Beitrag vom 09.07.2014

Verbundenheit erleben

In der Ausgabe 27 von Oya erzählen Leserinnen und Leser Geschichten, die von Moment der Verbundenheit berichten. Neun Geschichten haben wir gedruckt, und etwa 20 weitere sind soeben im Netz erschienen und unter diesem Link als PDF verfügbar.

Als Kostprobe der vielen inspirierenden Erzählungen veröffentlichen wir hier eine Lieblingsgeschichte der Redaktion, die aufgrund ihrer Länge nicht im Heft veröffentlicht werden konnte: »Der Tag, an dem ich meinen Hut verlor« von Ingrid Picker aus Bad Tölz:

 

Der Tag, an dem ich meinen Hut verlor



Es ärgerte mich, dass der Hut weg war, denn er war mir ans Herz gewachsen. Jahrzehnte hatte er mich auf allen Touren begleitet, leicht war er, luftig und doch regendicht, und seit ich das zerschlissene Futter entfernt hatte, beanspruchte er in der Hosentasche nicht mehr Platz als ein Schnupftuch. Dort vermutete ich ihn, als ich beim Aufsteigen Pause machte und mir das Hirn brannte, aber in der Hosentasche war er nicht. Wo verloren? Nur im schattigen Teil der Strecke konnte ich ihn herunter genommen haben, in der Sonne bekomme ich sofort Kopfschmerzen, deshalb trage immer einen Hut. Aber ich hatte nicht bemerkt, dass mein Haupt leer war. Warum nicht?

Zurückgehen kam nicht infrage, ich war schon zu weit gegangen und wenn ich jetzt umkehrte, schaffte ich den Gipfel nicht mehr. Zweimal hatte ich den Hut früher schon  verloren, jedes mal beim Absteigen, also stieg ich wieder bergauf und holte ihn. Längst hatte ich einen neuen, aber mein Herz hing am alten, dem Begleiter in viel Mühsal und Freuden. Also sagte ich zu denen, die mir von oben entgegen kamen: „Ich habe meinen Hut verloren, schwarzbraunes Pepitamuster, bitte lasst ihn liegen, ich nehme ihn am Rückweg mit!“ Sie versicherten mir, dass sie darauf achten würden. Beruhigt stieg ich weiter, nachdem ich mein Halstuch als Sonnenschutz um den Kopf gebunden hatte, und erreichte den Gipfel in  der vorgesehenen Zeit. 

Oben waren viele Menschen. Sie liefen beim Absteigen an mir vorbei, die ich mich für die Gipfelrast ein wenig abseits gesetzt hatte. Sollte ich zu jedem sagen: „Weiter unten liegt mein Hut am Weg, bitte lassen Sie ihn liegen…“? Ich fing an darüber nachzudenken, warum das passiert war. Die anderen beiden Male war ich noch im „Berufsleben“ gewesen und wenn einer sich dem ganz widmet, gibt es genug Grund geistesabwesend zu sein und einen Hut zu verlieren, trotzdem hatte ich es jedes mal nach kurzer Zeit bemerkt. Warum jetzt nicht?  Was war passiert? 

Es war etwas passiert. Ich hatte Unterlagen abgestoßen, mich frei gemacht von den ein Erwachsenenleben lang bei jedem Ortswechsel mitgeschleppten Dingen: Fotos, Negative, Briefe, Rechnungen. Unpersönliches warf ich in die Tonne. Persönliches entsorgte ich in einem Ritual, davon konnte ich mich nicht einfach per Entschluss trennen. Blatt nach Blatt und Foto nach Foto verbrannte ich auf den Steinen am Flussufer, auf dass die Vergangenheit mich nicht mehr belaste, und sei es nur durch übergroße Fülle in den Schränken. Als letztes verbrannte ich den Abschiedsbrief eines Freundes, genauer gesagt: des besten Freundes, den ich je hatte, denn die Spezies ist rar unter den Menschen. Er gehörte zu den Jahrgängen, deren Jugend auf den Schlachtfeldern zerschossen worden war, die hatten nach dem Krieg was nachzuholen. Manche waren unersättlich und er war es auch.  Also war ich verletzt, weil ich glaubte, er habe eine andere. War der Verdacht nicht naheliegend? Den wahren Grund habe ich nie erfahren, weil ich den Brief nicht beantwortete. Wir waren beide beruflich überlastet, die Zeit für verbale Kommunikation fehlte. Austausch, Besinnung, Streben nach Gleichklang, innerer Ruhe: die Verhältnisse im Nachkriegsdeutschland waren nicht so, doch ist die Leidensfähigkeit  begrenzt und so lange der Mensch es sich aussuchen kann, versucht er Leid zu mindern. So erschien es natürlich, dass die Liebe beendet sein sollte und fortan zwar nicht Freud-, aber Freundlosigkeit in meinem Leben herrschte. Aber den Brief hatte ich 35 Jahre lang aufgehoben. Es war nicht wirklich ein Abschiedsbrief, aber seine Bedeutung war klar, und danach habe ich von dem Mann nichts mehr gehört.

