Beitrag vom 07.10.2014

Eindrücke von der Degrowth-Konferenz in Leipzig

Eine grasbewachsene Abrissbirne schaukelte im sächsischen Spätsommer sanft der Universität Leipzig entgegen. Vom 2. bis zum 6. September 2014 war diese von der friedlichen Besetzung der Degrowth-Konferenz eingenommen. Die aktuelle Oya hat ihren Schwerpunkt ganz den basisdemokratisch organisierten Vorbereitungen zu diesem Ereignis gewidmet.  Es geht in 400 Veranstaltungen um soziale Gerechtigkeit und ökologische Nachhaltigkeit. Der Weg dorthin ist die Schrumpfung der Wirtschaft: Die Degrowth 14 in Leipzig war mit dem Ziel organisiert worden, Brücken zwischen  gesellschaftlichen Pionieren zu bauen, die Wege aus der Wachstumsgesellschaft denken und leben. Die internationale Konferenz zeichnet die Ausmaße dieser sozial-ökologischen Allianz ab, wie eine spontane Volkszählung. Über die gemeinsame Degrowth-Dimension fanden pädagogische, aktivistische und politische, handwerkliche, künstlerische und wissenschaftliche Ansätze zusammen. Debatten zu Wirtschaftsdemokratie und Austeritätspolitik, pluraler Ökonomik und Umweltgerechtigkeit schienen harmonisch in die Erzählung eines „niedriger, langsamer = weiter“ zu passen. Interessanterweise kommt der Kreis der empörten Visionäre zwar aus vielfältigen Gesellschaftsbereichen, konzentriert aber gleichzeitig ein gewisses Bildungskapital. Das gibt natürlich auch zu denken, wie breitenwirksam und inklusiv die Degrowth-Idee tatsächlich ist. Die vielen Perspektiven in Räumen, Formaten und Prozessen zusammen zu bringen, war trotzdem eine glücklich gemeisterte Herausforderung.
Neben der Betriebsamkeit in den Hörsälen sind auch die Orte der Organisation und Rekreation  sichtbar und zugänglich gelegen. Auf den Podien wird über Care Economy und sozialen Metabolismus gesprochen. Und gleichzeitig spiegelt sich die Frage nach dem Verhältnis von Produktion und Versorgung in der Konferenzlogistik. Trotzdem bleiben sie ihren eigenen Geschwindigkeiten überlassen.
Die Arbeitsflächen der Konferenzküche im Innenhof bilden einen Runde, an der Gäste und Referentinnen gemütlich Gemüse schneiden. Teller waschen. Diskutieren. Hätten Küchen in den 70gern so ausgesehen, hätte sich wohl niemand von den Zwängen der Reproduktion freikämpfen müssen. Die Epidemie der Coffee-to-Go-Becher und Fertiggerichte wäre uns vielleicht in diesem Ausmaß erspart geblieben.
Im Seminargebäude klingelt es für die nächste Runde wissenschaftlicher Speed-Daterinnen. Sie scheinen es zu genießen, ihre Persönlichkeit in der Zeitnot zu entfalten. Einige Meter weiter liegt der abgedunkelte Schlafraum. Die sendebereiten Gesichter von drüben hier still in der Rückkehr. Schuhe und Haltung wurden draußen abgestreift.
Für die logistische Infrastruktur der Konferenz existieren heiß ausgetragene Gesellschaftsdebatten scheinbar in weiter Ferne. Veggy Day? Wir kochen nur vegan. Die gewöhnlichen Kosten ökologischer Nonkonformität sind abgeschafft: Sojamilch im Kaffee kostet nicht 50 Cent mehr, wie sonst häufig. Spendenkassen sind selbstverständlich. Auch der Welt der Dienstleistungen und Produkte entzieht sich die Konferenz kommentarlos. Mit einer Meldung beim „Helfertisch“ verringert sich der Spalt zwischen Teilnehmen und Geben. Mit Namensschildchen und grünen, roten und blauen Klebepunkten stellen sich „Flüsterdolmetscherinnen“ zur Verfügung. Und auch die Namensschildchen sind Teil einer kooperativen und selbstorganisierten Kultur. Wie würde es wohl aussehen, wenn wir auch wüssten, wer uns in der U-Bahn gegenübersitzt oder in der Kasse vor uns steht?

