Beitrag vom 03.01.2013

Nützlich ins neue Jahr

Alles Gute für den Start ins neue Jahr wünschen wir allen Besucherinnen und Besuchern dieser Seite! Gerade ist die Oya 18 ausgeliefert worden, und wir sind gespannt auf Feedback. Ein paar erste Artikel sind hier schon online gestellt. Als ich mir die erste Oya 18 von der Palette mit der Lieferung nach Klein Jasedow genommen und durchgeblättert hatte, erschienen mir die ersten Seiten des Fokus-Teils doch als sehr »schwere Kost« für einen Start ins neue Jahr – vor allem das Interview mit Dennis Meadows, einem der drei Autoren des Reports »Die Grenzen des Wachstums« aus dem Jahr 1972. Im vorigen Jahr feierte das Werk 40jähriges Jubiläum. Bis auf die letzte Spalte des Interviews, das Geseko von Lüpke geführt hat, kann er Meadows nur resignierten Klartext abringen, kein positives Wort fällt über die Zukunftschancen der Zivilisation. »Ich glaube, es spielt heute keine große Rolle mehr, welche Haltung man einnimmt. Derzeit übernimmt das natürliche System die Kontrolle über unsere Lebensbedingungen. Da machen Haltungen keinen großen Unterschied mehr,« sagt Meadows da beispielsweise. Brrrr – die Einsicht in die Begrenztheit der Macht des Menschen ist fundamental wichtig, aber es ist hart, mit anzusehen, wie zentrale Pioniere der Nachhaltigkeitsbewegung, die ihr ganzes Leben für den Wandel eingesetzt haben, heute derart fatalistisch werden. Erst mit der letzten Frage gelingt es Geseko, seinem Interviewpartner eine positive Aussage abzuringen: »Mein persönlicher Ratschlag? Pflanzt Gärten! Oder beteiligt euch an einem Gemeinschaftsgarten. Ich grabe, säe und ernte selbst. Man wird Sebstversorger und bekommt ein Gefühl für natürliche Kreisläufe, anders, als wenn man nur Bücher über Ökologie liest.«

In der englischen Langfassung des Interviews liest sich die Passage so:
»Grow a garden. That is a recommendation on a personal level. If you don’t have a garden in your own place then go to a communial garden. I am actually  spending quite a bit of time now developing community gardens in the United States. I am actually out there pounding the boxes and putting the dirt in there. Grow a garden! It gives you a connection with natural cycles, that you don’t have if you only read about ecology.«

Diese Aussage hat mich während der Arbeit an Oya 18 sehr bewegt. Wenn so etwas Einfaches und Schönes das Resümee der Arbeit eines so renommierten Zukunftsforschers ist, frage ich mich: Warum all die Umwege, warum all die Spiralen der Resourcenvernichtung, die schon mit in der Eisenzeit  begonnen haben, um bei so etwas simplen anzukommen wie der Einsicht, dass die Menschheit die »ultimative Gärtnerspezies« ist, wie Ralf Otterpohl sich in seinem Gemeinschaftsartikel mit Hermann Paulenz über die Utopie von produktiven »Gartenringdörfern« ausdrückt. Warum sind wir nicht zufrieden damit, Gärten zu pflanzen, ohne irgendetwas kaputt zu machen? Braucht es wirklich 10.000 Jahre oder gar noch mehr, bis die Menschheit begreift, wie sie zu fruchtbarer Erde und einer reichen Biodiversität beitragen kann, statt blindwütig so viel wie irgend möglich auszubuddeln und zu verheizen, was die Planetin hergibt? Die Ratlosigkeit angesichts der Unausweichlichkeit des Klimawandels und des Schwindens der Lebensressourcen erlaubt, diese einfachen, basalen Fragen zu stellen, ohne als dumm und naiv dazustehen.
Vielleicht ist das »neue Paradigma«, von dem so viel die Rede ist, ein ganz einfaches:  »Nützlich sein, statt übernutzen.« So haben wir die neue Oya genannt, denn es schien uns ein guter Leitsatz für einen positiven Start ins Jahr 2013.

