Beitrag vom 29.12.2013

Her mit dem schönen Leben

»Vertrauen als Wirtschaftsform?« hieß die Leitfrage eines Workshops, der im Rahmen eines Kooperationsprojektes zwischen GEN Europe und dem ökologischen Wirtschaftsverband e5 am 13. September in der Gemeinschaft ZEGG stattfand. Der Workshop war Teil einer Veranstaltungsreihe, die sich mit nachhaltigen Lebensstilen allmendebasierter Wirtschaftsformen befasst. Der Begriff »Allmende« wird heute oft als Synonym für »Gemeingut«, englisch »Commons« genutzt. Er bezeichnete im Mittelalter die Gemeindeweide oder andere gemeinschaftlich genutzen Ressourcen innerhalb einer Dorfgemeinschaft, die alle Mitglieder eines Gemeinwesens gleichermaßen nutzten und pflegten – eine Form, die erst im 17. Jahrhundert verlorenging.  Es sind nicht zuletzt die sogenannten Ökodörfer und kleinen Lebensgemeinschaften, die diese oder zumindest ähnliche Strukturen wieder aufleben lassen und wegweisend für alternative Wirtschaftsformen sein können. So kann auch die moderne Gemeingüter-Ökonomie aus den entwickelten Techniken und Erfahrungen lernen. Das Forschungsprojekt von GEN Europe und e5 befasst sich vor allem mit der Frage, was die Lebensgemeinschaften so besonders macht und vom Mainstream westlicher Industriegesellschaften unterschiedet. Zum anderen gilt es auch herauszufinden, inwieweit dieses Wissen auf eine breite, urbane Gesellschaft übertragbar ist und welche Barrieren dabei auftreten. Dem widmen sich im Rahmen des Projekts vor allem Julio Lambing und Katalin Kuse. Den beiden Forschern des Wirtschaftsverbands e5 ist ebenfalls wichtig, dass solche Veranstaltungen wie jene im ZEGG neben einer inhaltlichen Auseinandersetzung auch Verständigungsmöglichkeiten für die unterschiedlichsten Milieus bieten, die auf dem Land oder in Städten Allmenden pflegen und entwickeln. Damit eröffnet es die Möglichkeit, neue Konzepte zu entwickeln um die Gesellschaft resillienter gegenüber Störungen zu machen und damit auch Wege heraus aus ,der Krise‘ zu finden. Weil das auch für die Politik wichtig ist, wird das Kooperationsprojekt durch das Umweltbundesamt  gefördert.


Die besondere Vertrauenskultur von »Ökodörfern«. Autonomie und Verbundenheit
Ökodörfer sind intentionale Gemeinschaften, in denen Menschen mit den gleichen Lebenszielen und Grundwerten zusammen leben. Dazu gehört auch eine tiefe Verbundenheit mit dem Land, das sie gemeinsam pflegen und bestellen. Oft sind sie durch Partnerschaften oder familiäre Kontexte eng verbunden und vertraut, doch auch unabhängig von Verwandtschaft oder Beziehung stellt sich in solchen Gemeinschaften ein besonderes Vertrauensverhältnis ein. Dieses Vertrauen geht oft soweit, dass nicht nur Haus, Hof und Zeit miteinander geteilt werden, sondern auch Einkünfte, selbst wenn diese stark voneinander abweichen. Doch was ist es, das einem die Gemeinschaft geben kann, das den Wunsch nach dem eigenem Besitz in den Hintergrund treten lässt? Was lässt Mensch den Weg der eigenen Vorteilsnutzung verlassen und die Sicherheit eines eigenen Kontos aufgeben?
Wie trügerisch auf der anderen Seite die Sicherheit von Geld sein kann, macht die Banken-Krise deutlich, die uns nun schon eine geraume Zeit schwelend begleitet. Geld ist auch nur ein Versprechen! Die Frage nach Vertrauen als Wirtschaftsform ist daher gar nicht so weit entfernt oder abwegig, nur eben gegensätzlich. Steht Vertrauen im Mittelpunkt von Beziehungen, bedarf es nicht unbedingt des Geldes als Vorleistung bzw. Versprechen. Ist das Vertrauen so stark, dass es das Geld ersetzt, ersetzt es zugleich auch Mißtrauen und Angst. Es ist also nicht unbedingt das Geld, das uns Probleme bereitet, es ist die Angst und die Unsicherheit und das gegenwärtige »Paradigma der Knappheit« schürt diese Angst zudem noch. Es bleibt das Gefühl zu kurz zu kommen und lässt uns gegenseitig als Konkurrenten um die wenigen Ressourcen erscheinen.
Dass es auch anders geht, zeigt sich in den intentionalen Gemeinschaften, in denen gegenseitiges Vertrauen zentraler Baustein ist, sie verbindet und trägt. Für Susanne Gierens sind es im Wesentlichen drei Punkte, die Vertrauen und Gemeinschaftlichkeit herstellen: Zunächst die Übereinkunft über ein gemeinsames Wertesystem, auf das sich alle Mitglieder einigen und das in Form von freiwilliger Vereinbarungen oder ,commitments‘ von allen getragen und von Zeit zu Zeit auf ihre Gültigkeit geprüft wird. Ein weiterer Punkt ist das bereits angeklungene Teilen von Güteren und Geld, das eine tiefe Verbundenheit entstehen lässt. Sicherheit entsteht eben nicht nur durch den Besitz eines eigenen Bankkontos oder Hauses, sondern viel eher eingebunden in einer Gemeinschaft, die einem neben der materiellen Sicherung auch noch persönliche oder soziale Sicherheit gibt. Entscheidend dafür ist der Umgang miteinander. Denn Vertrauen ist keineswegs selbstverständlich. Es ist vielmehr ein wertvolles Gut, das selbst in engen familiären Zusammenhängen immer wieder aufs Neue gewonnen und erhalten werden muss. Dafür haben sich spezifische Formen der Kommunikation und Entscheidungsfindung in den Ökodörfern als besonders hilfreich erwiesen und gezeigt, dass es wichtig ist, Probleme und Entscheidungen gemeinsam mit allen anzugehen und zu lösen.


