Beitrag vom 18.12.2013

Master in den Tonnen - Raphael Fellmer in Greifswald

Der Lesungsraum im St. Spiritus-Kulturzentrum platzte aus allen Nähten. Aber alle Zuhörer fanden dennoch einen Platz, ob auf dem Boden, im Gang, hinter dem Vortragenden oder im Türrahmen, um dem Berliner Gast zu lauschen, der am vergangenen Montag im Rahmen einer Vortragsreihe zu seinem neuen Buch in die Studentenstadt Greifswald gekommen war. Eingeladen wurde er im Zuge des Projektes „Umwelt ohne Müll“ von der lokalen NABU-Gruppe.

Raphael Fellmer ist ein junger Familienvater und seit über 3 Jahren im Geldstreik. Sein Weg und seine Beweggründe zu einem erfüllten Leben ohne Geld und wie dieses aussieht, vermittelt er nach Medienauftritten nun in seinem frisch erschienenen Buch und Vorträgen, wie dem am Montag.

„Mein Name ist Raphael und ich darf, wie ihr, Gast auf dieser Erde sein.“, stellt er sich vor. Seine Einleitung spiegelt gut die Lebenseinstellung, die er mit seinem Publikum teilen will. Als Konsumkritiker versucht er eine genügsamere, gemeinnützigere und effizientere Art des Wirtschaftens zu vermitteln. Es sei pervers, dass jeder in unserem Land ein oder gar mehrere Autos habe, dass Millionen Zimmer nahezu ungenutzt seien, während Menschen auf der Straße leben und vor allem, dass die Hälfte aller produzierten Lebensmittel in der Mülltonne lande.

Nach einer langen Reise, auf der er und zwei Freunde ohne Geld unterwegs waren, entschied Raphael ganz ohne Geld leben zu wollen. Einerseits hatte er auf dem Weg die Erfüllung erfahren, die das bedingungslose Geben und Nehmen, die von Herzen kommende Hilfsbereitschaft hervorruft. Andererseits hatte er sich mit den tatsächlichen Kosten von Produktion und Produkten unserer westlichen Gesellschaft für die Umwelt und Lebensqualität beschäftigt.
Dabei kam ihm vor allem eine wichtige Erkenntnis: Die Schuld für die großen Verwerfungen dieser Welt sollte man nicht auf die Konzerne und Industrie abschieben – jeder von uns ist Teil des Problems, indem wir täglich deren Produkte kaufen – auch indirekt. „Ich bin auch Shell. Selbst wenn ich nicht selbst bei Shell tanke, esse ich eine Tomate, die aus Spanien mit einem Lastwagen kam, der bei Shell getankt hat.“, deutet er auf die Verstrickungen hin, derer man sich bewusst sein muss.

Aus diesem Grunde sei es wichtig, den Konsum zu minimieren, sodass keine neuen Produkte zu den ohnehin schon im Überfluss vorhandenen Gütern entstehen. Stattdessen könne man doch die bereits vorhandenen Ressourcen besser ausnutzen, in dem man sie teilt, wiederverwendet oder umfunktioniert. Hier benötige es aber keine bürokratischen großen Lösungen, sondern schnell realisierte Aktionen. Nach einem „10-monatigen Master in den Tonnen“ von Privathaushalten und Supermärkten begann er deshalb über die Senkung seines eigenen ökologischen Fußabdrucks hinaus seine Ideen weiterzugeben und vom persönlichen „Containern“ in einen größeren Rahmen überzugehen und aktiv der Lebensmittelverschwendung entgegen zu wirken. Zusammen mit vielen Helfern baute er ein Netzwerk von Lebensmittelrettern auf, die regelmäßig unverkäufliche Lebensmittel von Läden abholen und sie kostenlos weiterverteilen.

In der an den Vortrag anschließenden Frage- und Gesprächsrunde wurde unter den Zuhörern ein erstaunlicher Enthusiasmus deutlich, selbst etwas bewegen zu wollen und in Gemeinschaft einen Schritt für eine bessere Welt tun zu können. Nachdem unter verschiedenen Greifswalder Initiativen ein von Studenten initiiertes gemeinschaftliches Gartenprojekt vorgestellt wurde, meldete sich eine unterbeschäftigte Rentnerin zu Wort, die darum bat angesprochen zu werden, da sie am liebsten gleich in mehreren der Projekte mitwirken wolle. Gleich darauf regte jemand anders an, man solle sich möglichst bald untereinander vernetzen.
Als die Veranstaltung gegen 9 Uhr nach 2 Stunden zu Ende ging, diskutierten, erzählten und gestikulierten viele motivierte Gesichter nach Torschluss noch lange im Vorraum und auf der Straße weiter.

-> zu Lebensmittelretten.de

-> zu Raphaelfellmer.de

-> zum NABU-Projekt Umwelt ohne Müll

geschrieben von Malte Cegiolka
am 18.12.2013


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