Beitrag vom 06.11.2012

Film über das Oya-Festival online

In der Ausgabe 17 von Oya haben wir es schon angekündigt, und seit gestern ist er online: Der kleine Film mit Impressionen und Interviews zum Oya-Festival 2012, das vom 7. bis 9. September in Klein Jasedow stattgefunden hat. Es war das erste größere Festival in in diesem kleinen Dorf – entstanden aus der Idee, Oya-Leserinnen und Leser an den Ort einzuladen, an dem die Zeitschrift hergestellt wird, um gemeinsam zu feiern und sich zu vernetzen. In Klein Jasedow wird nicht nur im Büro der Human Touch Medienproduktion, der Software-Schmiede WebJazz und des Drachen Verlags die Zeitschrift Oya produziert, hier steht auch das »Klanghaus« der Europäische Akademie der Heilenden Künste, die unter anderem Konzerte und Weiterbildungen im Bereich Musiktherapie und Instrumentalmusik bietet. Die Akademie war Trägerin des Festivals, und damit kamen zwei Impulse zusammen: Oya als ein Forum für vielfältige praktische Projekte und Diskussionen rund um den Wandel hin zu einer lebensfördernden Gesellschaft und die Akademie als ein Freiraum und Lernort für künstlerische Entwicklung. Das befruchtet sich gegenseitig, denn was ist die Erfindung neuer Lebens-, Wirtschafts- und Politikformen anderes als ein künstlerischer Prozess? Das Oya-Festival sollte vor allem ein Raum für kreative Prozesse sein, für die wir verschiedene »Orte« vorbereiten hatten: Einen Ort fürs Geschichtenerzählen unter einem alten Apfelbaum, einen Platz in der Nähe des Klein Jasedower Sees zum Musikmachen auf elementaren Instrumenten, direkt am See einen Ort für begehbare Klangskulpturen und auf einer ebenen Wiese vor dem Klanghaus einen Ort für Bewegung und Tanz. Ein Teil der Campwiese sollte dem Spielen gewidmet sein, ein anderer der Kommunikation und Vernetzung und ein weiterer Bereich dem Kochen. Die benachbarte Wiese war als Ort für philosophische Gespräche gedacht, und wer genug vom Sprechen, Spielen, Kochen und Tanzen hatte, war an einen stillen Ort in einem versteckten Erlenhain an einem kleinen Brackwasser des Sees eingeladen.
Auch wenn es anstrengende Knochenarbeit war, hatte es etwas Festliches, diese Plätze in der Woche vor dem Festival vorzubereiten. Ein Dutzend Oya-Freundinnen und Freunde haben uns dabei geholfen. Die ersten kamen schon am Wochenende vorher, darunter auch Georg Dietzler, bildender Künstler und Kurator, mit dem wir in der Konzeptionsphase des Festivals viele inspirierende Gespräche geführt hatten. Jeden Tag kamen weitere Helferinnen und Helfer hinzu. Wir haben stundenlang Heu von den großen Wiesen abgerecht, Hinweis-Schilder gemalt, Kompostklos hegerichtet und schubkarrenweise das Fallobst unter dem großen Augustapfelbaum abgesammelt. Die aufwendigste Aktion forderte der Platz der Musik, er stand zu Anfang der Vorbereitungswoche noch voller abgemähter Brennesseln. Seit Jahren hatten wir Klein Jasedower die Idee, dort einen Steinkreis zu bauen, große Steine lagen aus der Baugrube für die Erdwärmeheizung des Klanghauses schon bereit. Aber erst am Montag Abend der Vorbereitungswoche kam der Impuls: Wenn nicht jetzt, wann dann? Dienstag Mittag war er fertig.

