Beitrag vom 12.09.2014

Die neuen „Sinn-Medien“ und ihr „Bewältigungsoptimismus“

Auf dem jüngsten „Vision Summit“, einer Veranstaltung, die sich unter dem Motto „Soziale Innovation - die Zukunft von Gesellschaft und Wirtschaft“ um soziales Unternehmertum dreht, fand auch ein Workshop über „Medien für gesellschaftlichen Wandel“ statt. Die Entstehung neuer „Sinn-Medien“ und ihre Bedeutung für soziale Innovationen sollte untersucht werden, angeregt von der Forschungsarbeit von Professor Thorsten Schäfer, der an der Hochschule Darmstadt Journalismus unterrichtet, zu Umweltjournalismus forscht und eine Studie zu sogenannten Sinn-Medien erstellt hat: Magazine, die „gesellschaftlichen Wandel“ voranbringen. Auch Oya wurde genannt, wie aus einem Bericht, der uns kürzlich erreicht hat, hervorgeht. Wir selber waren nicht auf der Veranstaltung. Doch wären wir dabeigewesen, hätten wir sicherlich ein paar Dinge zur Diskussion gestellt, die uns sehr nachdenklich machen:


Man sprach über eine neue Marktnische, die mit einem entsprechenden Geschäftsmodell profitabel ausgeschöpft werden könne. Die Rede ist vom neurdings sich entwickelnden „Sinn-Segment“ des Medienmarkts – und das habe noch lange keine Sättigung erfahren. Die zentrale „Zielgruppe“ dieses Marktsegments sei die „Generation Y“, die unter dem Leistungsdruck in der Multioptionsgesellschaft und den multiplen Krisen der Gesellschaft leide, aber dennoch viel „Bewältigungsoptismismus“ zeige, sich zum Beispiel statt in Parteien in lokalen Initiativen engagiere. Der Wertewandel, für den sich diese Generation einsetze, bestehe aus acht Punkten: Zeithoheit, Sinnstiftung, ethischer Konsum, Gesundheit, Gemeinschaft, Lokalität, Naturnähe, Selbstwirksamkeit. Die neuen „Sinn-Medien“ versuchten nun, so viele dieser Punkte wie möglich miteinander zu verbinden und damit wirtschaftlichen Erfolg einzufahren.


Soeben sind wir auf der 4. Internationalen Degrowth-Konferenz in Leipzig gut 3000 engagierten, vorwiegend jungen Menschen aus aller Welt begegnet, die längst aus diesem alten Denkgebäude ausgezogen sind oder gerade dabei sind, dies zu tun, weil sie dessen Fundamente – auf Wachstum programmierte „Märkte“, die über die Zukunftsanliegen der Menschheit und des Lebens auf der ganzen Erde gnadenlos hinweggehen – für nicht länger tragfähig halten. Nichts länge uns ferner, als diese Akteurinnen und Akteure eines Wandels hin zu einer enkeltauglichen Welt schnöde als „Zielgruppe“ zu betrachten, für die ein ideales, womöglich noch „unterhaltsames“ „Sinn-Medium“ zu designen sei! Unter den deutschsprachigen Teilhabenden und Teilgebenden der Degrowth-Konferenz waren viele Freundinnen und Freunde, Menschen, die Oya lesen, für Oya schreiben. Freilich bezahlen viele von ihnen auch solidarisch ihr Abonnement oder beteiligen sich sogar an der Genossenschaft, die es Oya ermöglicht, ohne Kredite in dem profitgetriebenen „Markt“ überhaupt zu existieren. Für sie wie für uns ist Geld ein noch notwendiges Übel und „wirtschaftlicher Erfolg“ kein Produktziel. Uns von ihnen derart zu trennen, dass wir unsere Leserschaft und genossenschaftlichen Partnerinnen und Partner als „Generation Y“ und „Zielgruppe“ in eine wohlfeile Schublade stecken würden, käme uns nicht in den Sinn. Die Kluft zwischen „Produzenten“ und „Konsumenten“, die sich schlagartig auftut, wenn die Welt als „Markt“ und nicht als großes, unendlich fein ineinander verwobenes Commons – „Gemeintum“ –, zu dem wir alle nur zum Wohl des Ganzen beitragen können, betrachtet wird, tritt an diesem Beispiel wieder einmal deutlich hervor.


