Beitrag vom 23.03.2013

thinkOya auf Tour

Shelley Sacks' Tuch der University of the Trees nach dem Earth-Forum in München am 9. März.

Am 13. März ist in Prag die erste thinkOya-Symposienreise mit Hildegard Kurt, Shelley Sacks, David Abram und Andreas Weber zu Ende gegangen. Für mich hat sie am Dienstag den 5. März begonnen, als ich in den frühen Morgenstunden so viel Rote Bete, wie ich nur irgendwie tragen konnte, im Garten aus einer Miete ausgebuddelt habe, um daraus einen Salat für gut 100 Menschen zuzubereiten. Das erste Symposium am 6. März in der Heinrich-Böll-Stiftung in Berlin wurde nämlich vom Klein Jasedower Catering-Unternemen »Lebenskunst« bekocht. »Im Bann der sinnlichen Natur« war der Titel der Reise, und es sollte in den Gesprächen immer wieder um lebendige, fruchtbare Erde gehen. Das Zubereiten der Speisen aus den Gartenfrüchten war ein sehr passender Beginn.

Die Reise, die Matthias Fersterer, Johannes Heimrath und ich als Organisationsteam gemeinsam mit den vier Protagonisten, drei Studierenden vom Social Scultpture Research Unit in Oxford und dem Filmemacher André Wagner in der ersten Märzhälfte unternommen hatten, war der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die vor gut einem Jahr mit dem Erscheinen des Buchs »Im Bann der sinnlichen Natur. Die Kunst der Wahrnehmung und die mehr-als-menschliche Welt« des amerikanischen Philosophen David Abram begonnen hat.  Dieses Werk begründete das Buchverlagsprojekt thinkOya, eine Schwester der Zeitschrift Oya, als Raum für weitreichende Gedanken über Natur und Kultur. Wenn die Zeitschrift vor allem Praxisprojekte zeigen möchte, erlaubt sich thinkOya bewusst »Grundlagenforschung«. In diesem Sinn wollten wir mit vier thinkOya-Autorinnen und Autoren, der Kulturwissenschaftlerin Hildegard Kurt, der interdisziplinären Künstlerin Shelley Sacks, dem Philosophen und Biologen Andreas Weber und David Abram, der sich »Cultural Ecologist« nennt, ab dem 6. März 2013 auf Tour gehen – wie eine Rockband, nur dass wir an den vier Stationen der Reise – Berlin, Hannover, München und Prag – eher philosophische Kammermusik aufgeführt haben.

 