Von Tag zu Tag wuchs unsere Vorfreude, mit dem Festival Leben in die wunderbaren, verschwiegenen Orte rund um den Klein Jasedower See zu bringen, an denen wir im Alltag viel zu wenige Zeit verbringen. Zugleich wuchs mit jedem Tag die Sorge, ob unsere Infrastruktur für die vielen Gäste denn ausreichen würde, denn täglich meldeten sich weitere Besucher an. Bestimmt hatten wir irgendetwas fundamental Wichtiges vergessen ... Kurz entschlossen hatten wir schon zwei Kompost-Toiletten mehr besorgt, und Oya-Redakteur Jochen Schilk aus dem Nachbarort Papendorf organisierte die gesamte Sanitär-Technologie, zu der sogar ein Spiegel an der Wand der Klo-Häuschen gehörte. Dort gab es auch ein Open-Air-Waschbecken, aber das war es auch schon mit Badezimmer-Infrastruktur. Würden alle mit solch rudimentärem Komfort zurechtkommen? Beruhigend war, dass Wam Kat, unser Festival-Koch, die gesamte Küchen-Infrastruktur mitbringen würde, und der hatte schließlich schon Hunderte von Demos und Konferenzen mit Tausenden von Menschen bekocht. Aber würde Wam selbst eigentlich kommen? Auf seinem Blog war zu lesen, dass er gerade für den Good-Food-March in Brüssel kochte, und per Mail war er nicht erreichbar. Und was machen wir mit den Erdwespen-Nestern auf dem zukünfigen Festival-Parkplatz und unmittelbar neben dem zentralen Feuerplatz? Die Übung, in den Fluss der Dinge zu vertrauen, war für alle aus dem Vorbereitungs-Team immer wieder herausfordernd. Ich bewunderte, wie Beate Küppers mit ihrer Engelsgeduld täglich zig Telefonanfragen von Teilnehmern, die ihre Anreise planten, beantwortete.  Ab Donnerstag nahmen wir die ersten anreisenden »Platzhüterinnen und Platzhüter« in Empfang – so nannten wir die Menschen, die sonst als »Referenten« bezeichnet werden. Aber wir hatten ja kein Festival mit Workshops und Vorträgen geplant, sondern befreundete Künstlerinnen und Künstler sowie Oya-Autorinnen und Autoren gefragt, ob sie die verschiedenen Orte des Festivals betreuen – eben »Platzhüter« sein wollten. Für uns war es ein besonders festlicher Moment, als Freitag Mittag bis auf zwei später Anreisende – Claus Biegert und Insa Winkler – alle von ihnen unter dem großen Sonnensegel auf der Campwiese zusammensaßen, während Wam Kat nebenan seine Küche aufbaute.

