Beitrag vom 15.11.2010

Internationale Konferenz über Gemeingüter

Am 1. und 2. November hat in Berlin in der Heinrich-Böll-Stiftung die internationale Commons-Konferenz »Constructing a Commons-Based Policy Platform« stattgefunden. Etwa 180 AktivistInnen und Aktivisten aus den Bereichen Politik, Politikberatung, Wissenschaft, freie Software, NGOs und Medien waren aus 34 Ländern zusammengekommen, um in einem großen Thinktank das Themenfeld der Gemeingüter (englisch »Commons«) weiterzuentwickeln: Könnte sich aus der Praxis des »Commoning«, dem gemeinschaftlichen Managen von Ressourcen und Teilen und Vermehren von Wissen Leitlinien für neue Formen in der Politik ergeben?
Weil wir die Debatte um die Commons für zentral wichtig halten, war ihr die erste Ausgabe von Oya gewidmet, was Johannes Heimrath und mir zur Einladung zu dieser Konferenz verholfen hat. Unter den deutschen Gästen wimmelte es von Oya-Autorinnen und -Autoren: die Konferenz-Organisatorin Silke Helfrich, Farah Lenser, Veronika Bennholdt-Thomsen, Christian Siefkes, Stefan Meretz, Elisabeth Voß, Andreas Weber, Julio Lambing, Friederike Habermann, Antje Tönnis oder Franz Nahrada hatten alle schon für uns geschrieben.
Warum das Prinzip der Allmende für alle positiven Zukunftsvisionen so wichtig und politisch relevant ist, zeigte erneut der einführende Vortrag von Ruth Meinzen-Dick, Präsidentin der International Association for the Study of the Commons, USA, an der auch Elinor Ostrom forscht, indem sie anschauliche Beispiele für gelingendes gemeinsames Pflegen und Teilen von Ressourcen als Allmende weltweit beschrieb – und wie das Land und die Menschen verarmen, wenn diese Ressourcen kommerziellen Interessen geopfert werden: Ob in den indischen Wäldern, im Amazonasgebiet oder auf Inseln im Mittelmeer – überall werden Menschen von traditionell gemeinschaftlich genutztem Land vertrieben. Sie haben kein verbrieftes Eigentum an diesem Land, sondern verstehen die Nutzung als ein Gewohnheitsrecht und als Pflege eines Gebiets, zu dem sie gehören (nicht: »das ihnen gehört«), deshalb haben sie in der Logik der Moderne kein Anrecht auf dieses Land. Staat oder Industrie können dann ungehindert zugreifen. Es war sehr bewegend, unmittelbar von diesem Unrecht betroffene Menschen aus aller Welt zu erleben. In einer Arbeitsgruppe über »Globale Dörfer« berichtete Frosini Koutsouti aus Griechenland von ihrer Insel Ikaria: »Wir sind in den wesentlichen Dingen unabhängig von den Ressourcen des Festlands, wir können und wollen von dem leben, was wir auf unseren Höfen und in unseren handwerklichen Betrieben erwirtschaften. Alle Grundstücke gehören einzelnen Familien, und innerhalb der Dörfer nutzen wir große gemeinschaftliche Flächen. Jetzt sollen Investoren für Öko-Technologie auf den Allmende-Grundstücken die Insel ökonomisch weiterentwickeln. Aber wir wollen nicht entwickelt werden, wir werden uns wehren!« Dass ausgerechnet das so gelobte Green Business in die Subsistenzkultur dieser Insel eingreifen soll, ist exemplarisch für die Verdrehtheit dieser Zeit. Der selbstbewusste Ausruf von Frosini: »We are independent!« ist mir tief in die Knochen gefahren: Ihre Ausführungen waren die einer fortschrittlichen, international vernetzten und sich der globalen Krisen unserer Zeit sehr bewussten Frau, und zugleich sprach sie aus der Lebenserfahrung einer jahrhundertealten Subsistenzkultur heraus, setzte sich mit einem Feuer für diese Lebensweise ein, dass ich als konsumkulturverwöhntes Würmchen bei ihrer Rede fast aus dem Stuhl kippte. »Wir sind unabhängig!« Was ist das wohl für ein Gefühl, das sagen zu können? Gemeingüter haben nicht nur etwas mit Gemeinschaft zu tun, sondern auch mit Freiheit und Unabhängigkeit. Zu den mächtigsten sozialen Bewegungen dieser Welt gehören die Freiheits- und Unabhängigkeitskämpfe. Auf der Konferenz schien mir die Commons-Bewegung aber noch weit von einem solchen Freiheits-Feuer entfernt zu sein.

