Beitrag vom 30.09.2014

Eine interessante, aber wenig konstruktive Analyse

Der aus Korea stammende Professor für Philosophie und Kulturwissenschaft an der Berliner Hochschule der Künste, Byung-Chul Han, hat Anfang September einen bemerkenswerten Essay in der Süddeutschen Zeitung veröffentlicht, in welchem er darlegt, warum nach seiner Ansicht im heutigen neoliberalen Herrschaftssystem keine Revolution möglich sei.

»Warum ist das neoliberale Herrschaftssystem so stabil?«, fragt Byung-Chul Han. »Warum gibt es kaum Widerstand dagegen? Warum werden sie alle so schnell ins Leere geführt?«

Als einen Grund hierfür macht er aus, dass das neoliberale System zwar am Anfang oft physische Gewalt einsetzen muss, um sich einsetzen zu können. Einmal an der Macht würde es jedoch gewissermaßen hinter einer allumfassenden Fassade scheinbarer »Freiheit« unsichtbar:
Das systemerhaltende Macht der Disziplinar- und Industriegesellschaft sei noch deutlich repressiv gewesen. Fabrikarbeiter wurden in jenem System durch Fabrikeigentümer brutal ausgebeutet, und die gewaltsame Fremd-Ausbeutung der Fabrikarbeiter führte folglich zu Protesten und Widerständen. Hier seien Revolutionen möglich gewesen, die das herrschende Produktionsverhältnis umstürzen würden. Hier seien sowohl die Unterdrückung als auch die Unterdrücker sichtbar gewesen und es gab ein konkretes Gegenüber, einen sichtbaren Feind, dem der Widerstand gelten konnte.

Das heutige neoliberale Herrschaftssystem sei hingegen ganz anders strukturiert: »Hier ist die systemerhaltende Macht nicht mehr repressiv, sondern seduktiv, das heißt, verführend. Sie ist nicht mehr so sichtbar wie in dem disziplinarischen Regime. Es gibt kein konkretes Gegenüber mehr, keinen Feind, der die Freiheit unterdrückt und gegen den ein Widerstand möglich wäre.« Ja, in der Regel seien sich die unterworfenen Subjekte nicht einmal ihrer Unterworfenheit bewusst. Also mache sich mangels sichtbarem Ausbeuter in der neoliberalen »Freiheit« jeder selbst für das eigene Scheitern verantwortlich, nachdem er bis zum Burnout versucht hat irgendwie zu bestehen: »Man wendet Gewalt gegen sich selbst an, statt die Gesellschaft verändern zu wollen. Die Aggression nach außen, die eine Revolution zur Folge hätte, weicht einer Selbstaggression.«

Byung-Chul Han's Analyse gipfelt in der Behauptung, wonach es heute »keine kooperierende, vernetzte Multitude« gäbe, »die sich zu einer globalen Protest- und Revolutionsmasse erheben würde«.
Ich könnte mir vorstellen, dass Byung-Chul Han Recht hat, wenn er da alleine das Proletariat – also das revolutionäre Subjekt des marxistischen Weltbilds – im Auge hat.

In Oya Nummer 9 haben wir hingegen gelesen, dass der Autor Paul Hawken bereits eine »weltweite immunologische Bewegung« zur Rettung des Planeten ausgemacht haben will.

geschrieben von Jochen Schilk
am 30.09.2014

2 Kommentare

von Bernd G. am 02.10.2014

«Leider ist meine Erfahrung in der politischen Arbeit vor Ort, dass die Kraft der "immunologischen Bewegung" nicht im geringsten gegen die Trägheit der Mehrheit ankommt. Ich befürchte, dass der Professor recht hat. Na ja, noch ein paar Generationen lang Geduld ...? :-/»

von philnickel am 06.10.2014

«Ich bin zu den selben Erkenntnissen gekommen, wie Byung-Chul Han. Wobei ich behaupte, dass es für für die Mächtigen kein besseres System zur Ausdehnung und Erhaltung ihre Macht gibt, als Demokratie. Erst Demokratie macht glauben, dass alle Frei und Gleich wären... jeder seines Glückes Schmied sei- der perfekte Nährboden für das heutige neoliberale Herrschaftssystem. In der Geschichte der Menscheit gab es keinen Diktator, keinen König auch keinen Kaiser oder Pharao, die auch nur annähernd über einen derartigen Reichtum verfügten, wie es die heutigen Mächtigen ihr eigen nennen. - ganz genau! Ich finde die Analyse von Byung-Chul Han, keineswegs "wenig konstruktiv". Erst wenn ich die Dinge klarer sehe, die Ilusion als Ilusion erkenne, ist es mir auch möglich, aus der Ilusion vielleicht heraus zu kommen. Und noch etwas- welche große verändern wollende Bewegung gab es denn in den letzten 25 Jahren!? Occupy würde mir bestenfalls einfallen- allerdings nur eine Pusteblume! die 68er hab ich nicht erlebt, aber dann die Hausbesetzerzeit...Anti-Akw... Friedensbewegung..100tausende kamen da zusammen. Heute?...Wenn sich mal gegen Genfood oder Massentierhaltung wenigstens 10-20.000 zusamen finden, liegt der Altersdurchschnitt bei 45-50! Und wenn ich mir die hier angebenen Gemeinschaftsprojekte anschaue (von denen ich einige kenne), dann besthen die meißten von denen seit 20 und noch mehr Jahren! Es waren meißt die jüngeren Generationen, die "Revolutionen" in Gang gebracht haben..die Veränderung wollten. Und genau den jungen revoltierenden, ermangelt es heute den westlichen Herrschaftssystemen mehr den je (eben auch aus von Byung-Chul Han, besagten Gründen)... Naja, meine 25-30 Jahre müßt ich noch machen und mal schaun, wie die Dinge dann ausschaun;) »


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