Beitrag vom 01.10.2013

Das Dissidenten-Gefühl

Die stärkste politische Aussage der aktuellen Ausgabe 22 von Oya – Untertitel »Wege aus der Demokratur« – ist, dass politische Parteien in diesem Heft so gut wie keine Rolle spielen – das dachte ich nach der vergangenen Bundestagswahl. Keine Partei verfolge eine Postwachstums-Strategie, beklagte Niko Paech kürzlich in einem Radio-Interview. Danach erhielt er einen verärgerten Anruf von der ÖDP, er habe sich da schwer geirrt. Genau muss es also heißen: Keine Partei, die es in den Bundestag schaffen konnte, schreibt sich Postwachstum auf die Fahnen. Kaum etwas, das in Oya diskutiert wird, ist für die neue Regierung von Bedeutung. War da vor vier Jahren, als wir mit Oya begonnen haben, angesichts des Atomausstiegs noch das Gefühl, es entwickle sich auch im Mainstream einiges in Richtung »wirklich zukunftsfähige Gesellschaft«, so ist es heute eher das »Dissidenten-Gefühl«, das zunimmt. Beim Wahl-O-Mat des »Spiegels«, den ich zum Spaß mal durchgespielt habe, hatte ich die größte Übereinstimmung mit der Partei »Die Partei« – Martin Sonneborns Satire-Partei, bei der wohl jemand die Wahl-O-Mat-Antworten schlicht nach dem gesunden Menschenverstand gegeben hat. Leider hatte sich »Die Partei« in Mecklenburg-Vorpommern nicht aufgestellt. Immerhin waren die Grünen in unserem lokalen dörflichen 300-Personen-Wahlkreis mit 20 Prozent stärker als die NPD mit knappen 10 Prozent. In unserer Stadt allerdings haben die Braunen über 16 Prozent erreicht, das im Landkreis stärkste Ergebnis.
Ein eigenartiges Gefühl, zu wissen, dass der »Weiter-so«-Kurs der Regierung in den abgehängten Regionen des Landes diese nach autoritärer Ordnung rufenden Kräfte weiter stärken wird. Sehr seltsam, wenn nach so einer Wahl der neue Weltklimabericht in den großen Medien in der denkbar harmlosesten Aufbereitung erscheint und alle Zeichen auf »wir machen weiter so« stehen.


Aufschlussreich war kürzlich eine Mail des Greenhouse Infopools, in der eine Studie des australischen Ökonomen Tommy Wiedmann dargestellt wurde: Die Behauptung, dass der Ressourcenhunger der Welt gemildert werden könne, indem durch möglichst effiziente Technik Wirtschaftswachstum und Ressourcenverbrauch »entkoppelt« würden, steht demnach auf tönernen Füßen. »Mit den aktuellen Messgrößen sind Regierungen nicht in der Lage, ihren tatsächlichen Ressourcenverbrauch zu messen«, sagt Wiedmann. Er schlägt als Berechnungsgrundlage den »materiellen Fußabdruck vor«. Der ist auch bei den »grünen« der sogenannten entwickelten Industrienationen zerstörerisch groß und wird es bleiben. Einsparungen durch »umweltschonende« Technik machen sich nicht bemerkbar (http://www.civeng.unsw.edu.au/staff/tommy_wiedmann).
Und in der Oya-Redaktion arbeiten wir gerade an einem Heft zum Thema »Tod«. Das ist genau die entgegengesetzte Blickrichtung zum Unendlichkeitsversprechen des grenzenlosen Wachstums. Eine gute Gelegenheit, sich bewusstzumachen, wieviel unnötigen Tod dieses »Weiter-So« in Kauf nimmt. Nicht irgendwann in der Zukunft, sondern schon heute.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 01.10.2013

1 Kommentar

von Harald Thielen-Redlich am 29.11.2013

«interessant, dass gerade dieser Tage der Papst in seiner neuesten Schrift davon spricht, dass unsere Wirtschaftsweise todbringend ist...»


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