Beitrag vom 28.10.2014

Oya auf der Degrowth-Konferenz

Auf dem Weg nach Leipzig, wo fünf Mitglieder der Oya-Redaktion Anfang September drei Tage auf der 4. Internationalen Degrowth-Konferenz verbringen wollten, waren wir schon ein wenig aufgeregt: Jetzt hatten wir die gesamte September-Oktober-Ausgabe den Konferenz-Vorbereitungen als gelungenes Beispiel für solidarische Ökonomie jenseits des Wachstumgszwangs gewidmet – würde die Konferenz halten, was sie versprochen hatte? Was, wenn es langweilig, hektisch oder chaotisch werden würde? Aber die Sorge war umsonst: Nur selten setzte auf den Treppen der Uni Leipzig das übliche »Konferenzgerenne« ein  – wenn Menschen ohne nach links und rechts zu schauen aneinander vorbeihasten, um den nächsten Vortrag zu erreichen. Meistens begegneten sich auf dem angenehmen Campus auf Schritt und Tritt Leute, die sich herzlich begrüßten oder sich neugierig kennenlernten, die sich viel zu sagen hatten und große Freude daran, an diesen sonnigen Septembertagen gemeinsam wesentliche Themen zu vertiefen. Ja, es war »ihre« bzw. »unsere« Konferenz, niemand war hier nur zu Gast bei einem von Veranstalter XYZ vorbereitetem Programm.

Es ist ein feiner, aber wichtiger Unterschied, ob das Gefühl aufkommt, Konsument zu sein – oder Mitgestalterin. An vielen objektiven Kriterien lässt sich dieser Unterschied gar nicht wirklich festmachen. Auch die Degrowth-Konferenz hatte ein minutiös durchgeplantes Programm. Aber vielleicht reichten schon die »Unkonferenz«-Plakate im Eingangsbereich, wo sich spontane Ideen sammeln konnten, um das Konsumentengefühl zu vermeiden. Vielleicht war es die entspannte Art, mit der das Organisationsteam und seine vielen Helferinnen und Helfer dafür sorgten, dass die Logistik funktionierte, so dass man bei Fragen das Gefühl hatte, nicht »Veranstaltern«, sondern Menschen auf Augenhöhe gegenüberzustehen. Vielleicht trug auch die gemütliche Sitzecke des Projekts »Zeitwohlstand« auf dem Markt der Möglichkeiten dazu bei, wo auch Oya einen Stand hatte. Die Künstlerin Jaana Prüss hatte dort unter anderem einen »Schwarzmarkt für Fehler« eröffnet, und es hingen Sprüche an der Wand wie: »Ich habe so viel aus meinen Fehler gelernt, dass ich überlege, mir ein paar mehr davon zu leisten.« Vielleicht waren es solche Momente wie am Samstagmorgen, als mich auf dem sonnigen Innenhof jemand ansprach: »Wir brauchen noch Hilfe beim Gemüseschnippeln!« Also blieb ich zwei Stunden beim Schälen von Kohlrabis gigantischer Größe. Dank Konne Neuffers Artikel über das Hofprojekt »Rote Beete« wusste ich, wo sie gewachsen waren. Mit mir schnippelte eine Leipzigerin, die mir erzählte, dass sie gerade ein Stück Gartenland organisiert, auf dem eine weitere solidarische Gärtnerei entstehen wird. Ihre Motivation sei dabei vor allem, selbst das Gärtnern zu lernen.