Als die Flamme am Flussufer über die beiden Blätter kroch und die klare, sympathische Tintenschrift eher verkohlte als verbrannte, spürte ich eine unfassbar starke Verbindung, zum Schreiber. Das Gefühl ihn wieder zu sehen hatte in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen, dabei wusste ich nicht einmal, ob er noch lebte. Auf Gehsteigen voller Menschen ertappte ich mich dabei, dass ich in deren Gesichtern forschte, als könne ich das bekannte dort sehen, und jedes mal schalt ich mich „Verrückt!“ Aber es geschah  immer wieder. Als jetzt das Papier schwarz in sich zusammen fiel, wurde das Gefühl einer Verbundenheit so stark, dass ich sicher war:  „Das muss ihn herbei ziehen!“ Gleichzeitig erschrak ich über solchen „Unsinn!“ Anschließend fuhr ich nach Hause und vergaß es. 

Zwei Tage später war er in der kleinen Anlage vor unserem Haus. Als ich mit einer Näharbeit ans Fenster trat, weil das Tageslicht dort besser war, saß er dort mit einer jüngeren Frau auf einer Bank unter den Bäumen und schaute zu mir herüber. Aber ich glaubte es nicht. Ich war überzeugt davon, dass ich durchgeknallt bin! „Das ist eine Halluzination!“ Und doch war er es. 35 Jahre älter, aber dasselbe Profil, derselbe Haarschnitt und bleich wie ehedem – nein, bleicher. Seine Hände waren unruhig, er sah krank aus. Die Begleiterin bemühte sich ihn abzulenken, sie wies mit der Hand auf die Gleitschirme, die an diesem Tag am Himmel schwebten. Gefügig folgte sein Blick kurz ihrer Weisung, dann schaute er wieder zu mir her. Eine Pflegerin? Seine Tochter? Eine Tochter, von der ich nichts wusste, deren Erscheinen auf dieser Welt der Grund für den Abschiedsbrief gewesen war? 

Ich wusste nicht, was ich tun wollte. Er schaute unverwandt zu mir her, aber ich blickte nur verstohlen hinüber und zeigte mich der Näharbeit beschäftigt. Auch nach langer Weile, als die beiden aufstanden und den Weg zurück gingen, der am Haus vorbei führt,  rührte ich mich nicht. Warum war er gekommen, hatte ich ihn mit meinen intensiven Gedanken hergerufen?  Ich hätte nur hinauszugehen brauchen vor das Haus, dann hätte ich die Wahrheit erfahren. Aber obwohl ich überzeugt war, dass es keine Halluzination war, redete ich mir ein, es sei eine. Hatte ich den Mann wirklich wiedersehen wollen, oder waren das  intensive Gefühle gewesen, die ich gar nicht wollte? 

Das alles ging mir durch den Kopf, während ich mich auf dem Berg über die geistige Abwesenheit befragte, die zum Verlust des schäbigen Huts geführt hatte. Nun stellte ich mir die Fragen, die ich sofort hätte klären müssen: Wie hast du mich gefunden? Kein Problem, das Internet gibt Auskunft. Wie bist du hierher gekommen, wie auf die Bank vor unserem Haus? Ein Ortsplan und die Adresse genügten. Auf die letzte, die wichtigste Frage wusste ich keine Antwort: Warum sitzt du da? Nur eine Treppe und ein Vorplatz trennten mich von ihm, aber ich ging nicht hinunter, weil ich nicht glaubte, was ich sah. Telepathie? Oh ja, bei anderen! Denn daran habe ich immer geglaubt, dass einige die Fähigkeit haben. Aber ich doch nicht!

Es war offensichtlich, dass der Frau an seiner Seite die Situation unangenehm war, und sie war es dann, die aufstand und ihn mehr fortführte als geleitete. Er folgte ihr und ich fuhr mit einem Ruck von meinem Fenster weg, als sie im Gehen seine Hand ergriff, denn diese vertrauliche Geste hatte er mir immer verweigert. Sowas tat “mann“ früher nicht!

Wie dumm. Die reine Feigheit. Auf dem Berg, als ich mir zu erklären versuchte, wie ich den Hut hatte verlieren können, kamen mir die Gedanken, die ich 35 Jahre früher hätte denken sollen: dass etwas in seinem Leben geschehen war, das über seine Kraft ging, so dass er den Rücken frei haben wollte. Auch ich hatte schließlich den Wunsch nach Abschied akzeptiert. War er gekommen, um sich richtig und endgültig zu verabschieden, mit allen Begründungen, die dazu gehören? Am nächsten Tag klingelte bei mir das Telefon, aber als ich mich meldete, redete lange Zeit niemand. Da legte ich auf.

Auf dem Weg herab vom Berg achtete ich sorgfältig auf die Umgebung und je tiefer ich kam, umso wütender wurde ich, weil der  Hut nicht da war. Dass ihn ein anderer genommen haben sollte, machte mich wütend! Dann, ohne noch viel zu sehen, wusste ich es schon von weitem. Er lag viel weiter unten, als ich vermutet hatte, ich war beinahe die ganze Strecke in der prallen Sonne ohne Hut aufgestiegen. Strukturen hoben sich am Weg ab, die ungewöhnlich waren - weich wie Tuch, nicht hart wie Fels –, dort hatte jemand meinen Hut am Wegrand ordentlich auf einen kopfartigen Stein drapiert. Im Schatten der Büsche unterschied er sich so wenig von der Umgebung, dass jeder Unaufmerksame an ihm vorbeigelaufen wäre, ohne ihn zu sehen.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 09.07.2014


Kommentar schreiben




Bitte helfen Sie uns zu verhindern, dass die Kommentarfunktion von Spam-Software missbraucht wird und lösen folgende kleine Rechenaufgabe:


sechs plus drei =