Oya steht ganz und gar nicht für einen offenbar gerade hippen „Bewältigungsoptimismus“ – ein neues Wort, das in jenem Workshop gebraucht wurde. Im Gegenteil: Der Mut, das menschheitliche Scheitern im Großen und im Ganzen einzugestehen, ist uns ein kaum zu steigernder Wert, und die vielen mutigen Menschen, die wir mit ihren ermutigenden Projekten zeigen, würden uns aus dem Haus werfen, wenn wir sie für ihren „Bewältigungsoptimismus" lobten. Sie alle wissen, dass die Krise eben nicht zu „bewältigen“ – steckt da nicht immer auch etwas Gewalttätiges drin? – ist und dass es statt eines unrealistischen Optimismus einen klaren Blick für die Realität braucht, um eventuell zu erkennen, was wir nach dem großen Scheitern – und womöglich auch währenddessen – vielleicht brauchen könnten. Sie ermutigen nicht, weil sie „optimistisch“ glauben, irgendeinen Weg zur „Bewältigung“ der vor uns liegenden globalen Herausforderungen zu kennen, sondern gerade dadurch, dass sie ohne die Illusion, das Gegenwärtige retten zu können, daran arbeiten, das Zukünftige gut werden zu lassen. Sie üben in erster Linie Haltungen ein, die sie zu sozialen, gemeinschaftsfähigen, resilienten Menschheitsmenschen werden lassen. Dazu gehört eine Verbundenheit mit der wirklichen Gegenwart, die einen „Bewältigungsoptimismus“ als modische Attitüde von wenig mit der planetaren Wirklichkeit verbundenen Menschen entlarvt. Oder wie wären etwa der große Pazifische Müllwirbel zu „bewältigen“ oder der nach wie vor ungebremst steigende CO2-Gehalt der Atmosphäre oder der bereits eingetretene Verlust von 50 Prozent unserer Feldvögel, der Häfte des früheren Artenreichtums von Ackergewässern und der noch stärkeren Dezimierung des Bodenlebens? Wie wären der Verlust von einem Viertel fruchtbaren Ackerbodens weltweit in den letzten Jahrzehnten zu „bewältigen“, die bereits messbare Versauerung der Ozeane, die Fluchtbewegungen der Menschen, die heute schon klimabedingt ihre Heimaten verlassen müssen? Wie wäre denn die ungeheure Massierung von Kapital zu „bewältigen“, das sich auf den Konten ganz weniger Menschen sammelt, wie die ebenso ungeheure Verdichtung von Menschen in kaum noch zu regulierenden Megastädten – wie soll das alles „bewältigt“ werden, wo wir ja noch nichtmal ein Endlager für unseren radioaktiven Müll gefunden haben ...?

Die Oya-Redaktion ist mit ihren Kolleginnen und Kollegen, die zum Teil ebenfalls seit Jahrzehnten mit ihren nunmehr „Sinn-Medien“ genannten Druckerzeugnissen kulturkreative Informationen verbreiten und essenzielle Denk- und Handlungsansätze formulieren, in einem ständigen Dialog. Fast jede Ausgabe von Oya stellt in den Rubriken „Worüber unsere Freunde nachdenken“ und „Bücherfreundschaften“ eine befreundete Redaktion und einen befreundeten Verlag vor. Mit dem Sinn-Magazin (es heißt nun mal tatsächlich so!) intensivieren wir derzeit die Zusammenarbeit und haben den Leserservice für die Zeitschrift übernommen. Bei all diesen Redaktionen nehmen wir echtes Engagement für ihre Themen jenseits des Hungers nach zahlungskräftigen „Zielgruppen“ wahr. Eine Redaktion, der es um Inhalte geht, die für ihre Sache brennt, findet immer ihre Leserinnen und Leser, die für dieselbe Sache brennen. Das ist in unseren Augen kein „Markt“, sondern die natürliche Folge von Austausch und dem freigebigen Teilen von Wissen. Und gemeinsam sorgt man dafür, dass dies überhaupt möglich ist, und sei es auch durch Einsatz von Geldmitteln. In diesem Sinn möchten wir den Dialog mit unseren Kolleginnen und Kollegen fortsetzen. Für uns wird es jedenfalls von Tag zu Tag dringlicher, uns dem Sog der „kapitalistischen Verwertungslogik" zu entziehen, und das wird in unseren Gesprächen mit Menschen, die weiterhin dem „Markt“ frönen und ihm einen „Sinn“ geben wollen, eine zunehmend wichtigere Rolle spielen.

Johannes Heimrath

geschrieben von Johannes Heimrath
am 12.09.2014

2 Kommentare

von Claudia am 12.09.2014

«Ein sehr schöner Beitrag, vielen Dank. Leider ist er durch fehlende Absätze nur sehr schwer lesbar.»

von Lara am 12.09.2014

«Danke für den Hinweis - jetzt sind mehr Absätze drin!»


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