Zwei Dutzend unserer wichtigsten Mitdenkerinnen und Mitdenker saßen hier im Kreis und lernten sich zum Teil erstmals gegenseitig kennen: Veronika Bennholdt-Thomsen, Silke Helfrich, Hildegard Kurt, Farah Lenser, Kerstin und Harald Polzin, Shelley Sacks, Heiner Benking, Marco Bischof, Georg Dietzler, Dieter Halbach, Geseko von Lüpke schreiben alle für Oya oder wirken bei Gesprächen mit (hier sind sie mit ihren wichtigsten Artikeln verlinkt). Zu den Platzhüterinnen und Platzhütern gehörten außerdem Künstlerinnen und Künstler aus dem Kreis der Akadmie: Beata Seemann, Klaus Holsten, Christine Simon und Johannes Heimrath, vier Musiker aus Klein Jasedow (Johannes ist unter anderem Oya-Herausgeber), die Bildhauerin Christina Rode, die Sängerin Imke McMurtrie, die Bewegungskünstlerinnen Heike Ried und Katja Wellenberg und den Tänzer Thomas Schallmann.  Gemeinsam würden wir nun die folgenden Tage gestalten und das kleine Dorf in eine große Zukunftswerkstatt verwandeln.
Am frühen Abend hatte sich die Hälfte der Campwiese mit Zelten gefüllt und eine weitere Wiese mit Wohnmobilen und Autos. Viele Gäste waren auch in den Ferienwohnungen der Region untergekommen. Menschen aller Altersstufen füllten die Campwiese: Jede Menge junge Leute – einige hatten wir durch die Ausgabe 14 von Oya »Welterben« dieses Jahr neu kennengelernt –, Familien mit Kindern genauso wie ältere Menschen. Trotz der nur rudimentären Infrastruktur erwies sich das Gelände als barrierefrei: Eine Besucherin, die auf ihren Rollstuhl angewiesen ist, wurde von anderen Festival-Gästen überallhin gefahren. Eine weitere Besucherin, die wegen einer Gehirnblutung mit 16 Jahren nur sehr langsam sprechen und schwer gehen kann, hatte ihren Rollstuhl mutig zu Hause gelassen. Sie fand immer einen Arm, um sich abzustützen, und half mit, das Abendessen zuzubereiten. Wam Kat hatte ein leckeres Gemüsecurry gekocht. Jetzt war die Aufregung verflogen, unser Experiment konnte beginnen.
Vor meiner Begrüßung aller Gäste auf der »Seebühne« vor dem Klangaus hielt unser Bürgermeister Fred Gransow eine Rede. Dass es ihn freue, dass so viele Menschen ihren Weg in die Gemeinde Lassan, zu der Klein Jasedow gehört, gefunden hatten. Dass es Mut mache, dass hier so viele über eine bessere Zukunft für unsere Enkel nachdenken, und dass er sich darüber freue, dass Klein Jasedow so viele schöne Beiträge in das kulturelle Leben der Gemeinde einbringt. Er wusste, dass diese Rede für uns viel bedeutete, denn die Klein Jasedower Lebensgemeinschaft ist über Jahre hinweg schmerzhaftem Mobbing ausgesetzt gewesen, auch von Seiten der Kommunalpolitik. Aber weil wir uns nicht zu den Feinden haben machen lassen, zu denen uns manche machen wollten, sind die künstlich aufgebauten Fronten in den letzten Jahren immer mehr abgebröckelt. Bei Fred Gransows Rede hatte ich das Gefühl, als fielen die allerletzten Steine dieser Mauer zu Boden. Dass er das bunte Oya-Völkchen mit offenen Armen willkommen hieß, war eine Geste, die über alle Vorbehalte und und unsichtbaren Mauern in der Gesellschaft hinweg reichte und die Magie des Gefühls »eine andere Welt ist möglich!« auf den Platz zauberte. Die Abendsonne schien über den See in die Gesichter aller Festival-Gäste, und es baute sich diese kraftvolle Schwingung auf, die uns über das Festival-Wochenende hin begleitet hat.
Johannes Heimrath stellte als Auftakt die Platzhüterinnen und Platzhüter vor, die alle deutlich machten, hier nicht als Stars eingeladen zu sein, sondern als Mitgestalter eines gemeinsamen Abenteuers. Dabei fing der Freitag Abend noch gar nicht sonderlich abenteuerlich an, sondern sehr sanft mit zwei Konzerten im Klanghaus.