Berlin – Heinrich-Böll-Stiftung

»Was heute beginnt, ist keine Show, sondern wir unternehmen diese Reise aus eigenem Vergnügen«, sagte Johannes Heimrath zur Eröffnung des ersten Symposiums in der Heinrich-Böll-Stiftung am 6. März. Es ist in dieser eiligen Zeit purer Luxus, nicht nur eine einzelne Konferenz abzuhalten, sondern über mehrere Tage hinweg gemeinsam Themen zu erkunden und sich gegenseitig Aufmerksamkeit und Raum für grundlegende Fragen und Erfahrungen zu schenken.
Konkrete Erfahrung sollte der Ausgangspunkt für die Arbeit sein, und so begann das Symposium mit Workshops der vier Protagonisten. Die Gruppe von Shelley Sacks wendete sich den Bäumen in der kleinen Parkanlage um die Böll-Stiftung zu, David Abram arbeitete ebenfalls an der frischen Luft mit elementarer Körpererfahrung wie dem Atmen. Hildegard Kurt stellte ein Tablett mit Äpfeln in verschieden fortgeschrittenen Stadien der Kompostierung in den Mittelpunkt ihres Workshops, und Andreas Weber erkundete mit seine Gruppe das Wesen einer Zelle. In der nächsten Phase teilten alle Workshop-Gruppen ihre Erfahrungen mit dem Plenum – auf welche Weise das passieren würde, hatten wir eingangs nicht festgelegt, sondern waren das Risiko eingegangen, die Ideen im Prozess entstehen zu lassen. Es gelang jeweils mühelos, dafür Formen zu finden – meist auf nonverbale, spielerische Weise.
Mein eigener Erfahrungs-Workshop bestand im genüsslichen Aufwärmen von Gemüsesuppen in überdimensionalen Töpfen auf etwas zu kleinen Herdplatten in der Küche der Böll-Stiftung, unterstützt von zwei Studentinnen von Shelley Sacks. Dass es so unkompliziert möglich war, hier unser »eigenes« Essen aus den Früchten des Klein Jasedower Allmendeackers mitzubringen, dass wir trotz der unkonventionellen Themenstellung das Symposium an einem so bedeutenden Ort wie der Böll-Stiftung durchführen durften und von den Mitarbeitern so tatkräftig unterstützt wurden, war großartig und bereits eine Umsetzung des Untertitels des Symposiums »Wege in eine lebensfördernde Gesellschaft«.
Im Anschluss an die Abendpause begann eine Fishbowl-Diskussion. Johannes Heimrath, dem wir auf dieser Reise die Aufgabe des Moderators gegeben hatten, leitete sie mit der Frage ein, wie die Sehnsucht nach enkeltauglichen Gesellschaftsformen in wirksames Handeln münden könnte, ohne in die Falle eines erneuten Effektivitätsdenkens zu tappen – aus einer unmittelbaren Bezogenheit auf die anderen Mitbewohner des Planeten heraus. Die Frage erwies sich als schwierig, denn sie wurde schnell reduziert auf: »Was können wir eigentlich tun?«, und das lässt sich nicht gut beantworten. Immer  wieder zu fragen: »Wie kommen wir nur zu einer besseren Welt?« sei eher kontraproduktiv, war eine Einsicht in der folgenden Gesprächsrunde, denn die Frage verhindert eher, dass man sich mit dem auseinanderzusetzt, was da ist. Die Hinwendung zum Gegebenen wurde somit ein wichtiger roter Faden dieser Reise.

 