Auf der einen Seite geht es bei den Commons also um’s nackte Überleben, um den Erhalt von sinnhaften, auf Subsistenz basierenden Lebensweisen und um den Erhalt der Natur, und auf der anderen Seite spielt man im Bereich der digitalen Commons mit einer Informationstechnologie, die einem Wirtschaftssystem entspringt, das die Ausbeutung jener Länder, in denen noch traditionelle Allmenden existieren, zu verantworten hat. Vielleicht weil es auf der Konferenz gerade um die Verbingung dieser beiden Aspekte der Commons-Bewegung gehen sollte, trat der Zwiespalt in der Technologie der digital Commons schon in den ersten Diskussionsrunde im Plenum deutlich hervor; er war Inhalt der ersten Redebeiträge von Johannes Heimrath, unterstützt von Massimo de Angelis (Ökonomie-Professor aus Italien, Globalisierungs-Aktivist, Herausgeber der Web-Zeitschrift »The Commoner«). Massimo war ein neuer, sehr erfreulicher Kontakt für uns. Er führte das Mitmachkonzert ein, mit dem Johannes am Abend des ersten Konferenztags gut 150 Teilnehmerinnen und Teilnehmer dazu brachte, unter dem Motto »Rhythm is a Commons« eine »Symphonie des Augenblicks« auf elementaren Musikinstrumenten zu improvisieren: Commoning live in concert. Das Konzert war großartig, es begann mit kaum hörbaren Geräuschen und endete mit einem laut gesungenen Dreiklang aus allen Kehlen – und allgemeiner Glückseeligkeit auf allen Gesichtern.