Während der großen Panels sitzen mindestens drei Generationen auf Stühlen oder Stufen des überfüllten Audimax. Die Vorträge werden sogar in zwei weitere Hörsäle gestreamt. Auf dem Innenhof weht der Duft von Couscous mit Gemüse und veganer Kokossauce aus einem weißen Zelt. Hier draußen sieht es aus wie ein kleines, ruhiges Volksfest. Nur ohne fettigen Bratwurstduft. Erst eine Woche später wird hier für eine Chemiker-Tagung wieder eine Würstchenbude stehen.
In der Eingangshalle scheinen sich Posterwände, Flyerstände und Anmeldungstheken für Gäste, Referentinnen und Journalistinnen frei ausgebreitet zu haben. In Wahrheit heißt das Ordnungsprinzip „Brandschutz“. Die Dichte an Experten von Feuerwehr und Gesundheitsamt ist zufälliger Weise die Tage extrem hoch. O-Ton eines Mitorganisatoren: „Bewegungen hat man seit jeher am liebsten mit Hygieneverordnungen und Brandschutz gebremst“. Sich dagegen aufzulehnen wäre eine leicht zynische Interpretation von „struggle against the system“.
Allein die Universitätsarchitektur bot beschränkt Raum für die Experimente der Selbstorganisation. Selbst die Klebeband-Sorte wurde reglementiert. Jetzt bewegen sich rund 3000 Menschen in dieser unantastbaren Ordnung. Um so ambitionierter, hier Formen der Selbstbestimmung zu diskutieren und die scheinbar gesichtslosen (Wachstums)zwänge unserer gesellschaftlichen Ordnungen zu hinterfragen. Ein Marimbaphonspieler platziert die Idee freiwilliger Selbstreduktion musikalisch zwischen eckigen und runden Säulenreihen. Die Neuinterpretation der zerstörten Universitätskirche stammt von eben jenem Architekten,  der gerade erst eine künstliche Insel für die Olympischen Spiele in Sotschi aufschütten ließ. Das passt zur Gigantomanie des Audimax, einer luftig ausgebeulten Kabine zwischen Antike und Star Wars. Übrigens sitzen im 5. Stock des Universitätsturms nicht die Geisteswissenschaftler – sondern die Mathematiker.

Degrowth als Rahmen einer breiten gesellschaftlichen Allianz?
Sind wir auf einer Messe, auf der jeder seiner Partikularperspektive nachgeht? Oder laufen wir zwischen den Hörsälen und Seminarräumen wie von Zelle zu Zelle einer neu entstehenden gesellschaftlichen Idee? Ein weiteres Modell aus der modulbasierten Serienproduktion der Weltverbesserungskommunikation? Ist Degrowth die gewissenhafte Ablenkung von dem Kriegszug der Reichen, oder kann es ihm das Wasser abgraben?
Unter Degrowth haben sich Nischenakteure zusammen gefunden, die alleine noch marginaler geblieben wären. Sie sitzen in Parteien, Wohnprojekten und Gemeinschaftsbüros. Sie produzieren gemeinsam das dynamische, agierende Negativ zur Wachstumserzählung. Vor allem aber bieten ihre Anker in die Gesellschaft die Möglichkeit, Sinnsysteme und Praktiken simultan zu verändern. Postwachstum kommt ins Parlament und auf das Post-It am Bürobildschirm. Das ist gut gegen eine kognitive Dissonanz auf dem Weg der Veränderung.
Aber wie sind die „Akteure des Wandels“ in die gesellschaftliche Ordnung eingebettet? Schließlich produziert jede institutionelle Anbindung auch Abhängigkeiten. Wohin fließen Forschungsgelder und wo liegen die Stellen? Eigeninteressen programmieren Konflikte vor.
Gesetzt den Fall man wollte es je anders: wie verhindert man beim Ausbruch aus der Nische, sich nicht wieder in widersprüchliche Symbiose mit den etablierten Strukturen der Wachstumsgesellschaft zu begeben? Besonders in der Allianz zwischen Akteuren aus Wissenschaft und Aktivismus lässt sich fragen, wer in diesem Traumpaar die Hosen an hat.