Wolfgang Pekny schreibt in seinem Artikel zum ökologischen Fußabdruck, was in den vergangenen Jahren immer wieder gesagt wurde: »Um die Übernutzung zu beenden und zugleich dem Gros der Passagiere im ›Raumschiff Erde‹ ein menschenwürdiges Dasein zu ermöglichen, braucht es eine weitere ›große Transformation‹, einen Wandel, der jenem der neolithischen und industriellen Revolution um nichts nachstehen wird.«

Solche Sätze vermitteln den Anschein, der Weg zu einem guten Leben mit einem fairen Anteil Welt sei eine so komplexe Angelegenheit, die jegliche Vorstellungskraft sprengt. Und um zu zeigen, dass es in der Tat derzeit für MitteleuropäerInnen unmöglich ist, sich auch bei noch so bewusstem Verhalten der Übernutzung zu entziehen, haben wir auf einer Doppelseite vor Wolfgangs Artikel den ökologischen Fußabdruck einer ökobewussten Vegetarierfamilie illustriert. Er würde die Ressourcen von 1,8 Erden benötigen, würden alle Menschen so leben. Aber nicht, um das neue Jahr mit Resignation beginnen zu lassen, sondern um den Blick scharf zu stellen: Reduzieren im üblichen Rahmen der Konsumgesellschaft erlaubt noch lange nicht den Sprung ins »Nützlich sein«.

Dieser Sprung ist etwas Radikales, was den Vergleich der anstehenden Transformation mit der neolithischen Revolution durchaus passend erscheinen lässt. Johannes Heimrath versucht, ihn zum Abschluss seines Auftakt-Essays »Augen aufreißen!«, in Worte zu fassen.
»Die Augen aufzureißen, bedeutet, dass man auch seine inneren Mechanismen überprüft und erkennt, wie tief die kapitalistische Kolonisierung im eigenen Kopf ankert. Es kostet Mut, die Dinge nicht mehr schönreden oder durch irgendwelche Maßnahmen neue Ordnungen erzwingen zu wollen – was das bekannte Alte ist. Gelingt uns das, sind wir in der Lage, das Gute, das wir vom Leben für uns selbst und für die kommenden Generationen erwarten, in die rechte Beziehung zum Gegenwärtigen zu setzen. Dann kann – parallel zum niedergehenden Alten – erblühen, was lebenswert ist: die Fähigkeit, sich selbst und die Menschen im überschaubaren Lebensraum gesund, köstlich und festlich zu versorgen, ohne Wohlstandsmüll anzuhäufen; die Vielfalt an Fähigkeiten der mit uns lebenden Menschen zu genießen, ohne in neuen Industrien zu denken; die Freude, mit einem sinnvollen Beitrag dem Ganzen dienen zu können; die Achtung und Wertschätzung der Gemeinschaft zu erfahren, die mich in all meiner Größe, Weisheit, Narretei und Hinfälligkeit anerkennt und trägt. Wir werden den leichten, leisen Tritt mehr schätzen als das auftrumpfende Stampfen der Fortschrittsstiefel, seien sie rot, schwarz oder grün, deren Abdruck so groß ist, dass unsere nackten, tanzenden Füße viele Male hineinpassen.«
Caroline Claudius beschreibt den Sprung ins Nützlich sein als »Perspektivwechsel um 180 Grad« in ihrem Aufruf »Frag doch deine Mutter!« in der Oya 18 als »bionisches Abenteuer«: Sensibiltität entwickeln für die Zeichen und Sprache der Natur und eine lustvolle Kreativität in der Übertragung dieser Codes in unser Verhalten.
Martin Stengel und Silke Hagmaier haben sich schon 1999 mit dem »Club 99« in Sieben Linden in ein bionisches Abenteuer gestürzt und ein Leben ohne Elektrizität in selbstgebauten Strohballenhäusern erprobt. Allerdings mit der Idee, mit solchen Beispielprojekten »die Welt zu retten«. Heute erkennen sie, dass sie damit im alten Machbarkeitsdenken verhaftet geblieben sind und »… die Welt, wie wir sie kennen und wie sie der Cub 99 noch retten wollte, wohl nicht zu retten sei.«
Genau das scheint mir das Einstiegsmoment ins wirkliche bionische Abenteuer - wenn das Loslassen der Weltrettungsgedanken eben kein Grund zur Resignation wird, sondern der Absprung in etwas Neues – ein demütiges aber zugleich lebensfrohes Zugehen auf die Welt, wie sie wirklich ist, ohne die fixe Idee, der Mensch könne sie jemals in den Griff bekommen, sei es als Zerstörer oder als Retter. Silke Hagmaier beschreibt es so: »Der Wandel, der seit mehreren Jahren in mir stattfindet, ist der, dass ich dem Leben in seiner Gesamtheit mehr vertraue. Ich habe erfahren, dass das Leben intelligenter ist als ich und dass ich selber nicht immer weiß, was für mich das Beste ist. …. Es kommen Projekte und Ideen, die ich mir so alle nicht unbedingt gewählt hätte: Zum Beispiel werde ich gerade Gemeinderatsmitglied als Vertretung des Ökodorfs, ich setze mich für eine Potenzialentfaltungsschule ein, ich möchte ein regionales Humusbündnis mit anschieben. In meinem Bezug zur Welt schwindet mein Bedürfnis, etwas wegmachen zu wollen. Ich bin keine Weltretterin mehr, weil ich gar nicht weiß, was die Welt braucht. Woher soll ich es auch wissen, wo ich es ja anscheinend noch nicht einmal für mich selbst wirklich weiß? Paradoxerweise kann ich mich dadurch noch tiefer in den Dienst des Lebens stellen.«