Die Digital-Commons-AktivistInnen scheinen sich der Problematik, die ihre stofflichen Ressourcen mit sich bringen, durchaus bewusst zu sein. Weitblickende Protagonisten wie Stefan Meretz plädieren für eine Doppelstrategie: Die Möglichkeiten der digitalen Allmende als Unterstützung für das Engagement für die Mensch-und-Natur-Allmenden und ökologische, selbstbestimmte Produktionsweisen nutzen. Außerdem das Erfolgsprinzip der Wissensallmende, das freiwillige Beitragen und das Teilen von Wissen auch auf andere Bereich des Wirtschaftens zu übertragen. Aber für mich war nicht spürbar, dass aus den digitalen Gefilden eine ähnliche Leidenschaft kommen würden, wie sie die Bürgerrechtler und Globalisierungskritiker an den Tag legen, wenn es um politisches Engagement geht. Schließlich ernährt uns hier im Westen (noch) das bestehende System, den »Rest der Welt« kostet es Kopf und Kragen. Diese scheinbar komfortable Situation in den fremdversorgten, überzivilisierten Ländern ist wie ein schweres, alles lähmendes Gift, und ich fühlte es selbst auf dieser Veranstaltung mit derart vielen großartigen international engagierten und weit denkenden Leuten wie eine alles vernebelnde Wolke, die durch die Räume zog.
Dabei waren durchaus viele Menschen vor Ort, die nicht nur ein anderes Wirtschaften, sondern auch eine andere Politik denken können. Am zweiten Konferenzmorgen hörten wir den Vortrag von James Quilligan, einem Politikberater aus den USA, der unter anderem auch für Willy Brandt gearbeitet hat. International müsse das Rechtssystem eine neue Aufgabe bekommen, meint Quilligan: Es müsste in erster Linie das Gewohnheitsrecht schützen, mit dem Commoners selbstbestimmt ihre Ressourcen verwalten. Alles Eigentum müsste in »Commons Trusts« organisiert sein, die Wirtschaft dürfte nur so viel davon nutzen, wie es dem Gemeinwohl nicht schadet, und der Staat hätte lediglich noch die Aufgabe, das zu gewährleisten, und keine Machtbefugnisse mehr. Es bräuchte auch keinen Wohlfahrtsstaat mehr, sondern selbstorganisierte, solidarische Nachbarschaften und Gemeinschaften von Commoners, die ein neues Verständnis von »Zivilgesellschaft« hätten: nicht als Menschen, die regiert werden müssen, sondern als selbstbestimmte Gestalterinnen und Gestalter nachhaltiger Lebenszusammenhänge. (Das ist sehr verkürzt wiedergegeben, wer mehr wissen möchte, kann den Beitrag von James Quilligan im Kosmos Journal lesen. Dieser Text wird in Kürze auf der Oya-Website in einer deutschen Übersetzung erscheinen.) In einem Workshop diskutierten wir mit James über Möglichkeiten zur Vernetzung von Graswurzel-Bewegungen mit den Thinktanks global einflussreicher Leute, die Politik im Sinn des Konzepts des »Common Heritage of Mankind« neu denken wollen. 
Auf unsere Frage, ob er es realistisch findet, dass solche Ideen je in der Praxis umgesetzt werden, skizzierte er eine Situation, in der nach einem wie auch immer gearteten Crash globaler Finanz- oder Politiksysteme die Karten an einem internationalen runden Tisch neu gemischt werden müssen. Er hielt es nicht für ausgeschlossen, dass auch die Gemeingüter-Perspektive an einem solchen runden Tisch eine Stimme hätte. Aber nur dann, wenn auch eine breite, internationale Bürgerbewegung dahinterstünde.
Ein Beispiel, bei dem internationale Politik und Graswurzelbewegungen zusammengefunden haben und hoffentlich große Wirksamkeit zeigen, ist die Initiative für den Yasuni-Nationalpark in Ecuador. Das Land wird 20% seiner Ölressourcen unangetastet lassen, um den Yasuni-Nationalpark und die dort lebenden Völker zu schützen, wenn sich die anderen Staaten der Weltgemeinschaft am Ausgleich des finanziellen Verlusts, der durch diese Entscheidung entsteht, beteiligen. (Deutschland hat abgesagt.) Einen der bewegendsten Vorträge auf der Konferenz hielt der Ökonom Alberto Acosta, Ex-Präsident der Constituent Assembly of Ecuador über die Yasuní-Initiative unter dem Motto »an opportunity to rethink the world«. Die einzigen hochrangingen Politker auf der Konferenz kamen dann auch bezeichnenderweise aus Ecuador, neben Acosta waren zwei Minister angereist. María Fernanda Espinosa Garcés, Minister of National Patrimony (etwa: Ministerin für nationales/kulturelles Erbe), hielt den Festvortrag am ersten Konferenzabend, an dem wir leider selber nicht teilnehmen konnten.
