Beitrag vom 30.08.2013

Lebensfreundliche Technik?

Gerade laufen in der Oya-Redaktion die Planungen für unsere Januar-Februar-Ausgabe 2014 an, die das Thema »Technik« behandeln wird. Neben den gezielten Recherchen frage ich deshalb manchmal nebenbei jemanden: »Woran denkst du, wenn du den Begriff ›lebensfreundliche Technik‹ hörst?« Die Antworten sind sehr spannend. »Chirurgie« sagte ein Wildnispädagoge, während wir gemeinsam im Allmendegarten Unkraut zupften. Ich hätte bestimmt gedacht, seine Antwort laute: »Feuer machen« oder etwas ähnliches. »Nicht die lebensverlängernde Intensivmedizin meine ich, sondern chirurgische Operationen«, betonte er. Das ist interessant. Dieser Bereich gehört bestimmt zum Lebensfreundlichsten, was die Hochtechnologie hervorgebracht hat, aber auch er entstand auf der Basis einer hochtechnisierten Wachstumsökonomie, die ihre Rohstoffe aus den hintersten Winkeln des Planeten zusammenklauben muss. Wie sieht die Medizintechnik einer Postwachstumsgesellschaft aus? Das wird auf jeden Fall eine Frage, die wir in Oya 24 diskutieren werden.
Im weiteren Verlauf unseres Gartengesprächs ging es um praktische Lowtech-Geräte, und zum Schluss meinte mein Gesprächspartner: »Ich war ja so glücklich, nach meinem Jahr in der Wildnis wieder einen Akkuschrauber in der Hand zu haben.«
Ein Akkuschrauer! Vielleicht ist das ein Symbol für »das« nützliche Werkzeug in modernen Haushalten schlechthin. Mir wurde wieder einmal deutlich, wie wenig ich über ein solches Gerät weiß, obwohl es so alltäglich ist, obwohl schon mein dreijähriger Neffe mit einem handlichen Kinderakkuschrauber sehr professionell Sachen zusammenschrauben kann. Wo kommen seine Bauteile her? Wo wurde das Gerät zusammengeschraubt? Was ist genau ein Akku? Wäre er aus regional verfügbaren Materialien herstellbar?
Wir werden in Oya 24 einige dieser ganz normalen Dinge genauer unter die Lupe nemen und nach einem Technik-Paradigma suchen, das nicht auf die Vermarktbarkeit von Produkten sondern auf sinnvolle Lösungen für konkrete Problemstellungen zielt.

Anfang des Jahres haben wir ja bereis diesen roten Faden im Rahmen der Oya 18 (Titel »Nützlich sein statt übernutzen«) mit dem Crowdfunding für die Entwicklung eines Bodenfuttertopfs und einer Saftpresse aufgenommen. Nach der Sommerpause kommt jetzt neue Dynamik in dieses Projekt: Jens Virnich aus Berlin hat bei der Entwicklung den »Hut auf« und wird demnächst auf dieser Seite Modelle und Pläne zeigen und von Erfahrungen berichten.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 30.08.2013