Hannover - Im »Neuen Rathhaus« mit Transition-Town-Initiativen

Der Rahmen der Böll-Stiftung ermutigte dazu, die großen, globalen Fragen zu stellen. Am nächsten Tag durfte das Symposium erneut an einem besonderen Ort tagen, es fand in Hannover im »Neuen Rathaus« statt. Die Transition-Town-Initiativen Hannover und Göttingen sowie das agenda-21-Büro der Stadt Hannover hatten uns dorthin eingeladen. Wieder kamen gut 100 Gäste. Der Eintritt war auf Spendenbasis, alle brachten etwas fürs gemeinsame Buffet mit. Wir hatten nicht das Gefühl, dass hier ein »Publikum« im Mosaik-Saal des bombastischen, eklektizistischen Bürgerhauses im Kreis saß, sondern hier waren Mitwirkende gekommen, mit denen eine gemeinsame Arbeit anstand. Wie schon in der Küche der Böll-Stiftung lag diese Magie des »Commoning«, des gemeinsamen Beitragens vieler unterschiedlicher Beteiligter, im Raum.  Shelley Sacks, Hildegard Kurt, Andreas Weber und David Abram eröffneten die erste Phase des Symposiums mit kurzen Einführungen, die eher Performances als Vorträge waren. Das Bürgerhaus ermutigte sie offenbar zum Geschichtenerzählen. Hildegard begann mit einer Kindheitserinnerung an ein reifes Kornfeld. Diese Erlebnis sei ihr vor kurzem, schockiert von der Nachricht, die Deutsche Bank spekuliere nun wieder mit Nahrungsmitteln, eingefallen. David inszenierte seine Begegnung mit einem Lämmergeier in den Bergen von Nepal als atemberaumbendes Theaterstück. Shelley ließ das Publikum die Hände heben und als »Antennen« nutzen, mit denen sich in den Raum hineinfühlen lässt, in den Außenraum ebenso wie in den eigenen Innenraum, in dem die Erinnerung an Vergangennes, die Wahrnehmung der Gegenwart sowie Zukunftsbilder auf magische Weise zugleich präsent sind. Warum dieses ständige Changieren zwischen dem Innen und dem Außen, zwischen Geschichten, die Gänsehaut erzeugen, und präziser Reflexion? Worum es hier geht, brachte Andreas in seiner hannoverschen Einführung mit dem Begriff »Enlivenment« auf den Punkt. »Enlightenment« ist der englische Begriff für »Aufklärung«, deren helle Seiten von der einseitigen Betonung des Rationalen überschattet werden: Die moderne Kultur betrachtet die Welt heute unter dem Blickwinkel des Toten, und Lebewesen im Wesentlichen als genetisch programmierte Maschinen. Und so ist es kein Wunder, wieviel diese Kultur zum Absterben und Aussterben bringt – der Handel der Bank mit »Agrarrohstoffen« ist nur eines der vielen grausigen Beispiele. Die Aufklärung sinnvoll weiterzuführen und zu verlebendigen – dafür stehe die Wortprägung »Enlivenment«, erklärte Andreas Weber. In diesem Sinn fand unsere Arbeit auf der Symposiumsreise an den Rändern eines tiefen Grabens statt, der scheinbar selbverständlichen Aufspaltung von Geist und Körper, Bewusstsein und Materie, Innenwelten und »objektiver« Realität, Gefühl und Verstand, die als kulturelles Muster die Gegenwart durchzieht. An der Frage, ob diese Spaltung nicht eine Fehlkonstruktion oder gar etwas Lebensfeindliches ist, arbeiten wache Geister der europäischen Tradition bereits seit einigen Jahrhunderten, aber vielleicht ist es erst jetzt möglich, erste Schritte einer breiten Bewegung in Richtung »Enlivenment« zu gehen, die nicht nur wenige, herausragende Geisteswissenschaftler etwas angeht, sondern alle Menschen, die genug von einer Tod produzierenden Gesellschaft haben.
