Beitrag vom 07.11.2010

Widerstand im Wendland

Bildnachweis: www.x-tausendmalquer.de

Gestern Nacht bin ich von der Auftaktkundgebung in Dannenberg zurückgekehrt. Ein Redaktionskollege, der sich noch im Wendland befindet, wird in den nächsten Tagen hoffentlich mehr über den Protest und die friedlichen Blockaden berichten können. Während sich der Castortransport dem Verladebahnhof in Dannenberg nähert, gibt es hier ein paar Eindrücke von der gestrigen Kundgebung. Traurige und leider immer noch aktuelle Details über das Zwischenlager Gorleben können zum Beispiel in Andreas Maiers großartiger und erschütternder Legende vom Salzstock nachgelesen werden. Ermutigendes über die Republik Freies Wendland weiß Oya-Redakteur Dieter Halbach zu berichten. Aktuelles über den Protest im Wendland gibt’s im Castorticker.
50.000 Demonstrantinnen und Demonstranten aller Altersklassen und aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten waren gestern in und um das Fachwerkstädtchen Dannenberg zusammengekommen, um ihrem Protest gegen die Atomindustrie friedlich Ausdruck zu verleihen und den Widerstand zu feiern. Aus 50.000 Kehlen erschallte immer wieder eine klare Forderung: „Abschalten!“
Es waren fast doppelt so viele Menschen zusammengekommen wie bei der bislang größten Demo 1977, zu der sich 27.000 Menschen eingefunden hatten. Die landwirtschaftlichen Betriebe der Region, 600 an der Zahl, stellten einen Konvoi aus ebensovielen Traktoren und bildeten Straßenblockaden im nahegelegenen Splietau. Auf der Bühne ergriff neben Vertretern der Freien Republik Wendland, der Bäuerlichen Notgemeinschaft Lüchow-Dannenberg und der Protestorganisation X-tausendmal quer auch Kumi Naidoo, der Direktor von Greenpeace International, das Wort. Zum Abschluss seiner Rede solidarisierte er sich mit den Anwesenden und erklärte: „Ich bin ein Wendländer!“
Zwischen den zahlreichen Redebeiträgen heizten den Demonstrantinnen und Demonstranten das Heiligendamm-erprobte Soundsystem Irie Révoltés sowie die Indie-Band Rainer von Vielen ein, ebenso wie die heißen Speisen und Getränke, die diverse Catering-Teams auf Spendenbasis zur Verfügung stellten. Die Atmosphäre war von Selbstbewusstsein und Vielfalt geprägt und könnte beinahe als ausgelassen bezeichnet werden, wären der Hintergrund nicht todernst und die Drohkulisse nicht omnipräsent gewesen:
Polizeihundertschaften aus allen Teilen Deutschlands waren ins Wendland gekommen, Helikopter kreisten über der Menschenmenge, der Verladebahnhof wurde mit Panzern und NATO-Draht gesichert. Doch längst nicht alle schienen sich in ihrer Rolle wohlzufühlen: Etwa die junge Uniformierte, deren offenherziges Lächeln unvermittelt zu einer eisigen Miene erstarrte, als sich unsere Blicke trafen. Fühlte sie sich ertappt, weil ich, der Demonstrant, mitangesehen hatte, wie sie, die Vertreterin der Staatsgewalt, sich zu einer menschlichen Regung hatte hinreißen lassen?

geschrieben von Matthias Fersterer
am 07.11.2010


Kommentar schreiben




Bitte helfen Sie uns zu verhindern, dass die Kommentarfunktion von Spam-Software missbraucht wird und lösen folgende kleine Rechenaufgabe:


vier plus vier =