Beitrag vom 16.06.2014

Notizen zum Sinnposium

»Bildung und Bewusstsein« war das Motto des diesjährigen »Sinnposiums« vom 29. Mai bis 1. Juni auf Schloss Tempelhof. Die Grundidee und die Zutaten: Schauen wie Bildung werden will.  Es gibt keinen Inhalt, dafür einen Rahmen, »eine vorbereitete Umgebung«.  Es gibt Teilnehmer, es gibt Impulsgeber, es gibt Raumhalter.
Es findet statt an einem Ort, an dem Entwicklung gelebt wird.

Das sind schon mal gute Zutaten, sehr gute Zutaten, wenn ich noch dazu die Intention von Menschen bedenke, die sich Zeit nehmen, Mühen und Geld investieren, um zu etwas zu kommen, das ohne inhaltliche Absichtserklärungen antritt. Auch die ausgewiesenen Autoritäten garantieren eine gute Ausgangslage, z.B. der spitzfabulierende Otto Herz, Pionier der Alternativpädagogik, Lehrstuhlinhaber Thilo Hinterberger mit seinem Versuch Bewusstsein in akademische Formen einzupflegen, die Vorsitzende des Global Ecovillage Networks Kosha Joubert mit ihrer herzweitenden, in vielen Gemeinschaften erprobten Moderation und der resonanzfähige Erfahrungsmystiker Thomas Hübel.
Ein erprobtes Rezept liefert ein anderer Otto, der gefeierte Prozesspfadfinder und Koch des Zukünftigen Scharmer mit seiner Theorie U. Das vielleicht wichtigste aber – so  erscheint es mir im Rückblick - ist, dass wir alle auf gewisse Weise zugestimmt und unterschrieben haben: Scheitern ist inklusive! Denn ein Prozess, der sich bewusst offen hält, der bereit ist, viel von dem, ja fast alles zu integrieren, was da ist oder auftaucht, der geht an der Grenze zur Zukunft und der hat kein Bild seines Resultates.

Vielleicht war dieser Entschluss, Sicherheit aus dem Werden zu gewinnen, das seine eigene Weisheit im Loslassen gewinnt der entscheidende. Er gab den Einladenden von Seiten der Sinnstiftung (unter anderen Silke Weiß und Christian Rauschenfels), sowie den Beteiligten der Zukunftswerkstatt Schloss Tempelhof (unter anderen. Agnes Schuster und Marie Luise Stiefel) die Sicherheit ins Wagnis zu gehen.
Scharmer hat bekanntlich Stadien beschrieben, wie es geht, das Vertraute zu vergegenwärtigen und es zu verlassen (Open Mind). Und hierzu waren die vielen Impulsreferate wunderbar. Und er hat skizziert, wie notwendig es ist, zu hören, was denn der andere da an Bereicherndem und Fremden bringt (Open Heart). Dazu gab es Gruppenprozesse und offen formulierte Fragen. Und dann saßen wir mit den Fragen und, wie Rilke schreibt, „mit dem Ungelösten im Herzen“ und versuchten „die Fragen
selber lieb zu haben“ und sie zu leben und uns einzulassen ins Nochnichtneue, das sich kochen will am Boden des großen U-förmigen Kessels, dessen Feuer aus dem Wissen um die Rhythmen des Wachsens entsteht. (Open Will)

„Reifen wie der Baum,
der seine Säfte nicht drängt
und getrost in den Stürmen
des Frühlings steht,
ohne Angst,
dass dahinter kein Sommer
kommen könnte.“
(Rainer Maria Rilke)

Aber wir, wir haben hier nur drei Tage! Und möchten doch so gern auf dem rechten Ast des Us dem Sommer eines neuen Bildungssystems zumindest ein wahrnehmbares stückweit entgegen klettern ...! Und genau da wäre die uns so vertraute Idee von „Machbarkeit“ um ein Haar zum Hindernis geworden. Die Zangen, um zur Not auch ein Ergebnisfrühchen mit Rapid Prototyping am Kopf schnell noch aus dem U zu ziehen, lagen für den Samstag in Form von vielen schönen Perlen und Farben, Schnüren und Pappen bereit. Etwas in uns und wohl in auch den Veranstalter drängt bewusst oder unbewusst danach so gern und so schnell Errungenes schwarz auf weiß nach Hause tragen. Fast wäre die neue Methode zum Instrument der alten Haltung geworden. Aber neben der alten, gibt es die noch ältere und die hat ihr Licht gesetzt und ihr Seelenglockenschlag ist im Innern hörbar, wenn wir uns an Rilkes schöne Worte erinnern:

„Man muss den Dingen
die eigene, stille
ungestörte Entwicklung lassen,
die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann ...“

Der glückliche Triumph dieser reichen Tage am Tempelhof ist vielleicht, dass nicht »gelungen« was wir gemeinhin ein »Ergebnis« nennen. Es durfte scheitern, weil zuvor in jedem viele Samen gesetzt waren, die authentisch und tief genug in uns lagen, dass sie im rechten Moment aufgingen: Der Mut zur Wut, die große Woge des Wir und das Rufen von etwas anderem, dem Bildungswesen.

Ich schreibe in Puzzlestücken, denn sie sind es, die uns in diesen Tagen informieren und zu nächsten inneren Schritten inspirieren, manche sind doppelt, andere fehlen und dennoch passen sie zusammen und bilden einen Prozess ab.

Der Mut zur Wut

Das habe ich verstanden auf diesem Symposium: Du kannst raus gehen getrieben von Wut und getragen von Mut, wenn Du die größere Verbindung spürst, wenn Du Dich auf die eine oder die andere Weise getragen fühlst, angebunden und eingebunden.
WUT-MUT - Otto Herz, hat diese Wortmarke geschaffen angesichts der „organisierten Lernverstörung“. Und er weiß um die Notwendigkeit, dass Gewahrsein, Widerstand gegen Überkommenes und Wagnis von Neuem im Einzelnen entstehen müssen. Und sich dort vertiefen, sich erst ganz inkarnieren wollen, bevor sie Wellen schlagen und nach draußen gehen! Davon spricht uns per Skype auch Thomas Hübel.
Die große Unzufriedenheit, das große Unbehagen mit dem System, so wie es ist, das spüren alle, sonst wären sie nicht da. Und diese Situation wird in der Yurte am Platz unter Anleitung von Luea Ritter aufgestellt. Da bekommt einer, der am Rand sitzt und sich in seinem beruflichen Leben mit der Reformation von Prüfsystemen beschäftigt, Kopfschmerzen, die seinen Schädel sprengen. Die Migräneattacken werden unerträglich, seine Übelkeit derart heftig, dass die anderen Beteiligten sich Sorgen machen. Das System hat den kräftigen Mann ausgewählt die Rolle von jenem zu übernehmen, dessen Kopf mit Zeug aus absurden Lehrplänen und entwürdigenden Prüfungsverordnungen gemästet ist. Was ihm zum Schluss des Prozesse hilft wieder auf die Beine zu kommen, 
sind zunächst »die Sinne und das Spüren« im Rücken. Ganz entscheidend ist, dass er »seine individuelle Wut« zu sich nimmt.

Die große Woge

Wir stehen im Kreis, Schulter an Schulter, Arm an Arm, berühren einander in einer Weise, das der eine den anderen stützt und sich zwischen uns ein Druck und Spannung aufbaut und austauscht; wir stehen ganz still und ein jeder atmet seinen Fluss; und doch, zunächst unmerklich, hebt sich ein sehr sanftes Bewegtsein, das nicht von einem zum anderen, sondern gleichzeitig aus allen kommt. Langsam zuerst, dann spürbarer und sichtbarer auch, wird der Menschenring wie von einer durch alle fließenden Woge ergriffen. Woher kommt sie? Antworten fallen aus allen Richtungen in unsere Mitte: Aus uns, aus der Erde, aus der Wiege, aus dem Atem, aus dem All ... sie ist schon da.
Wie wäre es, wenn wir aus dieser Erfahrung, dass uns alle dasselbe durchströmt jetzt weiter sprechen und arbeiten würden? Und wie tragen wir sie ins Nächste hinein? Der Kreis löst sich auf und einzelne treten schrittweise, behutsam ohne Richtung und ohne Ordnung mit geschlossenen Augen in den Innenraum. Hände berühren, streifen, bleiben für Momente, Kontakte entstehen und vergehen, Spielformen im dunklen Meer des Möglichen, zärtliches in Eins und ins Einzelne, alles kann hier sein, auf eigenen Füssen stehen und dabei im freien Fluss eines Miteinander verweilen ... Delfinen ähnlich.