In Hannover begleitete ich Hildegard Kurt in ihren Workshop über »Realität und Wirklichkeit«. Mit »Wirklichkeit« hatte sie den Zustand beschrieben, in den sie als Kind in diesem Kornfeld geraten war - eingetaucht in den Geruch der reifen Ähren und der von der Sommerhitze dampfenden Erde, taub für die besorgten Rufe der Erwachsenen. Dem stellte sie die Realität gegenüber, die sogenante Normalität, in der alle »echten« Empfindungen meist unter einer dicken Schicht von Normen, Verpflichtungen und Ängsten begraben werden. In der eigenen Erinnerung Momente freizulegen, in denen eine Ahnung von »Wirklichkeit« geschwungen hat, war die Arbeit der Workshop-Gruppe. 
»Dass alle sofort verstehen, was gemeint ist, das ist der Kern von Resilienz«, dachte ich. Ich hatte eine Erinnerung wiedergefunden, die nur wenige Tage zurücklag, aber schon wieder unter einer dicken Schicht Realitäts-Sorgen begraben war, nämlich unter dem typischem Ballast aus Zeitnot und Geldnot. »Auf diese Art bin ich Teil dieser Ideologie des Toten«, wurde mir mit Entsetzen bewusst. Indem viele Menschen im Raum solchen Wahrnehmungen Bedeutung gaben, entstand ein Feld, in dem es viel leichter war, »Wirklichkeit« präsent zu halten. In ihren Gesprächen begann die Workshop-Gruppe, diese Übung auf die gesamte Gesellschaft zu skalieren.
Seit etwa einem Jahr existieren in Hannover und Berlin Gruppen, die das von Shelley Sacks entwickelte »Earth Forum« praktizieren – eine Arbeitsweise aus der University of the Trees (UoT), die auf dieser individuell-kollektiven Erfahrungsebene von Wirklichkeit ansetzt. Diese Universität existiert im Prinzip überall, wo sich Menschen unter einen Baum setzen und bereit sind, von ihm und von den anderen menschlichen und nicht-menschlichen Wesen am Ort zu lernen. »Bäume wissen, wie es ist, ein Baum zu sein, aber wissen Menschen, wie Menschsein geht?«, ist eine der Leitfragen der UoT. Obwohl Shelley Sacks auf der Reise mit Krücken unterwegs war, hatte sie diverse UoT-Materialien dabei und hat in ihren Workshops immer wieder Varianten des Earth-Forums abgehalten – ein faszinierender Prozess, der den eigenen Innenraum mit einem materiellen Stück Erde in Beziehung setzt.
Diese Art des Lernens ist Brückenbau-Arbeit an dieser kulturellen Spaltung, wurde mir in Hannover bewusst. Sich stundenlang mit einem Tuch, auf dem Steine, Maulwurfserde, Müll oder getrockene Blätter liegen, zu beschäftigen, wird damit zu einer gesellschaftlich relevanten Arbeit. Und es ist vielleicht etwas abgedreht, wenn nach einem philosophischen Workshop eine Art Impro-Theaterstück entsteht und Sätze wie »Ich bin du!« laut durch den Raum gerufen werden. Oder wenn eine Gruppe von Menschen sich immer wieder auf den Boden fallen lässt, um die Magie der Schwerkraft als erotische Anziehung zwischen Erde- und Menschenkörper zu erkunden. Aber wenn dadurch die Innen-Außen-Grenzen durchlässig werden, ergibt das einen Sinn, der über Selbsterfahrung hinausgeht.
»Wenn wir als Kinder lernen, dass die Erde rund ist, rätseln wir, warum die Menschen auf der anderen Seite nicht herunterfallen. Dann ziehen die Erwachsenen einen Trick, erklären die Schwerkraft zum Naturgesetz, und alle Magie ist verschwunden«, erklärte David Abram. »Aber bei Licht betrachtet bleibt die Erfahrung der Anziehung zwischen zwei Körpern unerklärlich. Wenn ich die materielle Welt mit der Brille der Naturgesetzte als mechanisch, leblos und determiniert ansehe, dann verdränge ich die Wahrnehmung meiner Sinne und finde mich in einer distanzierten und abstrakten Welt wieder. Anzunehmen, dass die Dinge ein Eigenleben haben, führt hingegen zu einer Demut, die es mir ermöglicht, wieder von anderen Wesen zu lernen, ganz egal, ob es ein Tier ist oder gar ein kleines Insekt, eine Spinne, eine Blume, ja selbst einem Stück Fels und das Wasser, das den Rinnstein entlang fließt.«