1 Kommentar

von Frank BECKER am 03.09.2013

«Re-use! – ein konvivialer Beitrag zur „Großen Transformation“ Wieder- und Weiterverwendung (Re-use) sind zentrale Elemente; Gegens¬tand wie Voraus¬setzung für Ressourcen- und Klimaschutz. Bezogen auf die Natur, unsere Erde denken wir dabei z.B. an Endlichkeit und Abhängigkeit von Erdöl oder seltenen Erden. Bezogen auf uns Menschen sind damit z.B. die Ar¬beitsbedingungen bei FOXX¬CON (hohe Selbstmordraten, un¬menschliche Arbeitsbedingun¬gen: tagesschau.de, Apple gesteht schlechte Bedin¬gungen bei Zulieferern ein, 14.1.2012, http://www.tagesschau.de/wirtschaft/apple204.html) ge¬meint. Billige Arbeitskräfte in Asien ermögli¬chen Konkurrenz für EDV / Elektronik Re-use Ware durch billige Neugeräte. So kostet die Montage eines Marken-Laptop in Asien z.B. nur ca. 2,- €. An diesen Rechnern klebt Blut! Ressourcenschutz, Wieder- und Weiterverwendung sind jedoch keine technischen Prob¬leme, schon gar nicht geht es um eine ingenieur-wissenschaftliche Fragestel¬lung. Es geht vielmehr darum wie wir uns selbst als Menschen zueinander wahrneh¬men (Buber, M. (1961): Das Problem des Menschen, Heidelberg, S. 169) und inwieweit wir uns mit unserer Erde und allem, was auf ihr ist verbunden fühlen (Bateson, G. (1984): GEIST UND NATUR, Frankfurt /M. S. 9-16). Wir alle wissen doch, wie es um unsere Erde, um das Klima und unsere Mitmenschlichkeit bestellt ist. Wir spüren den Schmerz der Erde. Techni¬sche Artefakte, wie z.B. Smartphones haben so gesehen auch die Aufgabe uns von diesem Schmerz abzulenken und uns auf einer Ebene äußerer Wahrnehmung festzuhalten. Betrachten wir Reuse unter diesem Gesichtspunkt und als Teil konvivialer (= men¬schen¬freundlicher) Technik / Technikentwicklung, wird eine weitere Facette sichtbar: Selbster¬mächtigung des Menschen und Klimaentlastung. Sie bedeutet die je eigene Fähigkeit etwas reparieren zu können oder z.B. kompostieren zu können um unabhängiger vom Ressourcenverschleiß und im Rahmen urbaner Landwirtschaft Nahrungsmittel zu erzeugen. Solche Techniken ermöglichen es den Men¬schen selbst zur notwendigen Verbesserung der Verhältnis¬se, zur Linderung des Leidens beizutragen. Re-use betreibt im Kern eine Entschleunigung der Ökonomie und die Wiederaneig¬nung der Güter / Artefakte (Becker, F./ Endler, W./ Lorenz-Meyer, V. (Hrsg.) (2005): ReUse-Computer - Ein Beitrag zur Ent¬schleu¬ni¬gung der Ökonomie, Mün¬chen). Re-use hat die Qualität tätiger Friedensstiftung. Einerseits zwischen uns Menschen, wenn wir der Person, die unseren Tisch produziert Auge in Auge gegenüberste¬hen und wissen: Die zahlt für ihre Lebensmittel genauso viel wie wir. Andererseits zwischen Mensch und Natur: Ich nutze das, was uns die Natur gibt verantwortungsvoll solange es geht. In der auf Ressourcenverbrauch ausgerichteten Wachstumsökonomie ist Re-use je¬doch „un¬wirt¬schaftlich“. Ein praktisches Beispiel dazu aus dem IT-Sektor habe ich bereits an¬geführt. Ähnlich sieht es im Bereich Holzverarbeitung / Tischlerei (.hikk war von 2009 bis 2012 ein lokales Projekt von BAUFACHFRAU e. V. (http://hikk.mixxt.de/, http://www.baufachfrau-berlin.de/) zur Wieder¬ver¬wendung von Restholz aus Tischlereien in Berlin Pankow.) aus: Neuprodu¬zierte hoch¬wertige Spanplatten mit 19 mm Stärke kosten zwi¬schen 7,- € und 10,- € je m² und werden in Platten 2 x 3 m abgegeben. Eine solche Platte kostet also ca. 40,- bis 60,- €. Diese Platten werden selten vollständig verar¬beitet. Vor dem Hintergrund günsti¬ger fossiler Transportlogis¬tik und mangelnder Einpreisung externer Effekte