Beitrag vom 16.10.2014

Wir haben es satt!-Erlebnisse

Neben der jährlichen »Wir haben es satt!«-Demonstration, die im Januar 2014 das 4. Mal stattfand, konnte im Oktober das erste Mal ein Kongress zu diesem Slogan tagen. Unter ihm können sich die Forderungen: Recht auf Nahrung weltweit, gesundes und bezahlbares Essen überall, faire Preise und Marktregeln für Bauern, artgerechte Tierhaltung ohne Antibiotika-Missbrauch, Freiheit für die Saatgutvielfalt, bienen- und umweltfreundliche Landwirtschaft, Förderung regionaler Futtermittelerzeugung und Zugang zu Land, vereint fühlen. Eingebettet und vernetzt in das »Stadt, Land, Food« Festival in Kreuzberg am Lausitzer Platz, zwischen Emmauskirche und Markthalle 9, gab es Werkstätten, Arbeitsgruppen, Podiumsdikussionen, Vorträge, Impulsreferate, Open-Space-Orte, Musik, Film und ganz viel Essen.

Im sonnigen Markttreiben der Festivalstände schienen die Straßen fast vor Menschen zu platzen. Der Kongress war nicht ganz so dicht besucht, dafür umso brennender in seiner Themenstellung. Agrarpolitische Diskussionen ließen Stimmen lauter werden, die in der Realpolitik und -wirtschaft sonst allzuoft unter den Tisch fallen. Eine kleinbäuerlichere und ökologischere Landwirtschaft soll endlich gefördert und subventioniert werden. Diese steht eng in Verbindung mit Klimaschutz, Artenvielfalt, Wasser- und Bodenqualität, Tierschutz, der Wahl künftiger Technologien und – passend zum Festival – mit der Qualität unseres Essens und unserer Gesundheit. Die Organisatoren von der Kampagne »Meine Landwirtschaft« hatten sich darum bemüht, Vertreterinnen und Verterter von ökologischer, biologisch-dynamischer und konventionelle Landwirtschaft, Aktivistinnen und Aktivisten sowie allgemein Interessierte an einen Tisch zu bringen – die überzeugte Veganerin war ebenso dabei wie der Öko-Schlachter oder die Politikerin. Und bei den Demonstrationen in Januar, kam die Idee auf, eine Plattform für Vernetzung und schon bestehende positive Ansätze zu gestalten. Das Thema Ernährung war dabei mit im Hauptfokus, gestützt durch das Festival. So fanden viele Diskussionen über Ernährung und artgerechte Tierhaltung statt. Schön zu sehen war, dass sich Veganerinnen und Slowfoodfleischgenießer bei der Ablehnung von Massentierhaltung fast vollkommen einig waren. So konnte zumindest bruchstückhaft der Kampf zwischen Fleisch und Fleischlos in den Hintergrund rücken und eine gemeinsam Kritik und Forderung Raum bekommen. Wie es der Natur bei konventioneller Landwirtschaft geht, wie Böden erodieren und vergiftet werden, hatte in den Debatten weniger Raum.

Da war die Lesung von Ute Scheub zu ihrem neuen Buch »Ackergifte? Nein Danke!« am Samstagabend noch ein Highlight. Die Autorin erhellte, wie sehr Wirtschaft-, Agrarpolitik und Realpolitik miteinander verwoben sind und Wirtschaftslobbyismus bestimmt, was mit unseren Böden und somit auch mit uns passiert. Schwer schädliche Ackergifte verstecken sich hinter dem Namen »Pflanzenschutzmittel« und breiten sich weit über die vorgesehen Flächen aus. Die britische Juristin und Aktivistin Polly Higgins nennt diese schweren Umweltzerstörungen auch Ökozid. Neben all den theoretischen Formaten kamen praktische und künstlerische Einlagen und Events nicht zu kurz. Am Wursten, Käsen, Schnappsbrennen bis hin zu Espresso und Barista Workshops versuchte sich Klein und Groß an der Herstellung von Leckereien. Verköstigt wurden Teilnehmer des Kongresses von einem kompetenten Koch, der mit regionalen Lebensmitteln und veganem Angebot erfolgreich mehrere hundert Menschen satt bekam. Selbstverständlich gab es daneben ein vielfältiges Angebot auf dem Festivalgelände und der Markthalle 9. Online gibt es schon Fotos von den einzelnen Veranstaltungstagen, öffentliches Filmmaterial ist noch in Arbeit.

Wie und ob eine weitere »Wir haben es satt!«-Konferenz stattfinden wird, steht derzeit noch in den Sternen. Interesse und Aktivismus wächst in diese Richtung jedoch zum Glück reichlich, denn Hunger haben wir schließlich alle.

geschrieben von Vivien Beer
am 16.10.2014


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