In der abschließenden Gesprächsrunde nannte Andreas Weber solche erfahrungsbezogene Arbeit »Wissenschaft der ersten Person« in Anlehnung an einen seiner Lehrer, den Biologen Francisco Varela, der das Konzept der Autopoiese bekannt machte. Lässt sich aus wacher, subjektiver und intersubjektiver Erfahrung etwas  Sinnvolles über die Welt sagen, lässt sich etwas systematisieren, als Essenz destillieren?
Es kann nicht darum gehen, sich vor der scheinbaren Autorität der konventionellen Wissenschaft rechtfertigen zu wollen, sondern es geht eher darum, den Prinzipien, Werten oder Essenzen, die sich aus solchen sinnlichen, poetischen Weltwahrnehmungen ergeben, in den Mittelpunkt gesellschaftlichen Gestaltens zu stellen. Dass viele Menschen den Mut haben, genau das zu tun, zeigten die intensiven Beiträge des Publikums in der Fishbowl-Runde in Hannover.

 

München – Schweisfurth-Stiftung am Nymphenburger Schloss

Zur Eröffnung des Symposiums in München am Samstag, den 9. März in der Schweisfurth-Stiftung zog Franz-Theo Gottwald, Geschäftsführer der Stiftung, in sehr starken Worten die politische Dimension unserer Themen noch weiter auf. Er äußerte seine Sorge über die Entwicklung, dass mit der Abkehr von fossilen Energieträgern alles, was auf der Erde wächst, endgültig als Ware klassifiziert wird. Bioeconomy nennt sich der neue Hype um die ausbeutbaren »nachwachsenden Rohstoffe«.
Diese »Rohstoffe« sind Lebewesen. Shelley Sacks hatte am Abend zuvor während ihrer Vortragsperformance über lange Strecken heulende Laute von sich gegeben, um damit denjenigen Wesen, die sich nicht in der Sprache der Menschen äußern, Gehör zu verschaffen und einen Raum für »unerhörte« seelische Kräfte zu öffnen. »He, das ist mein Körper, mein Arm, der abgeschnitten wird, wenn ihr diese Bäume fällt,« hatte David Abram danach laut ins Publikum gerufen. Johannes Heimrath griff diese Rufe am Samstag Morgen auf und ließ für ein paar Sekunden seinem Zorn über Ackergifte in entsprechender Lautstärke freien Lauf.
In München, so schien es mir, waren unsere vier Protagonisten so weit, auch ins Unreine zu sprechen. Was für ein großer Schritt das ist, wo man üblicherweise gewöhnt ist, vor Publikum vor allem die gut eingeübten Aussagen zu bringen, wurde mir erst im Verlauf der Reise bewusst. An Samstagmorgen erschien mir alles frisch, wie zum ersten Mal gesprochen. Shelley Sacks erzählte von ihrem Traum in der vergangenen Nacht, in dem sie durch unheimliche Dörfer fährt, in denen bunt gewebte Hakenkreuze von den Wänden hängen – tastend nach einer Deutung, die im Anschluss von Hildegard Kurt gegeben wurde mit dem von Hannah Arendt geprägten Begriff der Banalität des Bösen. Damit verknüpfte Andreas Weber das Schreckensbild der Bioeconomy und erklärte, warum eine Wissenschaft des Lebendigen stattdessen zu »Biocommons« führt und warum es eine Logik gibt, in der Menschen Bäume sind. David Abrams Beitrag am Schluss dieser Runde war ein glühender Appell, die »mehr-als-menschliche Welt«, wie er die Natur nennt, als Heimat zu begreifen, auch als Heimat der eigenen Gedanken. Er endete mit dem Rilke-Gedicht »Die Heimkehr«:
»Ach, nicht getrennt sein,
nicht durch so wenig Wandung
vom Sternen-Maß.
Innres, was ists?
Wenn nicht gesteigerter Himmel
durchworfen mit Vögeln und tief
von Winden der Heimkehr.«