Einladung des Bildungswesens

Einer, der zufällig ins Meditationsteam einsprang, das Tag und Nacht einen Raum des Gewahrseins wach hält und im Außenkreis sitzend mitunter still und mit geschlossenen Augen den einzelnen Programmteilen beiwohnt, meldet sich am Samstag Abend zu Wort. Karl heißt er und lädt die, welche wollen auf den Hügel im Süden des Dorfes, um gemeinsamen das neue Bildungswesen zu gebären. Fünfzig von vielleicht siebzig wandern im Licht der untergehenden Sonne die grasige Kuppe hinauf, stellen sich in einen Kreis und halten einander bei den Händen. Mit der Schamanentrommel gibt Karl den Rhythmus, mit seiner kraftvollen Stimme entschlossene Direktiven. Der Reihe nach führt er uns durch die Chakren, jongliert dabei die ganze Palette esoterischen Fachjargons und verhilft ihm mit seinem Humor und seiner wilden Weisheit zu einer lustvollen-saftigen Inkarnation. Wir heben die Arme und reißen sie brüllend nach unten. Einer führt, alle folgen. Im Schein des Feuers der inneren Krieger taucht es dann für Augenblicke tatsächlich auf, dieses ganze neue und vielleicht uralte Bedeutungsfeld von »Bildungswesen«. Warum sahn wir seinen Ursprung und seine natürliche Verbindung mit dem großen, alles bilden, alles verantwortenden, alles hervorbringenden Wesen nicht zuvor? In unserer Mitte, so groß wie das Feld zwischen unseren atmenden Leibern, so kraftvoll wie die Halme und die Erde unter unseren Füssen, so weit und so wechselhaft wie der Himmel mit seinen Gestirnen und so real wie jenes Energiefeld, was fühlbar ist, wenn ich meine Handflächen aufeinander zuführe, ist es da. Und zerfällt dann wieder es. Es kann sich nicht länger der Kraft des Einzelnen, der die anderen führt, verdanken. Es braucht das Erstehen in jedem von uns. 


Der Mut zur Wut Teil II

Am Morgen des letzten Tages ist die Wut auch bei mir angekommen. Sie bezieht sich auf meinen Umgang mit »Vorgaben«, dass ich mich brav an ein System zu halten verpflichte. Denn gestern fühlte ich, dass für mich »rapid prototyping« und Zeit für eine “eigene, stille
ungestörte Entwicklung“, „die tief von innen kommt
und durch nichts gedrängt
oder beschleunigt werden kann“ nicht vorhanden war. Aber plötzlich steht Silke Weiss, eine der raumhaltenden Inspiratorinnen, mit ihrer Wut in die Mitte des Kreises und klagt ein, dass Beschwerden und Kritik nicht unmittelbar in den Prozess eingebracht, sondern im Kommunikationsraum auf wandgroßen Blättern notiert wurden. Da ist es also tatsächlich: Dieses Bildungswesen, das uns alle braucht, die volle und offene Verantwortung des Einzelnen für sich und damit für das Ganze. Silkes Ausdruck ist ein Einladung, und plötzlich sind wir viele, einer nach dem anderen ergreift das Wort, steht an seinem Platz, hat Worte für seine Kraft, seine Sehnsucht, seine Dankbarkeit, seinen Impuls und seine Gabe. Das offene Herz und der offene Wille sie bedingen einander und wenn das Herz sich zurück hält, weil es all zu lang gelernt hat Konformität zu üben, dann braucht es noch eine weitere Runde Wut für den Mut, denn „alles ist austragen – und
dann gebären.“


Die Zitate von Rainer Maria Rilke stammen aus dem Band: Briefe an einen Jungen Dichter, die im Rahmen des Sinnposiums von Kosha Joubert gelesen wurden.

 

Marietta Johanna Schürholz, freie Journalistin, München
www.buddhasbanquet.de

geschrieben von Marietta Schürholz
am 16.06.2014


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