Neue Formen der Kommunikation und Entscheidungsfindung
Auch für François Wiesmann waren die Erfahrungen der besonderen Gesprächskultur eines der wichtigsten Dinge, die er aus der ZEGG-Gemeinschaft mitgenommen hat. Auch hier sind alle an den Entscheidungen beteiligt. Ein Prozess, der vielleicht langwierig sein mag, am Ende aber zu einer Zufriedenheit und Identifikation aller mit der Gruppe führt. Und wie auch bei Susanne Gierens findet sich bei Wiesmanns Beschreibungen die Kreisform als Element egalitärer Entscheidungsfindung wieder. In ihr lässt sich ein Thema, ob persönlich oder die Gruppe betreffend, »hineinwerfen« und von den Beteiligten reflektieren. Die Rückkopplung durch jeden Einzelnen der Gruppe eröffnet ganz verschiedene und sogar auch ganz neue Perspektiven. Es ist ein fast schon magischer Moment, wenn aus dem Nichts etwas Neues entsteht, an das keiner zuvor gedacht hätte. Die so gefundenen Ergebnisse können mögliche Blockaden aufheben und den gemeinsamen Prozess voranbringen. Klare Abläufe und Strukturen sorgen dabei dafür, dass ein übergeordneter Rahmen entsteht und persönliche Themen verständnisvoll, aber auf einer sachlichen Ebene betrachtet werden können. Das stärkt nicht nur das Verbundenheitsgefühl der Gruppe, sondern auch die Persönlichkeitsentwicklung und Autonomie jedes einzelnen. Dabei darf eines nicht vergessen werden, etwas das diese Entscheidungsfindung so besonders macht und unbedingt zur Nachahmung empfohlen sei: der Faktor Zeit, oder vielmehr Muße. Denn nicht jede Entscheidung ist sofort gefunden, sondern bedarf der Stille und weiterer Gespräche. Ist eine Entscheidung dann aber reif, gibt es keinen Zweifel mehr daran, dass sie die Richtige ist! 
Damit erreichen Ökodörfer einen hohen Grad an Selbstorganisation, der sie unabhängig und resilienter gegenüber internen und externen Störungen macht. Hinzu kommt, dass sie einen anderen Umgang mit den gegebenen Ressourcen pflegen. Im Sinne einer allmendebasierten Wirtschaftsform, sorgt das Teilen innerhalb der Gemeinschaft dafür, dass die Güter sorgsam genutzt werden und Erhalt und Pflege im Interesse aller steht, auch das auch im Hinblick auf kommende Generationen. Ganz nach Friederike Habermann wäre es also unbedingt wünschenswert diese Form der Gemeinschaft auf eine strukturelle Gemeinschaftlichkeit auszuweiten und den aktuell gepflegten strukturellen Egoismus ad acta zu legen.
Freiheit liegt eben nicht unbedingt in der Selbstbeherrschung und Machtausübung gegenüber sich selbst und »der Natur«. Es ist an der Zeit ein neues Bild der aufgeklärten Zivilisation zu zeichnen, das statt vertiefter Unterwerfung des Selbst und Knappheit, Entfaltung und Fülle aufzeigt. Dieser Workshop hat erneut gezeigt, dass dieses Bild keine bloße Wunschvorstellung ist, sondern bereits in vielen Farben und Facetten verwirklicht wird. Es ist bunt und möglicherweise unübersichtlich, aber auf jeden Fall auf einer gleichberechtigten Ebene und damit auf einem guten Weg. Denn nur das Gefühl von Gleichheit schafft die notwendige Grundlage wirklichen Vertrauens. Ob es auch auf das breite urbane Milieu ausgeweitet werden kann ist die schwierige aber zugleich auch spannende Frage, die es zu erproben gilt.