industrieller Produktion ist es wirtschaftli¬cher, für das nächste Vorhaben die benötigten Platten neu zu bestellen. Die neuen Platten sind günstiger als die eigene Lagerhaltung für Restplatten. Resthölzer werden entsorgt und in der Regel thermisch verwertet. Auch hier lässt sich durch Re-use Abhilfe schaffen: Durchschnittlich 3,5m³ weiterverwendbares Restholz pro Monat fallen so etwa in jeder der 125 Tischlereien in Berlin-Pankow an. Zusammen ge¬nom¬men sind dies 437 m3 – jeden Monat. Ein Äquivalent von 585 kg CO2 je m3 Span¬platte angenommen, lie¬gen die theoretisch möglichen Einsparungen von Treib¬hausgasen durch Weiterverwendung damit alleine in Berlin-Pankow bei ca. 256 t CO2-Äquivalenten pro Monat. Wenn Ressourcen¬ver¬brauch, Treibhausgas-Emissionen tatsächlich auf ein Maß reduziert werden, das unserer bedrohten Erde eine Chance lässt, wo bleibt dann z.B. der Kuchen, von dem Ge¬werkschaften ihren Mitgliedern ein Stück abschneiden wollen (Ruskin, J. 1901. Der Kranz von Olivenzweigen, Verlag E. Diederichs, Leipzig, S. 10-12)? Kann Einkommen wachsen, wenn der Wirtschaft der Treib¬stoff fürs Wachstum – das Erdöl – ausge¬gangen ist? Ist in einer auf Werterhaltung ausge¬richteten „Reparatur-Gesellschaft“ (Blau, E.; Weiss , N.; Wenisch, A. (1997): Die Reparaturgesellschaft. Das Ende der Wegwerfkultur, Wien ) überhaupt noch Platz für Gewerkschaften, wie wir sie heute kennen? Re-use Wirtschaft und nachhaltiges Unternehmertum sind andererseits – schaut man einmal hinter die Kulissen – häufig geprägt von prekären Zweit- und Drittjob-Verhältnissen; einem Lebenspartner, der ein gesichertes Einkommen hat oder Vermögenswerten, die aufgebraucht werden können (Becker, F.; Zacharias-Langhans, K. (2012): Beschäftigungseffekte der Wieder- und Weiterverwendung, .hikk-Projekt, Hintergrundpapier). Solches Wirtschaften trägt dazu bei, Leiden zu verlängern; führt dazu – wie eine bloß auf Ressourceneffizienz gerichtete Technikentwicklung – durch mehr Einsatz und Anstrengung den eigentlich unerwünschten Zustand aufrecht zu erhalten anstatt ihn zu überwinden! Ohne veränderten Rahmen bleibt Re-use also eine Vorbereitung auf die Zeit „nach der Flut“ (Atwood, M. (2009): Das Jahr der Flut, Berlin ); eine Nische für Super-Greenies (Scarborough Research (2011): All About the SUPER GREENIES, New Yorck, super-greenies-green-consumers_scarborough-study.pdf ) und Selbstausbeutung. An den Beispie¬len, Restholz und IT lässt sich zeigen: FairTrade muss auch im Norden gelten, wenn Klimawandel und Schutz unserer Erde ernst gemeint sein sollen! Wir sind nicht ge¬trennt von diesen Problemen: Bevor wir Laubpuster als effizienten technischen Fortschritt ansehen, müssen wir uns die Frage beantworten: „Effizienz – wofür?“ (Gross Stein, J. (2002), The Cult of Efficiency, Toronto) Eine effiziente konviviale Technik(-entwicklung) wäre eine, die wirkungsvoll hilft das spürbare, sichtbare Leiden zu beenden. Die Frage: „Welche menschen¬freund¬liche Technik trägt wirkungsvoll dazu bei Leiden zu mindern?“ (Macy, J. (1994): Die Wiederentdeckung der sinnlichen Erde. Wege zum Ökologischen Selbst, Bielefeld, Seite 154 ff. und 213 ff.) ist eine, die ausdrücklich ein transdisziplinäres, verschiedene gesellschaftliche Logiken einbezie¬hendes Arbeiten erfordert. Frank Becker Technische Universität Berlin Wissenschaftsladen kubus Frank Becker Sekretariat FH 10-1 Fraunhoferstr. 33-36 10587 Berlin e-mail: becker@tu-berlin.de Fon +49-30-314-- 260 56 Fax: +49-30-314-- 242 76 skype: frankbeckertu»


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