Nach dieser Runde schienen alle vier ein wenig erstaunt über sich selbst zu sein. Sie hatten nicht geplant, jeweils so lange zu sprechen, eigentlich war ein Ping-Pong-Gespräch mit mehreren kurzen Beiträgen angedacht gewesen - und nun war etwas ganz anderes entstanden. Aber Improvisieren war ja ausdrücklich erlaubt. Auch der folgende Vormittag verlief anders, als geplant. In München wohnen eine Reihe von Oya-Autorinnen und -Autoren, und wir hatten sie gebeten, zur geplanten Gesprächsrunde in Fishbowl-Manier beizutragen. Aber eine wirkliche Fishbowl-Runde wie in Berlin und Hannover wurde nicht daraus, eher eine spontane Folge von Geschichten und kleinen Vorträgen. Als einer der ersten Sprecher, Michael Beleites, Umweltaktivist der ersten Stunde in der DDR, zu einer langen Ausführung über die domestizierten, wilden und halbwilden Vögel in den Bäumen und Teichen um Schloss Nymphenburg anhub, wurde ich unruhig und meinte, Johannes käme seiner Moderatoren-Pflicht nicht nach, indem er den Beitrag nicht abkürzte. Aber nach kurzer Zeit war auch ich fasziniert Michaels Einladung in die »Universität der Vögel« gefolgt und hatte die Zeit vergessen. Die Zuhörenden lernten zum Beispiel, dass die städtischen Stockenten nicht wieder aufs Land ziehen, sie bleiben domestiziert. Die Parkschwäne aber schaffen zum Teil den Weg zurück in das wilde Leben auf den Seen des Voralpenlands. Erst nach seiner langen Geschichte hatten sich seine Zuhörerinnen und Zuhörer in Schwäne verwandelt und waren in Gedanken dabei, aus den Ketten einer Welt, die eine Bioeconomy erfindet, auszubrechen.
Ich konnte mich damit anfreunden, dass dies ein Morgen der Geschichten war, weil alles Gesagte aufeinander Bezug nahm. Caroline Claudius’ Geschichte über ihren kleinen Sohn, der erst auf den Schneeglöckchen an der Bushaltestelle herumtrampeln wollte, dann aber die Bienen entdecke, wie sie tief in die Blüten krabbelten, seine Schuhe auszog und nicht mehr von den Blumen wegzubekommen war – das war die Geschichte eines verwildernden Schwans. Die Mutter hatte in diesem Moment alle ihre Zeitpläne und den Bus fahren lassen. So geht »Verwildern«, und genau das zu tun, ist etwas sehr Kultiviertes.
Ein wenig wild wurde es nach der Mittagspause, als alle aus Restaurants in der Umgebung wieder zusammenströmten und verschiedenste Bedürfnisse quer durch den Raum flatterten. Aber Selbstorganisation funktioniert immer. Nach einer kurzen Chaosphase, bewusst ohne Moderation, waren zwei Workshop-Gruppen entstanden, die den frühlingshaft-milden Tag, den Garten der Schweisfurth-Stiftung und die gemeinsame Arbeit genossen.
Anschließend erzählten viele von der Erfahrung des »Berührtwerdens«: Sie hatten etwas sehr Einfaches getan, nämlich draußen im Garten »etwas« mit den Händen umschlossen und dabei bewusst gespürt, wie das »andere« – ob nun Baumrinde, Grashalm oder eine Flechte, die Berührung erwidert. »Wie einfach ist es, Zärtlichkeit zu erfahren.« Je mehr solcher Sätze gehört wurden, desto dichter wurde die Atmosphäre. Wie sich ein »lebensförderndes« Sein und Wirken in einer mehr-als-menschlichen-Welt anfühlen könnte, lag als Feld im Raum, so dicht, als ließe es sich mit Händen greifen. Es war einer dieser Momente in der »Wirklicheit«.
»Können wir das halten, wenigstens so lange, bis wir unten aus der Tür hinausgegangen sind?«, fragte Johannes Heimrath zum Abschluss. Er initiierte einen Dreiklang, den alle im Raum mit der Stimme klingen ließen. Dorthinein mischte sich die Flöte von Klaus Holsten, einem der Klein Jasedower Musiker. Die Stimmen wurden mit den Flötentönen mitgezogen, einige standen unwillkürlich auf und bewegten sich durch den Klangraum – ein magisches Ende für diesen besonderen Tag.