Am Samstag sollte die kollektive Improvisaion an den verschiedenen Plätzen dann beginnen. Es kamen, vielleicht angelockt durch den strahlend blauen Himmel, auch viele Tagesgäste aus der Region, so dass wir am Morgen noch einmal das Konzept des Festivals erklären mussten: Alle waren eingeladen, die verschiedenen vorbereiteten Plätze zu besuchen und sich dort in den Prozess einzubringen, der mit allen Beteiligten dort beginnen würde. Wer zu einem anderen Ort wollte, konnte jederzeit wieder gehen, sollte sich dabei aber behutsam aus der Runde lösen und sich ebenso achtsam dem neuen Ort annähern.
Ich selbst war nicht für einen speziellen Platz verantwortlich, sondern eher Ansprechpartnerin für allgemeine Fragen. So konnte ich nach einiger Zeit, in der noch dies und jenes organisiert werden musste, das Geschehen beobachten. Am Platz der Vernetzung, den Farah Lenser und Heiner Benking betreuten, hatten sich an drei runden Biertischen schnell intensive Gesprächsrunden gebildet. Farah und Heiner arbeiten mit der Methode des »magischen runden Tischs«, an dem sich Menschen beim Sprechen gegenseitig mit Hilfe symbolischer Gegenstände Zeit schenken, so dass das Zuhören-Wollen anstelle des unbedingt-Sprechen-Wollens in den Vordergrund rückt. Das schien auch hier bestens zu funktionieren, denn von den Tischen kam die Atmosphäre eines wohlig brummenden Bienenschwarms, von viel Herzlichkeit und angeregtem Austausch. Auf der anderen Seite der Wiese hatte sich eine größere Gruppe am Ort des Spielens versammelt und war in eine experimentelle Performance vertieft: Die drei Platzhüter Kerstin Polzin, Künstlerin, Harald Polzin, Theaterpädagoge und der Künstler Stefan Krüskemper arbeiten mit verschiedensten Formen von interaktiven, küntlerischen Prozessen, Spiel und Theaterspiel. Gerade hatten sie zu einer ihrer »Strukturaufstellungen«, die Themen und Fragen spielerisch durch Raumpositionen sichtbar machen, eingeladen. Am Platz der Speisen hatten sich erst wenige an den Tisch gesetzt, um beim Vorbereiten des Mittagessens zu helfen, und so ertönte bald ein Trompetensignal, das genügend weitere Helferinnen und Helfer anlockte. »Am Essensplatz war es eigentlich am schönsten«, sagte mir später eine Teilnehmerin. »Wir konnten so viel erzählen, während wir Gemüse geschnippelt haben.« Es fühlte sich gut an, dass das Kochen hier keine »untergeordnete« Tätigkeit war, sondern auf einer Ebene mit den anderen künstlerischen und kommunikativen Orten wahrgenommen wurde. Um länger an einem Platz zu bleiben, zog es mich auf die Wiese, die wir für die Zeit des Festivals »Ort der philosophischen Kammermusik« genannt hatten, um dem Philosophieren, dem Nachdenken über Weisheit, das Akademische und Abstrakte zu nehmen. Zu meinem Erstaunen fand ich dort nicht viele kleine Gesprächsrunden mit den verschiedenen Platzhütern des Orts wie den Künstlerinnen Hildegard Kurt und Shelley Sacks, der Subsistenz-Forscherin Veronika Bennholdt-Thomsen, der Commons-Aktivistin Silke Helfrich, dem Wissenschaftsautor Marco Bischof, dem Künstler Georg Dietzler und dem Autor und Wildnispädagogen Geseko von Lüpke, wie wir es eigentlich angedacht hatten, sondern nur eine große Runde vor. Die Gruppe hatte gerade Experimente zum Thema »Gleichklang« angestellt und, von Johannes Heimrath angeregt, den erstaunlichen Effekt erkundet, dass vier Menschen mit ihren Zeigefingern einen fünften, der auf einem Stuhl saß, mühelos hochheben können, wenn vorher die vier Hebenden ihre Hände über den Kopf des Sitzenden gehalten haben. Ich kam in der Phase dazu, in dem die anfänglichen spontanen Beiträge und Experimente von einzelnen mit längeren Reden kommentiert wurden und sich Unruhe ausbreitete: »Wird das Gespräch jetzt von einigen kraftvollen Menschen in eine Richtung gezogen, die mich nicht interessiert? Wie kann ich mich einbringen?« Solche Fragen standen im Raum. Platzhüter und Moderator Johannes Heimrath hatte erwartet, dass es zu so einem Punkt kommen würde, und bot an, dass sich nun die Gruppe teilen könnte – und erstaunlicherweise passierte das nicht. Diese Gruppe wollte zusammenbleiben und gemeinsam durch einen Prozess gehen, auch wenn allen bewusst war, dass dies in einer Runde von 30 bis 40 Menschen viel schwieriger ist als in kleinen Kreisen. So ginge es um das »Wie« des Miteinander-Sprechens. »Wir haben inzwischen ganz gut gelernt, wie wir miteinander Musik machen, tanzen, kochen und feiern können, aber wenn es darum geht, gemeinsam zu denken, stehen wir noch ganz am Anfang«, sagte Hildegard Kurt. Gemeinsam mit Shelley Sacks machte sie deutlich, dass es etwas Besonderes ist, wenn bereits nach kurzer Zeit in einem Gesprächskreis das Diskutieren über Sachthemen endet und Raum für Reflexion über die Art zu Sprechen entsteht. Dies als Qualität und nicht als Mangel zu erkennen, inspirierte dazu, eigene Beobachtungen und Gefühle mitzuteilen, ohne die Mitteilungen der anderen zu bewerten. So entstand am Schluss der Runde ein Gefühl dafür, wie es ist, Gedanken wirklich zu teilen.