In der Abschlussrunde zeigte sich María Espinosa dann deutlich bewegt von der für sie neuen Entdeckung einer weltweiten Bürgerbewegung für Gemeingüter, und auch Alberto Acosta hielt noch einmal eine spontane, glühende Rede auf eine Zukunft, in der auch die Rechte der Natur für Wirtschaft und Politik etwas bedeuten. Zuvor hatte es irritierte Stimmen im Saal gegeben, dass durch den Impuls der südamerikanischen Initiativen der Begriff »Mother Earth« (Pachamama) Eingang in die Diskussion gefunden hatte. Hier konnte ein kurzer Redebeitrag von Johannes vielleicht eine Brücke schlagen. Er merkte an, dass es zur Perspektive, ein Kind dieser Erde zu sein, auch einen ganz sachlichen Zugang gibt, nämlich die Überlegung, wieviele Moleküle des eigenen Körpers schon tausende Male Teile anderer Körper dieses Planeten gewesen sind: Commoning entspricht schlicht der Wirklichkeit. Alberto Acosta hat sich jedenfalls herzlich für diesen Kommentar bedankt, als wir uns später von ihm verabschiedet haben.
In der Schlussrunde der Konferenz schien mir, als mischte sich bei vielen in die Begeisterung über die gelungene Veranstaltung und für die gemeinsame Sache das bange Gefühl, dass die Diskussion noch viel zu sehr in konventionellen Denk- und Handlungsfiguren gefangen sei. »Viele der hier Anwesenden kenne ich aus anderen Zusammenhängen – von den Zapatistas in Mexiko, von der Handel-Macht-Klima-Karawane letztes Jahr nach Kopenhagen oder von der nicht-kommerziellen Vernetzung in Berlin – und dort haben wir andere Denkhorizonte erlebt, weil die Menschen andere Realitäten leben«, beschrieb Friederike Habermann in ihrem Abschluss-Statement diesen Eindruck. Vielleicht liegt es daran, dass das Paradigma der Gemeingüter in seiner Wurzel so radikal anders ist, als das uns vertraute »alle-achten-auf-ihren-Vorteil«-Programm. Vielleicht scheint deshalb die Arbeit, das Wesen des »Commoning« auf allen Ebenen zu begreifen und umzusetzen, unvorstellbar groß, so dass eine Bewegung für Gemeingüter nicht so schnell zu einer klar ausgerichteten Initiative führen kann. Um was es wirklich geht, konnte Andreas Weber in seinem Abschluss-Beitrag wenigstens kurz anreißen: »Den Commons zu dienen«, meinte er, »heißt, den Gesetzen der Notwendigkeit zu folgen, selbst zu wachsen und gerade dadurch die anderen – oder die Umwelt – wachsen, sich entfalten und freier werden zu lassen. Ist aber nicht das, dem anderen zu dienen und darin selbst aufzublühen, geradezu eine Lehrbuch-Definition der Liebe?«
Wenn das stimmt, und der Anspruch der Konferenz »Constructing a Commons-Based Policy Platform« ernst gemeint ist, ist dieser Anspruch in einer Welt, die Liebe aus der öffentlichen Diskussion in abgekapselte Beziehungskisten verbannt hat, wohl die maximal mögliche Herausforderung.
Ganz herzlichen Dank an die Organisatorinnen und Origanisatoren, dass sie sich schon mal in die Nähe dieser Herausforderung gewagt haben. Es ist dringend zu wünschen, dass die Konferenz keine Eintagsfliege bleiben wird.

 

Weitere Links:

Sehr nettes, keines Video, das erklärt, was Gemeingüter sind.

Web-Dossier der Böll-Stiftung über Gemeingüter

Das Wiki der Commons-Konferenz

 

 

 

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 15.11.2010

1 Kommentar

von Tilman Vogel am 17.11.2010

«Dieser Beitrag hat mich sehr bewegt. Er zeigt mir wieder mal, wie viele Menschen sich trauen, Utopien zu haben, und wie viel Potential zur Wirklichkeit diese haben könnten, wenn wir Mut haben und gemeinschaftlich handeln. Ich plane mit Freunden ein Kongress-/Festival-Event, das Bildung, Gesundheit und alternative Lebens- Wirtschafts- und Geldsysteme mit gemeinsamem Erleben von Feiern und Kunst verbinden soll. Diese Konferenz gibt mir Hoffnung, genug Engagierte Referierende und Teilnehmende erreichen zu können. Danke fürs Posten!»


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