Beitrag vom 16.11.2012

Im Schloss der Ahnungsvollen

Vom 26. bis 28. Oktober fand in dem wunderschönen Schloss der Evangelischen Akademie Tutzing die Tagung »DIY – Do it yourself Kulturen – Räume und Netzwerke postindustrieller Produktivität« statt. Veranstalter war die Akadmie und  »Stiftungsgemeinschaft anstiftung & ertomis gemeinnützige GmbH«, und Oya war Medienpartner.

Die Tagung wollte keine Katastrophenszenarien heraufbeschwören, sondern kreative Zukunftswege vorstellen. Ich glaube, es ging, um mal Soziologinnenterminologie zu verwenden, um die »soziale und kreative Diffusion der Gesellschaft mit Denk- und Verhaltensweisen für ein nachhaltiges, enkeltaugliches und gutes Leben«. »Diffusion« meint hier wirklich die »Durchdringung« der Gesellschaft mit Denkprozessen und Verhaltensweisen, die in eine lebenswerte Zukunft führen. 

Das Fazit dieser drei Tage, die für mich sehr spannend waren, lässt sich vielleicht mit diesem Satz umreißen: Wir, ja alle – und das bedeutet auch ich –, sollten schleunigst vieles in unserem Leben grundsätzlich anders machen: (konsum)reduzierter, netzwerkbasierter und netzwerkorientierter leben. Letzteres ist eine schöne Umschreibung für »im Nachbarschafts-. Freundes- und Bekanntenkreis leihen, schenken, teilen und tauschen«, als hipper, cooler Mensch sagt man neuerdings auch ›DIT – Do It Together‹ dazu. Jede und jeder kann dabei kreativer und fröhlicher ein »gutes Leben« leben, als in der bisherigen Konsum-Mühle. Das klingt einfach, und ist bei Licht betrachtet auch einfach, zum Beispiel künstlerisch und handwerklich tätig sein und dabei kräftig feiern – das ist  menschenfreundliches und artgerechtes Handeln.

Ich mag die Sprache, mit der ich aufgewachsen bin, und ich frage auch sehr oft in Gesprächen: »Wie meinst du das?«. Wenn sich allerdings Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler treffen, hier auf der Tagung waren es neben Künstlern, Projektemacherinnen und Pädagoginnen vor allem solche aus Bereichen wie Soziologie, Wirtschaftswissenschaften oder Politologie, wird erst mal über »Verortung« des Themas und »Begriffsdefinition« gesprochen. Irgendwann ging es aber los mit der Vorstellung von Projekten die jede Menge kreativen Sand im Getriebe produzieren und in Hülle und Fülle an jeder Hausecke wachsen, sprießen, sprudeln, so dass mit der Hand greifbar durch die Luft waberte, was die Veranstalter mit »Diffusion der Gesellschaft vorantreiben« meinten.

Die auf dieser Tagung vorgestellten Projekte, Gruppen, Ideen, Netzwerke für ein enkeltaugliches Leben auf diesem Planeten sind erstaunlich durchdacht, wirklich begeisternd und ein Lebensqualitätsgewinn. Ein gutes Leben bedeutet Vielfalt, und das konnten diese Projekte wirklich zeigen. 