Solche Haltungen sind eine echte Alternative zum Fatalismus, wie er auch aus dem Interview mit Jørgen Randers, dem zweiten noch lebenden Mit-Autor von »Die Grenzen des Wachstums«, spricht. Anders als Dennis Meadows, der es nicht mehr für sinnvoll hält, Zukunftsprognosen aufzustellen, versucht Randers mit seinem mutigen Buch »2052. Eine globale Prognose für die nächsten 40 Jahre« noch einmal, die Menschen aufzurütteln. Aber die Chance, dass er gehört wird, schätzt er gleich Null und sagt das unverblümt seiner Interviewpartnerin, Caroline Claudius, die ihn aus der Perspektive einer Mutter eines kleinen Kindes befragt. Wenn seine Lesereisen und Vorträge aufgrund der Buchveröffentlichung beendet sind, wird er sich in sein norwegisches Winterhaus zurückziehen, still dem Klimawandel zusehen und sich bei Spaziergängen durch noch verbliebene, unzerstörte Natur daran üben, nicht zu verzweifeln.

Die beiden Interviews mit Dennis Meadows und Jørgen Randers waren für die Oya 18 nicht von langer Hand geplant, sondern haben sich spontan ergeben. Aber als sich diese Möglichkeit eröffnete, war uns klar, dass wir die Ausgabe 18 bewusst als Meilenstein in der Diskussion über die Grenzen des Wachstums gestalten möchten. Geseko von Lüpke zollt auch der bereits vor zehn Jahren verstorbenen Haupt-Autorin des Werks in einem Porträt Tribut: Donella Meadows. Sie hat als Konsequenz ihrer Forschungen in den USA ein Ökodorf gegründet und dort 26 Jahre eine Farm geführt. Würde sie heute noch leben, wäre sie bestimmt nicht resigniert. Sie wäre vielleicht eine Großmutter in einer Wahlfamilie, die längst auf dem Weg ist, herauszufinden, wie ein gutes Menschenleben auf einem kleinen Planeten möglich ist.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 03.01.2013

