Beitrag vom 25.01.2013

Zahlt doch, was ihr wollt!

Netzgiraffen im Allwetterzoo Münster.

Der Einladung „Sie zahlen, was sie wollen“ bin ich hier in Spanien eigentlich nur auf den Plakaten einiger Geldinstitute begegnet, die damit für Hypotheken zum Grundstücks- oder Häuserkauf warben. Jaja, habe ich gedacht, in „Wolkenkuckucksheim“, und bin den Worten mit äußerstem Misstrauen begegnet. So waren sie eigentlich eher Favorit für mein Unwort des Jahres als für einen Beitrag in der Oya.
Das hat sich gerade geändert. Auslöser waren eine erfolgreiche Aktion des Zoos in Münster und die Überraschung beim anschließenden Googlen nach anderen Beispielen. Fast alle sprechen von Riesenerfolgen und ganz selten äußern sich Vereinzelte misstrauisch, obwohl das Angebot diesmal nicht von Banken kommt, sondern von Restaurants, Internetprovidern, Friseuren, Online-Buchhandlungen,Taxidiensten, einer Popgruppe, der taz, dem Thalia-Theater, einer Weinhandlung – und eben dem Zoo in Münster.
Dort hatten sie im vergangenen Dezember, dem für Tierparks angeblich stets schlechtesten Monat des Jahres, auf Anraten des Marketingspezialisten der RWTH Aachen University, wie sie sich selbst nennt, dieses kaum erforschte Modell als Großversuch gewagt. Und der Erfolg hat alle Beteiligten überrascht. Der Zoo hatte mit fünfmal so vielen Besuchern wie im Jahr davor zweieinhalb mal so große Einnahmen. Allen war gedient, der durchschnittliche Besucher zahlte weniger als die Hälfte und der Tierpark nahm mehr als das Doppelte ein. Das ist bei ausnahmslos allen Beispielen die gleiche Tendenz: populäre Preise treiben das Volk an die Kasse, die Wenigsten sind unverschämte Schnorrer, ein paar Großzügige sind immer dabei und die Masse bringts. Im extremsten Fall, einer nicht weiter erklärten Postkarten-Verkaufsaktion, kamen die Veranstalter trotz 20 Prozent Gratis-total-Kunden immer noch gut auf ihre Kosten, am besten schnitt ein Restaurant in St. Tropez ab, das dreimal soviele Kunden begrüßen durfte, die im Schnitt 10 Prozent weniger zahlten, was einem Plus von 270 Prozent entspricht.
Natürlich ist jedes Angebot anders, ganz umsonst ist oft ausgeschlossen, ein Mindesttarif ist jedoch meist wirklich mini, oft gibt es so etwas wie Richtpreise, und da nach oben niemand Grenzen setzt, kommt es manchmal zu erstaunlichem Mäzenatentum. Erkennbar ist auf jeden Fall, dass der Großteil der Kunden fair sein möchte und Zufriedenheit gern ausdrückt. In den zwei Jahren Existenz eines Wiener Selbstbedienungsrestaurants haben nur 0,5 Prozent der Kunden die Möglichkeit genutzt, umsonst zu essen, einer von 200! Wenn wir uns schon in unserer Hyänenkultur so viel Menschlichkeit und Ehrlichkeit bewahren konnten, wie gut könnte dieses Modell in einer Gesellschaft funktionieren, in der es zum Standard gehört, in der man damit aufwächst, in der man Gesellschaft wieder als Miteinander betrachtet und nicht als Jeder gegen Jeden.
Ich habe das Gefühl, dass aus „Pay what you want“eine Art Bewegung werden könnte, und zwar ziemlich plötzlich. Die dürfte von mir aus sogar unbegrenztes Wachstum haben, weil sie ein Zukunftsmodell ist: nicht härter sondern nachgiebiger, wie Wasser, nicht strenger sondern lockerer, nicht starrer sondern elastischer. Ich habe das Gefühl, dass der Wandel schon wandelt, lustwandelt sogar, und wir wandeln mit.

