Beitrag vom 16.11.2013

Der Oya-Tag in Kassel: Neue Formen des Erzählens finden

Am 9. November lud die Oya-Redaktion ins Anthroposophische Zentrum Kassel ein. Eine bunte Mischung aus Transition-Aktivisten, Engagierten für eine solidarische Ökonomie und Streiter für ein gutes Leben waren anwesend. Bald teilten sich die etwa 50 Interessierten in Gesprächsrunden auf, in denen über Themen wie Gemeinschaftsgründung oder demografischen Wandel auf dem Dorf diskutiert oder auch das neu entwickelte Konsens-Spiel »Sonnenschlüssel« ausprobiert wurde.

Als freier Journalist beschäftige ich mich intensiv mit enkeltauglichem Wirtschaften, denn ich denke, es muss doch möglich sein, als moderne Gesellschaft im Einklang mit der Natur zu leben. Auch mit der Transition-Bewegung habe ich mich in der Vergangenheit befasst. Den Oya-Tag in Kassel besuchte ich, um interessante Menschen zu treffen, mich mit ihnen auszutauschen – und natürlich war ich gespannt darauf, die Oya-Macher persönlich kennen zu lernen.

Rolle der Medien

Bereits seit Monaten frage ich mich, welche Rolle ich als Journalist in Zeiten des Wandels spiele. Viele spüren, dass wir als Gesellschaft nicht mehr so weitermachen können wie bisher. Soziale, wirtschaftliche und ökologische Probleme spitzen sich weltweit seit Jahrzehnten zu. Dazwischen gibt es viele Menschen, die bereits neue Wege gehen.

Auch den Filmemacher Markus Werner aus Kassel fasziniert, wie Medien Visionen verbreiten können. Spontan initiierte er dazu einen Gesprächskreis, in welchem Oya-Herausgeber Johannes Heimrath und Chefredakteurin Lara Mallien Einblicke in den Redaktions-Alltag der Oya gaben.

Ein Knackpunkt der Diskussion war die Rolle des Journalisten, die in den meisten Medien als neutraler Beobachter vorgegeben ist. Das Wort »ich« ist in Beiträgen verpönt. Doch gerade Lara Mallien bringt es den Autoren wieder bei. Die Redakteure und freien Autoren der Oya beschäftigen sich bewusst mit Themen, die sie persönlich bewegen und am Herzen liegen. Gerade diese emotionale Nähe spricht die Leser an. Auf die Frage, ob dies noch Journalismus sei, antwortete ich mit einem klaren Ja. Es ist eine andere Form des Erzählens.

In einigen Berichten ist der neutrale Beobachter durchaus angebracht, doch hin und wieder wirkt es fast albern, wie sehr sich Journalisten über den Dingen stehend darstellen. Spätestens wenn ich über die Eurokrise berichte, bin ich doch direkt betroffen: Meine Honorare werden in Euro gezahlt. Deswegen möchte ich mit meinen Artikeln auch aktiv gestalten, das Motto meines Medienbüros in Fulda lautet daher »Menschen inspirieren, Wandel gestalten, Beziehungen schaffen«. Wir leben in spannenden Zeiten, in denen sich uns im Leben viele Möglichkeiten eröffnen, die noch vor wenigen Jahren gar nicht existierten.


Mal den Straßenkehrer fragen

Die Auflagen der Zeitungen sinken nicht nur wegen der weit verbreiteten Kostenloskultur des Internets. Vielmehr spiegeln die Berichte oft nicht mehr die Lebensrealität der Leser wider, die sich deswegen kaum angesprochen fühlen. Ein Diskussionsteilnehmer meinte, man müsse die »Menschen abholen«, was bei manch einem in der Runde auf inneren Widerstand stieß. Das klinge nach Besserwisserei, als müsste man jemandem folgen. Gemeint war der durchaus berechtige Redebeitrag, dass es wichtig sei, zu inspirieren – und die Frage, wie man dies schaffen könne. Natürlich muss man auch den Finger in die Wunde legen und Missverhältnisse und Problematiken beim Wort nennen. Doch oftmals ist dies der alleinige Kern der Berichterstattung. Dabei gehen etliche Visionen und bereits vorhandene sozio-ökologische Alternativen unter. Es bleibt die spannende Frage, »ob ein gutes Leben im Schlechten möglich ist«, wie sie Johannes Heimrath formulierte. Wenn wir uns einen gesellschaftlichen Wandel in Richtung Gemeinwohl wünschen, müssen wir irgendwo anfangen. Die Medien können dies durchaus unterstützen – wenn sie es denn wollen.

Doch wer sind die wichtigen Persönlichkeiten in diesen Tagen, denen man unbedingt einen Bericht widmen muss? Wer hat etwas zu sagen, was uns dazu inspiriert, unserem Leben eine andere Wendung zu geben, etwas im Alltag zu verändern und andere Sichtweisen vermittelt? Muss es immer der berühmte Buchautor oder eine andere öffentliche Person sein? Nein, denn vielleicht ist der Straßenkehrer von nebenan viel stärker im Einklang mit seinem wahren Selbst und dem Leben. Vielleicht versteht gerade ein Mensch, den die meisten im Alltag kaum beachten, wie ein gutes Leben aussehen kann – und wer weiß, vielleicht trägt eben dieser Straßenkehrer mehr zum Gemeinwohl bei als manch anderer…

Mit diesen und weiteren faszinierenden Gedankengängen fuhr ich am späten Nachmittag zurück nach Fulda. Verwundert versuchte ich zu verstehen, wie der Oya-Tag so schnell vorbei gehen konnte.

Jens Brehl

geschrieben von Jens Brehl
am 16.11.2013


Kommentar schreiben




Bitte helfen Sie uns zu verhindern, dass die Kommentarfunktion von Spam-Software missbraucht wird und lösen folgende kleine Rechenaufgabe:


fünf plus zwei =