Da waren zum Beispiel Stadtteilgärten mit unterschiedlichen Konzepten. Mal liegt ihr Schwerpunkt auf der Inklusion unterschiedlichster Menschen und Szenen im Stadtteil, mal steht Selbstversorgung im Vordergrund. Mal sind sie als GmbH strukturiert, mal als Konsensentscheidungs-Experiment, mal mit, mal ohne Strom, mit oder ohne Geld, mal mit zugesicherter Zukunft für ein Jahr oder gar länger, mal ohne Zukunft, mal zu zweit oder zu achtzigst organisiert. Selbstverständlich stellten sich auch Transition-Town-Gruppen vor ebenso wie Tausch- Leih- Schenk-, Umsonst- regale, -läden, -kisten, -freiflächen und vieles mehr.
Besonders beeindruckt hat mich das Kartoffelkombinat dass als großes Fernziel vorgibt, miteinander  »den Kapitalismus zu verlernen«. Erreichen möchten die Projektmacher das, indem sie eine Bio-Gemüsegärtnerei als Genossenschaft übernehmen und sich so mit eigenen, regionalen Lebensmitteln versorgen. Durch diese Erntegemeinschaft machen sich die Genossenschaftsmitglieder zumindest auf dem Bereich der Ernährung unabhängig von Industrie- und Konsumstrukturen und bestimmen selbst, was und wie angebaut wird. Hierzu gründeten zwei ambitionierte, freundliche, sympathische, kluge, junge Menschen, Daniel Überall und Simon Scholl 2011 das Kartoffelkombinat, also eine Solidarische Landwirtschaft  nach dem Modell »Community Supported Agriculture«, kurz CSA.
Bei der Vorstellung des Projekts fiel auch folgendes  Zitat: »Das Kartoffelkombinat ist für Leute gedacht die wir ›die Ahnungsvollen‹ nennen.«  
Es wurde offen gelassen, wer oder was die »Ahnungsvollen« sind. Das fand ich großartig, denn ich hatte sofort Bilder dazu im Kopf von Menschen, die doch eigentlich wissen, dass Müll trennen nicht reicht, die doch eigentlich wissen, dass an Pomelos aus China und Tomaten aus Holland etwas nicht stimmen kann, und die doch eigentlich spüren, dass an Billigsocken von H&M das Blut von arbeitenden Kinderhänden klebt. In meinem Kopf imaginierten sich ganz viele Baumfällgegner, Stromanbieterwechsler, Massentierhaltungs-Dagegenseierinnen und -seier, Öko-Supermarktkunden, wie es sie millionenfach weltweit gibt. Alle diese Menschen sind – für mich – unter dem Begriff »die Ahnungsvollen« gemeint, und alle sollten Genossenschaftsmitglieder bei Kartoffelkombinat oder etwas ähnlichem werden und sich auch überlegen, wie sich über Ernährung hinaus auf solche Weise für die lebenswichtigen Dinge sorgen lässt. Auch in diese Richtung gibt es schon Ansätze, es wurde auch ein Projekt, langlebige Kleidung lokal herzustellen, vorgestellt.

Ein ganz anderes Beispiel, wie man kreativen Sand ins Getriebe streuen kann, sind die Antennenbastler, die im Berliner Kiez für schnelleres Netz und bessere Verbindung sorgen. Dann gibt es Leute die sich wagemutig an leere Räume (das wichtigste in der Musik ist die Pause!) wagen und an offene Werkstätten. Und auch das Projekt, alleingelassene Alleepflaumenbäume zu beernten oder seine Bohrmaschine in die Berliner Leilädin »Leila« zu bringen, sind Schritte in die gesellschaftliche Diffusion!

Ich kenne solche und ähnliche Netzwerke, Ideen Projekte schon seit ich als Jugendliche in einem Jugendzentrum die Wichtigkeit von Netzwerken, Kreativität, Schenken, Tauschen, Leihen, subversivem Feiern, leerem Raum und Wissensvermittlung durch Vorleben und Handeln vermittelt bekam und später als alleinerziehende Mutter, war Leihen, Tauschen, Schenken eine Selbstverständlichkeit und ein stabiles soziales Netzwerk ohne Übertreibung auch streckenweise überlebenswichtig. Als Mitarbeiterin der Zeitschrift Oya ist noch mehr Vielfalt der Möglichkeiten und das »deeper meaning«-Moment – die dadurch stattfindende (Weiter-)Entwicklung der Gesellschaft – dazugekommen. Um diesen tieferen Zusammenhang deutlich zu machen, das macht für mein Empfinden so eine Tagung zu einer wichtigen Veranstaltung, und die Fülle und den Reichtum an Ideen, Machern, Kümmerer, Umsetzerinnen, Phantasten und Künstlerinnen und Handwerkerinnen und Loslegern macht mich optimistisch.

Aber wenn mir jemand (ein Tagungsteilnehmer, kein Referent) erzählt, in der Stadt kann man Krisensituationen besser als auf dem Land überstehen, lediglich die Energieversorgung und die Nahrungsversorgung ist ein Problem, ansonsten ist in der Stadt alles besser –  komme ich doch sehr ins Grübeln: Ohne Brunnenzugang haste keine Wasser, ohne Wiese haste keinen Fläche zum Anbau und kein Platz für dein (Milch)-Vieh und ohne Wald haste kein Bau- und Brennholz. Wer in der Stadt hat all das? Hm, ich nicht. Dann kannst du (und ich!) im Zweifelsfall zusammen mit deinem großflächig angelegten, dicht gewebten und liebevoll gepflegten sozialem Netzwerk verdursten, verhungern und erfrieren …

Abgesehen davon fielen – zum Glück! – die Stichworte »Resilient City«, also krisenfeste oder widerstandsfähige Stadt und »Resilient Food Plan«, also krisenfester oder widerstandsfähiger Ernährungsplan. Trotzdem finde ich: Das Leben, egal wo man lebt/haus/wohnt, ist aber derzeit und auch in absehbarer Zukunft alles andere als krisenfest. Schon gar nicht in der Stadt. 