Weitere Links:
http://www.abendblatt.de/kultur-live/article1372114/Zahlen-so-viel-man-will-Experiment-geglueckt.html
http://www.cocoabeachtaxiservice.com
http://www.guardian.co.uk/books/2012/oct/23/pay-what-you-want-ebooks
http://www.geekosystem.com/cards-against-humanity-sale/
http://www.morgenpost.de/printarchiv/wissen/article228630/Experiment-am-Buffet-Zahlen-was-man-will.html
http://uberspace.de/

Jan Moewes

geschrieben von Jan Moewes
am 25.01.2013

6 Kommentare

von Wim am 01.02.2013

«Supi. Ich mach mit!!»

von Holger am 11.02.2013

«Ich könnte mir vorstellen, dass diese Konzept auch gut bei Büchern/Verlagen funktionieren könnte (allerdings blockiert hier die Buchpreisbindung...).»

von Matthias Fersterer am 13.02.2013

«Das ist richtig, allerdings zeigen die Entwicklungen am britischen und jüngst auch am Schweizer Buchmarkt deutlich, dass – innerhalb des gegenwärtigen Wirtschaftssystems – vor allem kleine Verlage und Buchhandlungen von der Buchpreisbindung profitieren. Trotzdem ist das eine schöne Vision: Mündige Leser und Verleger, die sich ihr Tun gegenseitig ohne vorgegebenen Preis ermöglichen. Ein Weg hin zu einer solidarischeren Form des Büchermachens sind die Buchpatenschaften bei thinkOya und im Drachen Verlag.»

von helga Flohr am 06.03.2013

«Ich hoffe, es wird eine kleine, feine und stetig wachsende Gegenbewegung zu unserem menschenverachtenden Wirtschaftssystem daraus »

von andreas buechel am 08.03.2013

«ich habe eine utopische novelle geschrieben, in der ich mir vorstelle wie anstelle von zwangs eingezogenen ( gestuetzt auf justiz, polizei, militaer ... waffen ... ) steuern ... in einer weiterentwickelten gesellschaft das freiwillige einzahlen in einen globalen topf von einzelne wie gruppen/firmen ... wie so ein globaler fonds genug fuelle schaffen koennte, so dass daraus jedem menschen ein angenehmer wohnraum ohne bedingungen geschenkt werden koennte ... und oder ein sich in der natur nicht stoerend bewegendes fliegendes luftschiff ... der globale fonds koennte per internet von allen mitgliedern der menschlichen familie basisdemokratisch gruppendynamisch gesteuert werden ... http://www.bookrix.de/_title-de-andreas-buechel-als-mayloveheal-ascende-maima-perma-und-mary-das-lebensschiff ... auch werden in dieser fantastischen geschichte jedem menschen die werkzeuge geschenkt, welche es ermoeglichen, moeglichst autark und kreativ sich mit dem zu versorgen, was einem gut tut ... 3d drucker um aus mikroalgen plastik gebrauchsgegenstaende zu erstellen ... aeroponische pflanzenzucht systeme um im eigenen wohnraum naehrende lebendigkeit zu kultivieren ... in meiner fantasie gehe ich aus von einer hohen effizienz und intelligenz der eingesetzten technologischen kreislaeufe, viele dieser systeme sind bereits erprobt und weit fortgeschritten, bereit zur massenproduktion und zum ersetzen der ineffizienten verschmutzenden brachialen ablaeufe... andere hingegen wie antigravitations flug antrieb sind noch experimentell, koennten aber mit genuegend aufmerksamkeit und foerderung schnelle fortschritte machen. ...»

von geist am 18.03.2013

«in eine vergleichbare richtung scheinen mir iall die crowd-funding-projekte zu sein, zugegeben vor allem im bereich der computerspiele. hier geht es oft um spiele, die fuer den mainstreammarkt zu sehr nischen sind, meist weil zu wenig ballern, zu viele handlung und story. :) ich moechte jedenfalls auch an das gute der masse glauben.»


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