Ökodorf trifft Mainstream: Schwierigkeiten einer Übertragung
Es hat sich gezeigt, dass die Größe einer menschlichen Gruppe nicht beliebig erweitert werden kann, ohne dass die vertraute, zwischenmenschliche Atmosphäre verloren geht. Daher müssen auf der einen Seite Werkzeuge und Strukturen für größere Gruppen und andererseits die Möglichkeit der Einrichtung kleiner, commonsartiger Strukturen innerhalb der Städte gefunden bzw. weiterentwickelt werden. Jascha Rohrs Vorschlag einer Bundeswerkstatt geht in diese Richtung.
Anders verhält es sich mit der Internet-Gemeinschaft. Die moderne Form digitaler Commons scheint erst durch die Beiträge sehr Vieler richtig aufzuleben. In der »Wikiciety« (Ingo Frost) verzichtet man jetzt schon auf Privateigentum und teilt sein Wissen mit allen anderen Usern. Es werden Online-Bewertungen und Ratschläge angenommen, als würde man sich persönlich kennen. Die neue Kommunikationsform lässt in gewisser Weise also eine intime Vertrautheit selbst zwischen Fremden entstehen. Dies ist möglich, weil jeder jederzeit (vorausgesetzt man verfügt über einen Anschluss) im Internet aktiv werden kann und als Gleichberechtigter seinen Teil beitragen kann. Niemand ist auf bloßes Empfangen reduziert. Im Gegenteil, Wikipedia und Linux sind gute Beispiele dafür, dass jeder unbedingt aufgefordert ist, seinen Beitrag zu teilen, um so am Ende alle davon profitieren zu lassen. Teilen ohne dabei zu verlieren! Autonomie und Verbundenheit! Etwas, was die analoge Welt unbedingt noch weiter ausbauen sollte- wenn sie das fehlende Vertrauen zu überwinden lernt. Dafür müssen Orte und Begegnungen geschaffen werden, die einen vermehrten Austausch zwischen den unterschiedlichsten Milieus zulassen und gegenseitiges Lernen voneinander ermöglicht. Denn oft stehen sich Vorurteile und einseitig gezeichnete Bilder unhinterfragt gegenüber und damit auch einer gegenseitigen Öffnung.
Vielleicht würde ein Tapetenwechsel frischen Wind in die Angelegenheit bringen. Wieso nicht mal ein wenig Selbstmarketing? Auch wenn ich mich der Gefahr des Populismus-Vorwurfs aussetze, muss ich feststellen, dass »Öko«, in welchem Zusammenhang auch immer, ausserhalb der Ökoszene nur selten attraktive Assoziationen hervorruft und man damit keine Katze hinterm Mainstream-Ofen hervorlocken kann. Wie wäre es, sich statt als »ökologisch interessierte intentionale Gemeinschaften« oder »Ökodörfer« als »Lifestyle-Avantgarde« (e5) in die Diskussion zu bringen? Das brächte doch gleich einen ganz anderen Schwung in die Sache.
»Her mit dem schönen Leben?« - für alle StädterInnen, die es noch nicht wissen: Hier ist das schöne Leben!

geschrieben von Sandra Pietz
am 29.12.2013


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