4 Kommentare

von Martin Garms am 08.01.2013

«Ich fand die aktuelle OYA auch schwere Kost, und war etwas enttäuscht - hat mich eure Zeitschrift doch immer wieder ermutigt und konkrete Kontakte zu interessanten Initiativen hergestellt. Ich entdecke gerade die Bücher von Charles Eisenstein, die ich euch sehr ans Herz lege, ich kenne keine fundiertere Analyse der Ursagen der kulminierenden Krisen, und er hat dennoch eine tief optimistische, ermutigende, spirituelle Sicht, die nicht verurteilt. Das ist es, was wir brauchen. Wir haben einen Lese- und Diskussionskreis gegründet, um seinen umfassenden Ideen zu diskutieren. Und wir möchten die Konsequenzen umsetzen - und haben als ersten Schritt einen wöchentlichen Brot-Backtag mit 17 Leuten aus unserer Nachbarschaft mit dem eigenen Holzbackofen kreiert. Da wird direkt spürbar, was soziale Rendite bedeuten kann- wir haben Spass, machen etwas zutiefst sinnvolles, sehen uns viel öfter und verbinden uns jede Woche. Das beste Mittel gegen Krisenängste! Von OYA würde ich mir wünschen, dass ihr eure Perspektive nicht zu klein wählt und mehr aus der internationalen Szene berichtet. Schliesslich hängen wir alle global zusammen. Liebe Grüße von Martin Garms, Verleger & Gemeinschaftsmitglied»

von Lara am 08.01.2013

«Lieber Martin, danke für deine Anregung! Die Oya 20 wird eine recht internationale Ausgabe werden - wir halten im Moment Ausschau nach gelingenden Gemeingüter-Projekten in anderen Ländern Europas und sind schon durch die Recherchen zu Oya 17 auf einige gestoßen. Das ist wirklich eine internationale Bewegung. Charles Eisenstein haben wir auch mit Interesse gelesen, insbesondere http://charleseisenstein.net/books/sacred-economics. Leider hat es aus verschiedenen Gründen nicht geklappt, ihn letztes Jahr in Hamburg zu treffen, aber ich denke, der Kontakt kommt sicherlich noch zustande. Schön, euer Holzofenprojekt! Solche Dinge sind so einfach und bewirken doch so viel. Wir hoffen, dass die Oya 18 doch letztlich dazu anregt, keine Krisenangst zu bekommen, sondern genau solche naheligenden Dinge zu tun - mit gesteigertem Selbstbewusstsein, wie wichtig sie sind :)»

von Lara am 12.01.2013

«Noch eine Anmerkung: Gerade habe ich einen Artikel des Guardian-Kolumnisten George Monbiot empfohlen bekommen http://www.monbiot.com/2012/12/31/annus-horribilis/ Er fasst dort einige der Schrecklichkeiten zusammen, die im Jahr 2012 immer deutlicher hervorgetreten sind und beschreibt es deshalb als "annus horribilis". Dagegen erschienen mir unsere Oya-Artikel fast noch harmlos, vielleicht immer noch zu harmlos sogar. Ich glaube, wir alle, die Oya-Redaktion inkusive, kriegen immer die Augen und Herzen noch nicht weit genug auf, um wirklich zu sehen, zu spüren und an uns heranzulassen, was gerade abläuft, was wir gerade historisch erleben in dieser Phase des wildgewordenen Industriezeitalter. Da wirklich hinzuschauen und parallel trotzdem die "andere Geschichte" zu erzählen, darum geht es vielleicht. 2012 war für mich kein schreckliches Jahr war, sondern zum Beispiel das Jahr, in dem der große Commons-Reader von Silke Helfrich erschienen ist als Leitfaden für eine "Neue Politik Jenseits von Markt und Staat", der das Allmende-Paradigma greifbar macht, in dem es das erste Oya-Festival gab, und in dem wohl so viele Gemeinschaftsgärten und CSA-Initiativen aus dem Boden geschossen sind, wie noch nie zuvor. Die schöne und die schreckliche Geschichte parallel erzählen, das geht vielleicht gar nicht, aber es scheint doch der einzige Weg.»

von dominik werner am 05.03.2013

«'Die schoene und die schreckliche Geschichte parallel erzaehlen, das geht vielleicht gar nicht, aber scheint doch der einzige Weg.' Ich denke bei diesem Satz unweigerlich an Joanna Macy, die u.a. in einem Interview mit Geseko von Luepke, davon spricht, dass wir Menschen heute Sterbebegleiter einer alten Kultur und gleichzeitig Geburtshelfer einer neuen Kultur sind. Diese gleichzeitigkeit von Sterben und Geburt zu fassen und sich aktiv in beidem zu bewegen empfinde ich als unglaubliche Herausforderung und Bereicherung... »


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