Während der Mittagszeit hatten einige offenbar noch lange nicht genug von Gesprächsrunden, denn es bildete sich ein Kreis, der zu einer Diskussion über das Thema »Neue Lernkultur« einlud. Alle in der Runde hatten einen ähnliche Traum: ein selbstorganisiertes Studium, in dem das Lernen an kreativen Orten stattfindet, an denen neue Ideen für eine »enkeltaugliche Welt« in die Tat umgesetzt werden. Manche waren schon auf dem Weg, diesen Traum als Alternative oder parallel zu einem konventionellen Studium zu verwirklichen. Andere, wie Christian Rauschenfels von der Sinn-Stiftung, waren dabei, Strukturen zu entwickeln, die Menschen aller Altersstufen auf so einem Weg unterstützen könnten. Seit wir in der Oya-Redaktion die Ausgabe 14 zusammen mit vielen jungen Autorinnen und Autoren erarbeitet haben, ist das Thema »Studium selbstgemacht« sehr präsent, und wir arbeiten zusammen mit der Sinn-Stiftung an einem Bildungsportal. Wo gibt es sinnvolle Lernwege, die nicht darauf zielen, ein möglichst gut funktionierender Teil einer lebensfeindlichen Wirtschaftsweise zu werden? Das treibt viele junge Menschen um, sie wollen sich vernetzen und Alternativen schaffen. Dass dieses Thema auch auf dem Festival sofort an die Oberfläche kam und viel Resonanz fand, war eine schöne Bestätigung, dass wir es weiter pflegen sollten.

Am Nachmittag begann die zweite Runde der »Orte«. Ich machte einen Spaziergang zum Geschichtenerzählerplatz und zu den Musizierenden im Steinkreis. Claus Biegert, Journalist aus München und Begründer des Nuclear Free Future Award, war mit Oya-Redakteur Dieter Halbach aus Sieben Linden einer der beiden Platzhüter des Geschichtenorts. Er saß vor dem modernden Stamm eines schon vor Jahren umgebrochenen Pflaumenbaums, der mit den grünen Augustäpfeln geschmückt war, in einem Kreis von Zuhörern, die bald ihre eigene Geschichte erzählen würden – ein Bild für die Götter. Ich traute mich kaum, zum Steinkreis zu schauen, um mich nicht vollends in einer unwirklich-schönen Märchenwelt wiederzufinden. Unten am See startete die Künstlerin Insa Winkler zu einem Spaziergang in das hügelige Seenland hinter dem Dorf. Sie hatte einen Erdbohrer dabei und lud dazu ein, die Erde und ihre Bewohner rund um das Dorf kennenzulernen – ein Social-Land-Art-Spaziergang. Am Land-Art-Platz selber waren in den Klangskulpturen von Christina Rode – wunderbar gestaltete hohle Baumstämme, die mit Saiten bespannt sind – beständig Menschen versunken. Zwischen all diesen Klängen und Stimen brauchten die Tänzer an ihrem Platz gar keine eigene Musik – sie tanzten mit allem, was in der Luft lag. Gegen Ende des Nachmittags, so wurde mir erzählt, hatten sie zu den Musikern im Steinkreis gefunden und dort eine gemeinsame Sternstunde erlebt.