Es wimmelte auf der Konferenz von Menschen aus allen Winkeln Europas, die nicht nur über Degrowth-Strategien theoretisieren, sondern sich darum bemühen, »gutes Leben«  jenseits der Zwänge der Wachstumsökonomie zu verwirklichen. So kamen neben Diskussionsrunden und Vorträgen die praktischen Angebote auf der Konferenz nicht zu kurz: Nach einem Vortrag zum Thema »(Re)Produktivität als ökonomisches Paradigma einer sozial-ökologischen Wirtschaft« konnte man im Leipziger Stadtgarten Annalinde etwas zu Effektiven Mikroorganismen lernen. Nach einem Workshop über Sprache, bei dem zwar erfolglos versucht wurde, »Degrowth« vernünftig zu übersetzen, aber dafür das schöne Wort »gemeinstimmig« (das anders gefärbt ist als »einstimmig«) erfunden wurde, ließ sich eine Diskussionsrunde über Aktivismus in den Ländern des Balkans besuchen und anschließend neben dem Bauwagen von Hannes Heise hinter dem Konferenzgelände Brot backen. Es ist völlig unmöglich, auch nur einen Bruchteil es umfangreichen Programms wiederzugeben.
Höhepunkte bildeten die kreativen oder diskursiven Abendveranstaltungen, beispielsweise das interaktive Forumtheater über Zeit, Geld und Gemeinschaft von einer Gruppe um den Theaterpädagogen Dominik Werner, das Menschen aus dem Publikum auf die Bühne holte, um dem tragischen Ende des Stücks neue Ausgänge zu eröffnen. Am Mittwoch Abend gestalteten die Publizistinnen Ute Scheub und Annette Jensen (die beide schon für Oya geschrieben haben) gemeinsam mit der Commons-Aktivistin Silke Helfrich und anderen eine Abendrunde zur Magie des Teilens und Schenkens unter dem Motto »Magical Mystery Tour«. Ute Scheub hatte dazu eine Textzeile von Arundathi Roy mit der Melodie des bekannten Kirchenlieds »Von guten Mächten wunderbar umfangen« hinterlegt und den Oya-Herausgaber Johannes Heimrath gebeten, dazu einen vierstimmigen Chorsatz zu komponieren und 50 Notenblätter mitzubringen. Die hatt er auch brav dabei – nur saßen 350 Menschen im Publikum. Ich war überzeugt, dass die Chorprobe nur im Chaos enden könnte – aber es war großartig. Selbst diejenigen, die sich für unmusikalisch hielten, hatten Spaß, auf der Bühne zu stehen und mit Stampfen und Klatschen für Swing zu sorgen. »Another world is not only possible, she is on her way. On a quiet day, I can hear her breathing«, erfüllte den Saal.
Spontan einen vollbesetzten Hörsaal auf den Kopf stellen und aus voller Kehle singen lassen  – so eine Intervention wirkte auf der Degrowth-Konferenz gar nicht seltsam, sondern genau richtig. Hier waren schließlich Menschen zusammengekommen, die sich nicht weniger zutrauten, als die scheinbar unverrückbare Realität der globalisierten Wachstumsökonomie auf den Kopf zu stellen.

»Ich bin erstaunt, wie viele Menschen aus unterscheidlichen Richtungen hier rund um den Begriff Degrowth zusammenkommen – bei uns in Frankreich polarisiert er viel stärker«, wunderte sich der Publizist  Emmanuel Boutet am Oya-Stand. Da wurde mir noch einmal bewusst, wie groß die Integrationsleistung des Organisationsteams gewesen ist. Sie haben die Abkehr vom zerstörerischen Wachstumsparadigma und die Notwendigkeit, vielfältige Wege der Transformation hin zu Kulturen des Guten Lebens zu beschreiten, zu einem gemeinsamen Nenner gemacht. Dazu lässt sich trefflich streiten, aber in einem Raum, der mit so viel Wohlwollen und Achtung voreinander aufgeladen ist, werden Auseinandersetzungen konstruktiv. In so einem Geist hat die »Degrowth-Bewegung« eine Chance.