Verstreut konnte man Antworten dazu auf der Degrowth 2014 finden. Zum Beispiel bei Environmental Justice: dort meint der Begriff „Post-normal Science“ die Aufklärung und Interpretation von Umweltvergehen durch die Betroffenen selbst. Es erkennt an, dass die Kosten für wissenschaftliche Forschung die Anerkennung von Wahrheit exklusiv machen und sogar unterdrücken. Die „Citizen Science“ der Transformationsforscherinnen meint häufig lediglich die Beteiligung zivil-gesellschaftlicher Akteure an der Problemartikulation. Die „Bürgerhochschule“ soll dem Konzept nach mehr sein, als ein abgesteckter Besucherbereich im Wissenschaftsbetrieb. Trotzdem hatte das stille Schlusswort zu „Science meets Activism“ ein Fragebogen an der Informationstheke. Es waren verschiedene Haltungen zu gesellschafts-politischen Fragen und die Nutzung technischer und alltäglicher Gegenstände anzukreuzen. Für mich duftete das ein wenig nach Soziallabor im Anschluss an das 5-tägige Visionsbuffet. Hilft es uns denn wirklich zu wissen, bei wem sich wohl welche Idee am meisten auf das (Konsum)verhalten ausschlägt? Ich vergesse meine persönliche Lehre aus dem Abschlussbericht der Enquete-Kommission „Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität“ nicht: individuelle Reduktion und Green Growth würden (in) einer Exportnation leider sehr gut zusammenpassen. Postwachstum, als Konsumverweigerung verstanden, würde also nur einen aktuellen Trend verstärken: sinkende Binnennachfrage mit Exportüberschuss.

Wie könnte es weiter gehen?
Wo könnten Degrowth-Perspektiven noch ansetzen? Zum Beispiel in den Routinen und Pfadabhängigkeiten (innerhalb) ökonomischer Organisationen oder in den legislativen Praktiken auf kommunaler Ebene. Es könnten dort die unauffälligen Wachstumszwänge adressiert werden, die durch industrienahe Bürokratie und Gesetzgebung alternativenfeindliche Normen und Standards eingeschliffen haben. Es sind ja auch die gesetzlichen Hemmschwellen für solidarische Ökonomien, alternative Finanzierungskonzepte, Aktivhäuser und informelle Ökonomien, die viele existierende Postwachstumspraktiken am Fuß fassen hindern. Außerdem sind auf niedrigem Level institutionelle und nichtinstitutionelle Akteure oft weitaus dialogfähiger. Die Degrowth-Bewegung würde sich so auch stärker mit den Hebeln und Ansätzen in Greifweite auseinandersetzen. Konsequent würde das aber bedeuten, die eigenen Rahmenbedingungen mit zu reflektieren. Besonders wenn sich neue Partnerschaften abzeichnen: In einer Vision lösen sich divergierende Praxisvorstellungen auf. Konzentriert sich der Fokus auf konkrete Ziele, treten sie wieder in den Vordergrund. Trotzdem lassen sich Schnittmengen und Kollaborationen auch aus Differenzen entwickeln. Und das besser, als sich vorprogrammierte Konflikte in einer eingespielten Partnerschaft verhindern lassen.

Was könnte also, gewagt formuliert, auf einem praktisch orientierten Kongress mit dem Titel „Die sozio-ökologische Transformation des Konzerns Amazon zu einem selbstverwalteten Postwachstums-Common“ passieren? Am Vorbild des Konzerns (vielleicht nur am Beispiel einer Filiale) würden kurzfristige Transformationsziele und Barrieren einer langfristigen Wachstumsunabhängigkeit untersucht werden. Dann könnten Rechtsformen, Gesetze und Subventionsreformen diskutiert werden, die die Rahmenbedingungen für eine solche Vision herstellen können. Es wäre eine starke Provokation gegenüber den etablierten Organisationen, deren größtes Kapital die Illusion der Alternativlosigkeit ist. Gleichzeitig könnte das „statuierte Exempel“ konkrete Pfade aufweisen, vernachlässigte Probleme ans Licht bringen und Missverständnisse verhindern. Es wäre vor allem die Probe für das Durchhaltevermögen der Postwachstums-Allianz.

geschrieben von Felicitas Sommer
am 07.10.2014

1 Kommentar

von Johannes Timaeus am 24.11.2014

«Zum Thema amazon Alternative: schaut mal auf fairmondo.de vorbei. Allerdings kämpft dieses Unternehmen gerade ums überleben»


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