Beitrag vom 07.01.2015

Islamisierung?

Heute Morgen, irgendwann zwischen 3 und 5 Uhr wälzte ich mich wach im Bett. Im Dämmerzustand führten einige halbausgegorene Gedanken ein erstaunliches Eigenleben; so fragte sich zum Beispiel mein Hirn, was eigentlich noch mal »PEGIDA« bedeutet. »PE«? Ich kam erst nicht drauf, dann meldete etwas im Oberstübchen, dass der erste Teil des Kürzels für »Pensionäre« stehe. »Pensionäre gegen die Islamisierung des Abendlandes«, na bitte. – Nein, das stimmt doch nicht, insistierte prompt eine andere Hirnregion, konnte aber mit dem Einwurf nicht verhindern, dass der für Humor zuständige Teil weiter dichtete: »Pensionäre gegen die Geriatrisierung des Altenheims« (Naja, wie gesagt: es war noch ziemlich früh.)

Dann die Zeitungslektüre beim Frühstück. Eine Überschrift in der Süddeutschen behauptet »Irland ist das islamischste Land der Welt«. Lag ich noch im Dämmer, hatte ich mich verlesen? Nein, Tim Neshitov zitiert hier Professor Hossein Askari von der George Washington University, der seit Jahren erforscht, inwiefern Länder in ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik mit den Geboten des Korans in Einklang stehen. Der ägyptische Großmufti Muhammad Abduh, ein wichtiger Reformer des Islam im 19. Jahrhundert, hatte ihn mit folgender Aussage für einen offenbar noch immer bestehenden Widerspruch sensibilisiert: »Ich ging in den Westen und sah Islam, aber keine Muslime. Ich kehrte in den Osten zurück und sah Muslime, aber keinen Islam.« Der aus dem Iran stammende Hossein Askari erläutert seinen Ansatz: »Der Kern des Islam besteht doch nicht darin, dass man nach Mekka pilgert oder fünfmal am Tag betet oder während des Ramadans fastet oder auf Alkohol verzichtet. Das ist alles sehr wichtig, aber im Wesentlichen geht es im Islam um Gerechtigkeit. Prophet Mohammed war gegen Armut und gegen Ignoranz. Aber die heutigen Herrscher in den sogenannten muslimischen Ländern setzen den Islam vor allem als Machtinstrument ein.«
Ausgehend vom Ideal einer gerechten islamischen Gesellschaft, untersucht Askari also, wie in den Ländern der Welt jeweils das Nationaleinkommen verteilt und die Armut bekämpft wird, ob Verträge eingehalten und Gesetze respektiert werden, wie stark die Korruption ist, wie gut die Bildungs- und Gesundheitssysteme ausgestattet sind usw.
Ganz oben auf seinem Länder-Ranking stehen demzufolge Irland, Luxemburg und Dänemark. Unter den ersten 25 findet sich allerdings kein einziges Land mit mehrheitlich muslimischer Bevölkerung! Deutschland belegt auf Askaris Islamicity-Index Platz 26, zwischen Tschechien und: Israel. Weit abgeschlagen auf Platz 91 liegt Saudi-Arabien …

(Dieser Beitrag ist den ermordeten Kollegen von »Charlie Hebdo« gewidmet.)

geschrieben von Jochen Schilk
am 07.01.2015

4 Kommentare

von der Detaildenker am 08.01.2015

«an diesem schrecklichen Attentat sieht man mal wieder was zu viel Glaube anrichtet !!!»

von Jürgen Heinemann am 08.01.2015

«Danke für Ihre Zustandsbeschreibung. Wer kennt so etwas nicht? Aber woher wissen Sie, wo Ihr Geist, das Denkende, lokalisiert ist? Nahtoderlebende berichten von Ihrer Wiederbelebung aus einer Perspektive, die deutlich außerhalb des Körpers liegt. Sie riechen, hören und sehen. Scheinbar ohne Hirn. Bitte erst überlegen, wenn Sie wirklich wach sind. Weiterhin frohes Schaffen J. Heinemann»

von Der Interessierte am 10.01.2015

«Hallo Herr Heinemann, ueber Ihren Tonfall muss man sich schon sehr wundern. Was hat bitte, voellig aus den Kontext gerissen, ihre Frage nach der Lokalitaet des Denkens mit dem Hinweis des Autors auf den Artikel in der Sueddeutschen zum Thema Islam und Muslime zu tun? Viele Gruesse der Interessierte »

von Horst Leutner am 27.01.2015

«Seit kurzem formiert sich übrigens eine neue, extrem breite Bürgerbewegung mit dem schönen Namen „NigeBida“ („Nie genug Bier da“): Verabredet Bier trinken gegen populistischen Verfolgungswahn, solange Pegida und Co. existieren. https://www.facebook.com/NigeBida»


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