wir brauchen einen langen Atem, dann wachsen die Dinge. Ich habe zum Beispiel dafür gesorgt, dass es überall in Lübeck Wildblumenwiesen gibt. Anfangs hat mich die Stadtverwaltung belächelt, aber inzwischen haben sie mir dafür sogar einen Preis verliehen. Ich bin schon über 70 und habe seit meiner Jugend eine Gehbehinderung, aber das heißt doch nicht, dass ich zu Hause bleiben muss!« Sie lud noch ein zu einem Rohkost-Tag und verbeitete so viel positive, jugendliche Energie, wie man es selten erlebt.
Nachdem sich alle am Buffet gestärkt hatten, entstanden zwei Gesprächskreise und weitere kleine Grüppchen. Im einen Kreis ging es um die Intensivierung der Vernetzung Lübecker Initiativen, der andere saß um eine Karte des ehemaligen Truppenübungsplatzes Lübtheen. Anhand der Ideen von Rolf Jehring und Bernd Schröder, in dieser Region unter dem Motto »Platz des Friedens« die von Überalterung und Leerstand gezeichneten Dörfer wiederzubeleben, entspann sich eine Diskussion über den Sinn, auf dem Land zu leben, um Nachbarschaft, Gemeinschaft, Selbstversorgung, regionale Produktivität und kommunales Engagement miteinander zu verbinden.
Diese Diskussion wird vor Ort nach weitergehen. Einige Teilnehmende des Lübecker Oya-Tags werden am Treffen vom 6. bis 8. Februar in Lübtheen teilnehmen, bei dem es um den Start des langfristigen Siedlungsprojekts gehen soll. Kurzentschlossene können sich noch bei Rolf Jehring dazu anmelden.

Welche »Folgen« Oya-Tage haben, lässt sich nie voraussehen. In Lübeck mündete der Tag in eine Schlussrunde, in der tiefsinnige Gedanken ausgetauscht wurden, aber auch viel gelacht wurde. Was bedeutet der Aufbau von konstruktiven Parallelgesellschaften? Was steht dem in Weg – zum Beispiel eine halsstarrige Verwaltungsbeamte, die ein wunderbares Projekt platzen lässt – das war eine Frage, mit der wir uns beschäftigten. Wie lassen sich solche Menschen, die Teil der Beharrungskräfte eines alten Systems sind, für neue Perspektiven gewinnen, wie kann man selbst die Blickrichtung wechseln, um das Gegenüber zu verstehen? Zahlreiche schöne Ansätze für gewaltfreie Kommunkation kamen zu Sprache, aber auch die Tatsache, das man manchmal einfach auf den Tisch hauen muss und sagen: »Ich mache das so!«. In einem Kreis, in dem verschiedenste Ansichten im Vertrauen auf das Wohlwollen aller Beteiligten ohne Angst geäußert werden können, entwickelt sich immer eine besondere Atmosphäre. Das ist der Kern der Oya-Tage, dass ein Raum für Austausch ohne Angst vor Vorurteilen, Ideologien oder Verurteilung entsteht.
Am Ende des Tags bekam die Redaktion eine Einladung nach Kiel. Dort werden wir voraussichtlich 2016 wieder in Norddeutschland sein. Für den März sind Oya-Tag in Bielefeld, Moers und Eberswalde geplant. Dazu veröffentlichen wir demnächst die Einladung.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 03.02.2015


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