Zurück auf der großen Campwiese war ich für einen Moment ein wenig unsicher, ob sich alle »aufgehoben« genug fühlten in diesem freien Fluss der Dinge, oder ob wir dem Ganzen doch noch mehr Struktur und Anleitung hätten geben sollen. Manche saßen seit dem Mittagessen immer noch auf dem gleichen Platz auf der Wiese. Aber auch das war völlig in Ordnung, machte ich mir bewusst. Es ging nicht darum, möglichst viel zu bieten und alle zu »bespaßen«, sondern um das, was an diesem Tag an diesem Ort aus allen beteiligten Menschen heraus entstehen wollte. Hier einen Schritt aus der Konsumkultur herauszugehen, war das (r)evolutionäre Experiment.
Am Platz der Spiele kugelten die Leute jetzt vergnügt übereinander. Die runden Tische vor dem Vernetzungszelt hatten sich nach einer Pause von selbst wieder gefüllt. Ich setzte mich in aller Ruhe mit Teresa Distelberger, die den »Garten der Generationen« in Österreich mit aufbaut, auf den Ast einer Erle an den See, und wir genossen es, Zeit zu haben, uns gegenseitig kennenzulernen. Nicht in ein Programm eingebunden zu sein, sondern frei entscheiden zu können, was gerade dran war – viele Festival-Gäste sagten mir gegen Ende des Tages, dass sie diese Freiheit sehr genossen hatten.

Als nach dem Abendessen die Campwiese wie leergefegt war und alle vor dem Klanghaus zu dem fulminanten Konzert der polnischen Weltmusik-Gruppe Dikanda tanzten, kam für mich einer der schönsten Momente des Festivals. Ich war auf der großen Campwiese, auf der vor einer Stunde noch Hunderte von Menschen zu Abend gegessen hatten, völlig allein. Die Dämmerung kam, und ich schlichtete neues Klaubholz auf dem Feuerplatz auf. Es fand sich jemand, der versprach, das Feuer zur rechten Zeit anzuzünden. Gerne hätte ich es selbst gehütet, aber als Mitglied des Now!-Ensembles war es jetzt an der Zeit, unsere Mitternachts-Performance vorzubereiten. Das »Now!-Ensemble« sind die Musiker Beata Seemann, Christine Simon, Klaus Holsten und Johannes Heimrath aus Klein Jasedow, die seit den 70er Jahren zusammen ihre eigene, spontane Musik auf klassischen und elementaren Instrumenten entwickeln. Seit den 90er Jahren ist eine weitere Generation hinzugekommen – ich selbst mit dem Element Bewegung, Tilmann Holsten mit Saxophon und Percussion (leider während des Festivals auf Reisen) und in den letzten Jahren der Gitarrist und Sänger Bob Beeman, der im Klein Jasedower Mehrgenerationenhaus lebt. Thomas Schallmann, der tagsüber den Bewegungs-Platz mitbetreut hatte, sollte als zweiter Bewegungskünstler dabeisein.
Die »Now!«-Musik entsteht aus dem Moment heraus, spielt mit den Menschen und Orten. Wir wollten mit unserer Nacht-Performance die Orte des Festivals miteinander verbinden und begannen am Feuerplatz, um den sich nach dem mitreißenden Dikanda-Konzert um halb zwölf in der Nacht noch gut 150 Menschen geschart hatten. In mehreren Kreisen saßen sie dicht gepackt in freudiges Gespräch vertieft – ein wunderbares, friedliches Bild, das uns Now!-Mitglieder dazu anhielt, noch eine Weile mit dem Beginn der Performance zu warten. Aber irgendwann war es so weit, und aus der Dunkelheit des Seeufers lockte ein Flötenklang. Wer diesem Ruf folgen wollte, verließ das Feuer entlang einer Linie aus Kerzen, die von uns beiden Bewegungskünstlern in der Dunkelheit entzündet wurden. Die Kerzen und die Fackeln eines Feuerspielers waren das einzige Stück »Zivilisation« auf dem Weg den See entlang. Alle waren eingetaucht in das, was wir »Natur« nennen, das »Mehr-als-Menschliche«. In der Dunkelheit ist das viel deutlicher erlebbar als am Tag, wo wir Natur schnell als romantische Kulisse einordnen. Aber in der Nacht unter freiem Himmel gelingt diese Flucht aus der Wirklicheit weit weniger einfach. Die Lichterkette führte vom See die Anhöhe zum Klanghaus hinauf und damit zurück in die zivilisierte Welt, in einen warmen, beleuchteten Konzertsaal, bestückt mit den feinsten Instrumenten der europäischen Kultur  – sogar ein Flügel und ein Cembalo – ebenso wie mit wunderbaren Instrumenten aus anderen Ländern wie Christines indischer Esraj, afrikanischen Wassertrommeln oder den großen Gongs, die Johannes spielt und die im Nachbarort Pulow in der Gongmacherei hergestellt werden. Dieser Weg vom Lagerfeuer in die Wildnis der Dunkelheit hinein in das Klanghaus, das früher einmal ein großer Stall gewesen war, hatte eine eigentümliche Symbolkraft, die sich in dem folgenden Konzert im Klahghaus mit großer Dynamik entladen konnte. Am Schluss der Perfomance lösten wir die Grenze zwischen Publikum und Künstlern auf, gaben vielen Zuhörern ein Klanginstrument in die Hand, und das Konzert endete in einem gemeinsamen, nächtlichen Klang, der alle Welten zu verbinden schien.