 

Prag – im Theater Kampa mit dem Verein »Pilgrim«

Jetzt hatte die ganze Crew dringend einen Tag Pause nötig und konnte zugleich den Luxus genießen, dass die Tour noch nicht zu Ende war, sondern das Abenteuer Prag bevorstand. Der Kurator Jiri Zemanek, der Johannes Heimrath und mich seit 2002 immer wieder zu außergewöhnlichen Ausstellungen, Vorträgen und Treffen in Prag eingeladen hat, war Organisator des Abschluss-Symposiums im Theater Kampa, einem kleinen, historischen Theater, in dem schon Mozart Don Giovanni geprobt hat. Jiri hat ähnlich lange wie wir an der Übersetzung von David Abrams »Im Bann der sinnlichen Natur« gearbeitet, und zum Symposium war das Buch gerade frisch aus der Druckerei gekommen. Da wir im Voraus mit Jiri keinen klaren Ablaufplan entwickelt hatten, waren wir etwas unsicher über die lokalen Bedingungen. Aber alles war aufs Sorgfältigste organisiert worden. Dass zwei Taxifahrer das Theater Kampa nicht fanden, so dass unsere Protagonisten mit reichlich Verspätung einen Blues-Brothers-mäßigen Auftritt durch den Hintereingang hinlegen mussten, nahmen alle mit großer Gelassenheit. In Deutschland hatten wir ein genaues Gefühl dafür gehabt, wer im Publikum saß – in Prag war das anfangs weniger fassbar, obwohl Johannes und ich durch die langjährige Verbindung zu Jiri dort eine ganze Reihe wunderbarer Freunde gewonnen haben. Einige waren gekommen, zum Beispiel Jan Pinos, der lange Greenpeace Tschechien leitete und mit Baumbesetzungen Teile des Böhmerwalds vor der Abholzung bewahrt hat. Am 12. März lernten wir einen weiteren besonderen Menschen neu kennen – Ivan Havel, den transdisziplinär denkenden Kognitionswissenschaftler und jüngeren Bruder von Vaclav Havel. Zusammen mit Marco Bischof, Wissenschaftsautor aus Berlin, war er Mitdenker beim Prager Symposium.
Letztlich sind es überall die gleichen Menschen, die von thinkOya-Themen angezogen werden: Aktivisten, aufgeschlossene Wissenschaftlerinnen, Studierende, Künstler, Menschen, die etwas bewegen wollen, die nicht nur auf individueller Ebene auf Sinnsuche sind. In Prag sprachen die Menschen im Publikum deutlicher von der heutigen Situation als schier aussichtsloser Krise. Es war spürbar, wie sehr sie nach dem verheißungsvolen Fall des eisernen Vorhangs durch den Kapitalismus aller Hoffnungen auf Besserung durch ein neues »System« beraubt worden waren.
Sich das Ausmaß der Krise einzugestehen, ist eine wertvolle Qualität. Es wurde ein Motiv der nachmittäglichen Diskussion, in der es zum ersten Mal auf der Reise kontrovers und heftig wurde. Da war auf der einen Seite das Gefühl, dass alles, was in Richtung eines Rezepts für eine bessere Welt und Menschheit geht, um endlich allem Leidvollen zu entfliehen, genau an der Wirklichkeit und Notwendigkeit des Lebens vorbeigeht. Und auf der anderen Seite der leidenschaftliche Wunsch, dass unnötiges Leiden wie Hunger oder Massentierhaltung endlich enden möge, und dass Menschen doch die Fähigkeiten hätten, eine Welt ohne Grausamkeiten vor sich zu sehen und diese Vision in die Realität zu holen. Beide Impulse gehen zusammen, in beiden stecken Gefahren ebenso wie Chancen, die in der folgenden Diskussion über Leid und Krisen spürbar wurden, wenn auch erst sehr anfänglich. Wo überall hat uns das Machbarkeitsdenken im Griff? Wo laufen wir Gefahr, in Fatalismus zu verfallen?
Und nun hatte ich doch, gegen Ende der letzten Veranstaltung der Reise, den Eindruck, dass wir erst am Anfang waren. Wir nutzten keine spezifischen Moderationsformen mehr in der letzten Runde, es war ein direktes, spontanes Gespräch; da waren Betroffenheit und die Bereitschaft, zu lernen. Shelley, David und Andreas haben noch die halbe Nacht mit der Weiterführung der Diskussion verbracht.
Aber es war auch richtig, dass es nun zu Ende ging. Wir saßen in diesem Diskussionskreis im Theater Kampa wie um ein Feuer in einer tiefen Nacht, an dem nun alle Geschichten erzählt, alle Lieder gesungen, alle Streitgespräche geführt und alle Liebeserklärungen des Tages ausgesprochen sind und es sich nun beruhigt an Ort und Stelle einschlafen lässt. So wie Andreas’ kleiner schwarzer Pudel »Erbse« schon die ganze Zeit neben seinem Stuhl lag und schlief. Ein Didgeridoospieler schenkte zum Abschluss ein kleines Konzert. Wie aus einem tiefen Traum wachten wir daraus nur langsam wieder auf.
Jetzt war es gut, wieder nach Hause zu fahren – in großer Dankbarkeit und Verbundenheit mit allen, die zu dieser besonderen Zeit beigetragen hatten.

Eine Dokumentation des Symposiums wird in Kürze auf der thinkOya-Website zu finden sein.

 

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 23.03.2013

2 Kommentare

von Ingrid Picker, Bad Tölz am 28.03.2013

«Vielen Dank, Lara, für diesen Bericht, der intensiv und nachvollziehbar die Atmosphäre und die Schwierigkeiten dieser Symposiumsreise, und die Unterschiede je nach Umfeld, beschreibt. Euch nochmal erholsame Feiertage! Ingrid »

von Silke Hoffmann, Berlin am 03.04.2013

«Vielen Dank auch fuer das beigefuegte Foto! Nachdem ich selbst schon laengere Zeit kein Earth Forum mehr mitgemacht habe, freut es mich total mir das Tuch aus Muenchen anschauen zu duerfen. Die Vielfalt darauf, so viele Begegnungen, so viele Geschichten......»


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