Da hat Silke Helfrich, die in Deutschland und weltweit die Gemeingüter-Bewegung voranbringt, schon jede Menge Ideen im Gepäck, wie eine postindustrielle Gesellschaft  ganz konkret gestaltet werden kann, aber welche Kraft in der Commons-Idee eigentlich steckt, ist für mein Gefühl auf der Veranstaltung etwas untergegangen. (Buchtipp: »Commons. Für eine neue Politik jenseits von Markt und Staat«, transcript Verlag). Dass Niko Paech, Wirtschaftswissenschaftler und Leuchtturm in der Diskussion über eine Postwachstumsökonomie, kein Provokateur mit Endzeitstimmung ist, sondern viele konkrete Ideen hat für ein postindustrielle Ökonomie, kam auf der Tagung auch nicht ganz an die Oberfläche durch. Theorie und Praxis der ersten Ansätze zu einer gemeingüterbasierten Ökonomie, die mit dem zerstörerischen Wachstum aufhört, geben kein homogenes Bild ab, aber vielleicht liegt in der Vielfalt gerade eine Stärke, nämlich dass es hier nicht um eine neue Ideologie geht.

Noch etwas Wichtiges, was ich von dieser Veranstaltung mitgenommen habe: Die Erde – und die Stadt schon gar nicht –  ist keine »Ressource« mit der man »nachhaltig«, »enkeltauglich« »sparsam«, »schonend« oder gar »vernünftig«  umgehen sollte – die Erde und die Stadt in der ich und du lebe, das bist du und ich! Geh mit dir und deinem Umfeld enkeltauglich, schonend und vernünftig um, dann ist das schon mal ein guter Anfang!

Im Moment ist DiY vor allem smart, hip und cool. Eine Tagungsteilnehmerin, mit der ich sprach, ist Fotografin, die ihre Fotodiplomarbeit über Selbstversorgergärten in den Hochhaussiedlungen am Rand von Porto in Portugal gemacht hat. Bei diesen Gärten geht es um »baue Gemüse und Obst an oder du verhungerst«. Das wurde meiner Meinung nach zu wenig beleuchtet, wie sehr wir an Erde und Wasser gebunden sind um leben zu können. Darauf kommt es letztlich an.


Linkliste:
Ev Akademie Tutzing
http://web.ev-akademie-tutzing.de

Anstiftung Ertomis
http://www.anstiftung-ertomis.de

Prinzessinengarten:
http://prinzessinnengarten.net

O Pflanzt is:
http://www.o-pflanzt-is.de

Workstation Berlin:
http://www.workstation-berlin.org

Leihladen "Leihlädin" - Berlin
http://www.leila-berlin.de

Kartoffelkombinat - München ist ein Dorf:
http://www.kartoffelkombinat.de

Transition Town Hannover:
http://www.tthannover.de

Mundraub.org:
http://www.mundraub.org

Verbund offener Werkstätten:
http://www.offene-werkstaetten.org

Modeagentur und Produktionsstätte Berlin:
http://common-works.org

Offene Werkstatt und Materiallager in Berlin:
http://www.kunst-stoffe-berlin.de

Hat einen Vortrag über den Unterschied zw. ländlicher und urbaner Struktur gehalten:
Andreas Willisch vom 
http://www.pestel-institut.de

Künstlerische Auslegung und Zugang zu der Frage wie man die Welt zu einem guten Ort für alle machen kann: der Künstler Jay Cousins:
http://jaycousins.wordpress.com

Silke Helfrich
http://commonsblog.wordpress.com

Niko Paech
http://postwachstumsoekonomie.org

geschrieben von Mira Kretschmar
am 16.11.2012

1 Kommentar

von Liane Laschtuvka am 12.01.2013

«Liebe Mira, in Tutzing war ich dabei und habe Euch mein Buch "Wollen wir so leben" mitgegeben. Nun wollte ich mal fragen, wo es gelandet ist. Kann dazu ein Artikel in der Oya erscheinen, soll ich etwas schreiben oder... Herzliche Grüße Liane Laschtuvka»


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