Beitrag vom 18.09.2013

Wählt Die Unbequemen

Der Sozialpsychologe, Professor für Transformationsdesign und Gründer der Stiftung Futurzwei Harald Welzer löste in diesen Wahlkampfzeiten größeren medialen Wellengang aus, indem er kundtat, dieses Mal nicht mehr wählen gehen zu wollen. Die zur Auswahl stehenden größeren Parteien, so könnte man seine Kritik zusammenfassen, seien alle in unterschiedlicher Weise noch zentralen politischen Anliegen des 20. und sogar noch des 19. Jahrhunderts verpflichtet. Keine von ihnen stünde für die eigentlichen zeitgemäßen Fragestellungen der Gegenwart, etwa, wie die gesellschaftlichen Grundpfeiler in Richtung eines zukunftsverträglichen »guten Lebens« umgebaut werden können.

Im ZDF-Interview bei Richard David Precht hatte Harald Welzer nun eine dreiviertel Stunde lang Gelegenheit, seine Standpunkte ausführlich darzustellen und auch zu erklären, wie man als vermeintlich ohnmächtiger Normalmensch sich jenseits der Wahlkabine Gestaltungsmacht aneignen kann. (Mehr dazu in seinem Buch »Selber denken«). Ach, wenn Fernsehen doch öfter auf solch hohem Niveau stattfände, man würde öfter mal reinschauen! Mich überkam beim Sehen der Sendung der Gedanke, ob ein wirklich zeitgemäßes Parteienprojekt sich nicht darauf beschränken müsste, im Politikbetrieb der nach Machtbeteiligung schielenden Parteien nachdrücklich die richtigen, notgedrungen oftmals unbequemen Fragen zu stellen. Fühlt sich nicht jemand berufen, die Partei der Unbequemen ins Leben zu rufen? Ich werde die wählen!


Viel besser als gar nicht wählen zu gehen, finde ich übrigens die Option, ungültig zu wählen (etwa, indem man den Stimmzettel durchstreicht oder mit Kommentaren oder Zeichnungen versieht). Auf diese Weise lässt sich deutlich signalisieren, dass man nicht einverstanden ist mit der Auswahl und man kann sich so auch absetzen von jenem Teil der Nichtwähler, der zu desinteressiert oder schlicht zu faul zur demokratischen Beteiligung ist.
Kritiker des derzeitigen Wahlsystems schlagen ja auch vor, den Nichtwählerinnen und Nichtwählern eine eigene Fraktion aus leeren Stühlen im Parlament zuzubilligen. Auf diese Weise hätten die Politiker immer den Grad an generellen Uneinverstandensein und Politikverdrossenheit vor Augen. Ausserdem sei es gerechter, nicht 100 Prozent der (echten) Parlamentssitze unter den für die Verdrossenheit verantwortlichen Parteien zu vergeben, wenn z.B. nur 66% der Bevölkerung zur Wahl gehen.

geschrieben von Jochen Schilk
am 18.09.2013

4 Kommentare

von Maria König am 19.09.2013

«Danke für diesen Beitrag. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Nein- Partei. Statt den Stimmzettel ungültig zu machen, wählt man diese Partei, die einfach zu allem nein sagt, solange bis wirklich nach der Meinung der Bürger gefragt wird. (bisher leider noch nicht groß genug für Bundestagswahlen)»

von Jan Moewes am 22.09.2013

«Der letzte Absatz gefiel mir am Besten, bei 50% Wahlbeteiligung gibts nur noch die Hälfte der Abgeordneten! Und die Wahlbeteiligung würde exponentiell in den Marianangraben sausen. Wenn dann gar keiner mehr wählen geht., setzen wir uns alle zusammen in das leere Parlament und denken uns was Einfacheres, Gerechteres, Billigeres, Lebensfreundlicheres und Liebevolleres aus. »

von Neo am 08.10.2013

«Heute bin ich zum ersten Mal auf dieser Seite und sie scheint mir vielversprechend. Ich sehe es genauso, dass wir mit diesem Parteiensystem nicht weiterkommen werden. Das liegt, wie vom Autor angedeutet, daran, dass wir als Gesellschaft (Menschheit) bisher nicht darüber nachdedacht haben, unter welchen Bedingungen der Mensch zum echten Menschen werden kann. Wir haben einen großen Schatz von Erkenntnissen über den Menschen und seine Entwicklung. Aber selbst große Dichter und Denker, von Goethe, Schiller angefangen bis Einstein oder Albert Schweizer, die wir immer voller Stolz als unsere kulturellen Größen bezeichnen, bringen dieses System nicht zum nachdenken, geschweige denn zum Einstürzen. Wir machen deren Werke zu Unterrichtsinhalten und Prüfungsfächern, aber wollen ihre Aussagen nicht als Veränderungsimpulse gelten lassen. Nicht nur Geisteswissenschaftler müssten eigentlich sturmlaufen gegen diese Ignoranz. Da sie aber auch nur vom System abhängen, schweigen sie und machen aus Selbsterhaltungsgründen mit. Wie anders kann man sich beispielsweise erklären, dass ein Werk wie "Flucht vor der Freiheit" von Erich Fromm überhaupt keine Konsequenzen für uns hat, obwohl darin berührende und tiefe Wahrheiten über uns geschrieben stehen? Was die Politik und die Existenz von entsprechend orientierten Parteien angeht: Meines Erachtens gibt es zwei Parteien, deren Programm tatsächlich revolutionär ist. Das ist zum einen die DDP (Ehrenvorsitzender ist Prof. Hörmann)und zum anderen die Violetten. Erstere ist noch nicht wirklich zu einer erkennbaren Größe herangewachsen. Zweitere hat wirklich ein gutes Programm, hantiert aber sehr offensiv mit dem Begriff der Spiritualität. Ich halte Spiritualität ebenfalls für einen sehr bedeutenden Bereich im Hinblick auf grundlegende Veränderungen in unserem Denken und Fühlen. Das Problem ist aber, dass viele Menschen bereits der Begriff abschreckt. Sie verbinden damit nicht selten irgendeinen esoterischen Hokuspokus. Die Aufmachung deren Website dürfte diesen Eindruck bei vielen noch verstärken (Schmetterlinge auf violettem Untergrund). Das ist zu viel für den "Normalbürger". Die Sache wird als unseriös abgehakt noch bevor ein Absatz gelesen wurde. Trotzdem, die Programme sind wirklich sehr lesenswert und stellen eigentlich all unser bisheriges Denken in Sachen Politik und Gesellschaft auf den Kopf. An dieser Stelle noch vielen Dank für den Hinweis auf das Video mit Precht. Werde gleich heute noch reinschauen»

von Jens Brehl am 14.11.2013

«Vor kurzem habe ich Martin Exner (Autor von "Ausgeklinkt - Volksvertreter ohne Volk") zum Thema Spiritualität in der Politik, abhanden gekommener Idealismus und seiner Zeit bei den Violetten interviewt. Echte Veränderungen könne es nur durch kleine Parteien geben. Hier könnt Ihr das komplette Interview lesen: http://www.der-freigeber.de/spiritualitaet-in-der-politik/»


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