Auch das Resümee des Organisationsteams fällt in diesem Sinn aus. Daniel Constein, einer der hauptamtlichen Vorbereiter, meint: »Die Degrowth 2014 war für mich Ausdruck einer ›wachstumskritischen Wende‹ in der ökologischen Debatte. Für viele Organisationen und Personen hat das Infragestellen von Wachstumszwängen noch vor ein paar Jahren keine Bedeutung für ihre politische Arbeit gehabt. Die Konferenz war hier Teil eines Umdenkens. Eigentlich kann jetzt keiner von den Anwesenden mehr hinter die Erkenntnis zurück, dass wir eine Welt jenseits des Wachstums brauchen.«

Für Nina Treu, die wir als Organisatorin in Oya 28 porträtiert haben, hat die Konferenz vor allem zwei Dinge gezeigt: »Erstens, dass es eine große wachstumskritische Szene in Deutschland und Europa gibt, die dem herrschenden Wachstumsparadigma vielfältige konkrete Ideen und Projekte entgegensetzen kann. Zweitens, dass es möglich ist, eine Konferenz mit 3000 Leuten mit einem basisdemokratischen Organisationskreis und auf nicht-kommerzielle Art und Weise zu organisieren.«


Andrea Vetter, die den einführenden Essay zur letzten Oya beigetragen hat, erzählt, welche Fragen das Organisationsteam in der Nachbereitung umtreiben: »Ist Degrowth eine soziale Bewegung oder eine eine soziale Praxis? Was können wir tun, damit die Menschen, die in ihrer Praxis Degrowth-Gedanken umsetzen - ob sie vor Ort Foodsharing organisieren, Lastenfahrräder bauen oder ein Wohnprojekt gründen – sich stärker mit denjenigen zusammentun, die als Aktivisten gegen die Ungerechtigkeiten der Wachstumsökonomie und der zugehörigen Politik demonstrieren? Wie verknüpft sich beides mit der wissenschaftlichen Arbeit zum Thema? Eine typische Degrowth-Aktivistin ist vielleicht eine, die zwischen all diesen Ebenen vernetzt.«


Währen die Ausgabe 29 von Oya gerade in der Druckerei ist, treffen sich die Mitglieder des Organisationsteams sich im Tagungshaus Oberlinspher Mühle bei Kassel, um einerseits feierlich die Zusammenarbeit abzuschließen und über nächste Schritte nachzudenken. Es bleibt noch viel zu tun: Publikationen planen, Fahrtkosten abrechnen und vor allem noch weitere Videos und Dokumentationen zu den Workshops der Konferenz auf www.degrowth.de hochzuladen. Es lohnt sich also, die Internetseite weiterhin zu besuchen. Dort wird auch der »Group Assembly Process« weitergeführt: Arbeitsgruppen, die seit der Degrowth-Konferenz 2010 in Barcelona zu verschiedenen Themen an Grundlagen für ein Leben jenseits des Wachstumszwangs arbeiten. Interessierte sind herzlich willkommen, sich daran zu beteiligen, auch wenn sie die Konferenz in Leipzig nicht besuchen konnten.

Für Oya war die Degrowth-Konferenz besonders hilfreich, um internationale Kontakte zu knüpfen: Im Oktober besuchte Esther, Mitglied der Cooperativa Integral Catalunia in Spanien und anlässlich der Konferenz in Deutschland, das Oya-Büro in Klein Jasedow. Über die Kooperative, die 5000 Menschen in einem Selbstversorgungs-Netzwerk verbindet, wird im Januar-Februar-Heft  zum Thema »Europa« die Rede sein. Auch Verbindungen nach Rumänien, Italien, Griechenland und Belgien sind entstanden, die wir in diesen Tagen weiter verfolgen. Selbstverständlich werden wir auch daran Anteil nehmen, wie sich das Netzwerk Wachstumswende weiterentwickelt und wie sich die Degrowth-Diskussion insbesondere hierzulande weiterentwickeln wird.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 28.10.2014


Kommentar schreiben




Bitte helfen Sie uns zu verhindern, dass die Kommentarfunktion von Spam-Software missbraucht wird und lösen folgende kleine Rechenaufgabe:


zwei plus vier =