Als ich am Sonntag Morgen an den See kam, brannten die Kerzen der Lichterkette zwischen Feuerplatz und Klanghaus in der Morgendämmerung noch immer. Shelley Sacks saß dort unten mit einer kleinen Gruppe am Ufer und hielt ein morgendliches »Erdforum« ab – eine der Interaktonsformen, die sie ihm Rahmen der von ihr entwickelten Sozialen Plastik »University of the Trees« praktiziert. Eine der Erlen am Klein Jasedower See bekam anlässlich des Festivals eine Banderole mit der Aufschrift »University of the Trees«. Sie besagt nichts weiter, als dass dies ein Ort ist, an dem sich Menschen treffen und von den Bäumen lernen können: »Bäume wissen, wie sie Bäume sein können, aber wissen Menschen, wie sie auf eine gute Weise Mensch sein können?« Mit dieser einfachen, aber doch weitreichenden Frage ist eine »University of the Trees« eröffnet und kann mit unterschiedlichsten Formen des Lernens und des Austautschs ausgefüllt werden. Auf der Internetseite www.universityofthetrees.org können die Erfahrungen der verschiedenen Baumunversitäten auf der ganzen Welt geteilt werden. Das passt zu Klein Jasedow.


Am Sonntag Vormittag gingen alle Festival-Gäste an ihren jeweiligen Lieblingsplatz, um dort gemeinsam mit den Platzhüterinnen und Platzhütern etwas vorzubereiten, was sich mit dem gesamten Kreis aller Beteiligter teilen ließe. Mehr als diese Grundstruktur hatten wir für den Sonntag nicht festgelegt und waren doch etwas aufgeregt, ob daraus nicht nur ein großes Durcheinander hervorgehen würde. Doch die Sorge war unbegründet, die Gemeinschafts-Aktion wurde der Höhepunkt des Festivals. Nachdem am Samstag so viel in kleinen Gruppen über das ganze Gelände verteilt stattgefunden hatte, war es jetzt ein Genuss, mit allen in einem mehrschichtigen Kreis zusammenzukommen und die Vielfalt von allen Qualitäten, die sich über das Festival hinweg entfaltet hatten, zu feiern. Da war die Qualtität des Vertrauens, die es bei einer gemeinsamen Tanzimprovisation ganz leicht machte, in Kontakt mit dem Nachbarn zu gehen. Da war die Qualität des Lauschens, als die Musikerinnen und Musiker für den ganzen Kreis ein Konzert improvisierten. Da war schallendes Gelächter, als Szenen des Festivals nachgespielt wurden, natürlich auch das Benutzen eines Kompostklos. Die Geschichtenerzähler hatten für die Schlussrunde eine gemeinsame Erzählung aus der Zukunft entworfen – was im Jahr 2050 seit dem Oya-Festival alles passiert war: Sie wussten zu berichten dass damals der Begriff der »oyanischen Pferde« die Runde machte und sich ein unerwarteter Wandel in allen Lebensbereichen vollzog. Als bildeten sie einen Kontrast zu dieser hellen Zukunftsvision, traten daraufhin zwei rätselhafte Gestalten auf, bekleidet mit Dingen, die sie auf dem Land-Art-Spaziergang gefunden hatte. Eine von ihnen war mit Schilf und Blättern geschmückt, die andere trug den Müll, der in die Landschaft geworfen worden war. Wir leben nicht in einer heilen Welt, aber wir können heilende Orte