Beitrag vom 13.11.2014

Die Grenze Europas ist unantastbar

Einige Kilometer hinter dem Grenzgebiets-Schild hört die asphaltierte Straße auf. Es geht zu Fuß weiter durch ein Dorf mit mehr verfallenen als bewohnten Häusern, bis zu einem alten Stacheldrahtzaun, der noch an die Grenze der Soviet-Union erinnert.

Wir werden von der Polizei aufgehalten. Philipp Ruch und Stefan Pelzer vom Zentrum für politische Schönheit versuchen zu verhandeln, doch der Chef der Grenzpolizei bleibt hart: Ein Stück dürften wir noch weitergehen, doch die 300-Meter-Zone dürfe nicht betreten werden. Den Zaun bekämen wir also aufgrund des Geländes nicht einmal zu sehen. Die Organisatoren erklären ihr Einverständnis, besprechen aber unter sich, diese Auflagen nicht so einfach zu akzeptieren.
Wir wandern weiter durch die Hügel und stoßen wenig später abermals auf eine Polizeikette. Philipp Ruch und Stefan Pelzer ziehen alle Register, doch weder mit Apellen an die Menschlichkeit, noch mit historischen Vergleichen oder Kompromissangeboten ist der Polizeichef umzustimmen: Wir werden dem Grenzzaun nicht näher kommen. Spontan beginnen die Aktivist*innen ihre Hände zu heben, als Zeichen ihrer Friedlichkeit, und langsam, singend auf die Polizeikette zu zu gehen: "Say it loud, say it clear, refugees are welcome here". Die Kette wird verstärkt, die Aktivist*innen halten dagegen, minutenlang stemmen sie sich singend mit erhobenen Händen gegen die Grenzschützer. Dann durchbricht die Polizei den Pulk der Aktivist*innen.

Über uns kreist ein Hubschrauber. Überall in den Hügeln wartet Grenzpolizei. Es ist noch eine Stunde bis zum Anbruch der Dunkelheit. Die theatererfahrenen Organisatoren vom Zentrum für Politische Schönheit haben überraschenderweise weder einen Plan B, noch eine kreative symbolische Aktion in der Hinterhand.

Während in Deutschland dem Mauerfall gedacht wird, bleibt der Grenzzaun also unangetastet, der erst kürzlich errichtet wurde, um auch den letzten Landzugang nach Europa hermetisch abzuriegeln. Es bleibt der Weg über das Mittelmeer. Die Mauertoten unserer Zeit sind die Tausende von Menschen, die auf dieser Fluchtroute bereits verunglückt sind. Das berliner Spreeufer würde schon lange nicht mehr ausreichen, um für jede*n von ihnen ein Gedenkkreuz aufzustellen.

geschrieben von Lou Zucker
am 13.11.2014

3 Kommentare

von Raginber am 30.11.2014

«Ein ungehinderter Flüchtlingsstrom würde schon in absehbarer Zeit unsere Gesellschaft zerstören, dann wäre keinem mehr geholfen. Wir müssen zwar helfen, aber ohne uns zu überfordern!»

von Horst Göllnitz am 10.12.2014

«1.) Was tut man um den MENSCHEN vor Ort zu helfen und anstatt nur "der Wirtschaft" oder politisch angenehmen Regimen. 2.) Die Betroffenheitsheuchelei im Vergleich der "Mauertoten" gegenüber den "Mittelmeertoten" bewußt machen und anprangern. 3.) Ist wirklich nach der Zerstörung "unserer Gesellschaft" keinem mehr geholfen ? Oder gäbe es Alternativen? »

von W. Wiberg am 23.12.2014

«Ich hatte hier schon zweimal einen Beitrag verfasst, bin aber jedes Mal an der Matheaufgabe unten gescheitert. Jetzt verlässt mich der Mut. Ich probiere es später noch einmal.»


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