schaffen, an denen sich das Gefühl davon, was ein »gutes Leben« ausmacht, immer wieder erneuern kann, so wie die Klangbäume von Christina Rode, für die alle in der Runde assoziative Begriffe in den Kreis gaben. Sie kreisten um die Qualität »Heimat«. Nach all dem war es für die Gruppe vom Platz der Vernetzung ein Leichtes, zu einem Spiel aufzufordern, in dem sich Menschenschlangen in immer neuen Formationen und Verbindungen wiederfanden. Der Platz der philosophischen Kammermusik zelebrierte die Form des klassischen Kurzreferats. Als Eingang stellte Silke Helfrich die Leitfrage des vergangenen Tags, die Frage nach dem Raum, in dem gemeinsames Denken möglich wird. Veronika Bennholdt-Thomsen und Hildegard Kurt schlossen daran als Sozialanthropologin und Kulturwissenschaftlerin mit einem inspirierenden Kurzvortrag an. Dass diese Form nahtlos an das vorherige, intuitive Vernetzungsspiel anschließen konnte, machte wie nichts anderes den Reichtum an Ausdrucksformen deutlich, aus denen wir auf der Suche nach Neuland schöpfen können. Wie schwierig es ist, die üblichen Grenzen zwischen diesen Formen zu überwinden, verdeutlichte ein spontaner Ausruf nach Hildegard Kurts Vortrag, der das »Verkopfte« darin beklagte. Hildegard hatte so weich und liebevoll gesprochen, und doch hatte die gewählte Form einen Schmerz ausgelöst bei einem Menschen, der sich durch wissenschaftliche Ausdrucksweise oft als herabgewürdigt erfahren hat, wie er uns später erzählte. Umso wichtiger erschien es daraufhin, beständig am Brückenbau zwischen der so unsinnig getrennten Wirklichkeit der intellektuellen, künstlerischen und praktischen Welten zu arbeiten und die Biodiversität an Sprachen, Methoden und Aktionsformen zu würdigen und zu feiern. Diese Vielfalt war in dem großen Kreis am Sonntag des Festivals in seinem ganzen Potenzial zum Ausdruck gekommen. »Ich nehme weniger viele konkrete Projekte mit als ein Gefühl für eine Kraft, die ich in all meine zukünftigen Vorhaben einbringen kann«, sagte mir eine Festival-Besucherin zum Abschied. Damit es einfach sein würde, sich an diese Kraft zu erinnern, zündete Johannes als kleines Abschlussritual eine Laterne an – ein echtes Ankerlicht, wie es früher auf Schiffen verwendet wurde. Dieses Ankerlicht werden wir bei allen weiteren Festen auf dieser Wiese anzünden, so dass es immer wieder an den gemeinsamen »Ankerpunkt« des ersten Oya-Festivals erinnert. Wir werden bestimmt ein zweites veranstalten. Ob schon im nächsten Jahr, wird demnächst an dieser Stelle und auf www.oya-festival.de zu lesen sein.

Lara Mallien

geschrieben von Lara Mallien
am 06.11.2012

1 Kommentar

von hermann tigges am 26.11.2012

«Ich finde deinen Bericht über den Verlauf des Festivals faszinierend und anregend zugleich. Eine heile Veranstaltung in einer nicht heilen Welt und unbedingt zur Wieder- holung und Nachahmung zu empfehlen, da- mit ein Licht in die Welt gesendet wird ... »


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