Beitrag vom 02.09.2012

Algebra fürs Klima

Bill McKibben (c) Nancie Battaglia

»Ein Artikel macht gerade die Runde durch wenige deutschsprachige Medien. Nach dem Lesen denkt man: Und jetzt? Jetzt also alles wieder auf Katastrophe?«, bloggte eine alarmierte Sibylle Berg jüngst in einem sehr lesenswerten Beitrag auf Spiegel Online. Besagter Artikel von Bill McKibben war auch der Oya-Redaktion aufgefallen. Er erschien uns so relevant, dass wir einen Auszug übersetzt und in der aktuellen Oya in deutscher Erstveröffentlichung abgedruckt haben. Die Essenz dieses wichigen Artikels lautet: Wir müssen uns entscheiden.

Ein Ausbund an figurativer Spruchweisheit aus dem Englischen besagt: »You can’t have your cake and eat it too« – sinngemäß: Hast du einen Kuchen, kannst du ihn entweder auffuttern, oder ihn für schlecht Zeiten aufbewahren, beides gleichzeitig geht nicht. Weder Bob Dylan, der in seinem großartigen Song »Lay Lady Lay«, das »can’t« in ein »can« verkehrte, noch der quantenmechanische »Welle-Teilchen-Dualismus« ändern etwas an der grundsätzlichen Richtigkeit dieses simplen Beispiels Boolescher Algebra.

Was das alles mit Sibylle Berg, mit Bill McKibben und mit Ihnen und mir zu tun hat? In seinem bemerkenswerten Artikel erwähnt McKibben, dass in den Bilanzen der mit fossilen Brennstoffen handelnden Energiekonzernen fossile Brennstoffvorräte im Wert von insgesamt 27 Billionen US-Dollar eingerechnet sind. Technisch betrachtet, befinden sich diese Ressourcen noch unter der Erde – ökonomisch betrachtet, sind sie jedoch bereits verplant und zur Spekulation freigegeben. Das pikante Detail: In diesen Vorräten an an Öl, Kohle und Gas sind 2795 Gigatonnen Kohlendioxid gebunden – das Fünffache der Menge an CO2, die die Menschheit Studien zufolge in den kommenden vier Jahrzehnten ausstoßen darf, ohne den Fortbestand menschlichen Lebens auf der Erde ernsthaft zu gefährden.

Man stelle sich vor: Der Ast, auf dem wir alle sitzen, würde bereits als Feuerholz gehandelt! Doch genau das passiert derzeit mit den als »fossilien Brennstoffen« bezeichneten Teilen der Erde. Um dieses Schicksal zu wenden, dürften bis zum Jahr 2050 lediglich 20 Prozent der bereits in den Unternehmenswerten eingepreisten Energieträger gefördert werden – 80 Prozent müssten unter der Erde bleiben. »Man kann entweder eine gesunde Energiekonzernbilanz oder einen relativ gesunden Planeten haben«, schreibt McKibben. Glaubt da irgendjemand an eine freiwillige Selbstverpflichtung der Industrie?

Was also tun? Bill McKibben setzt seine zaghafte Hoffnung auf die Bildung einer weltweiten ziviligesellschaftlichen Bewegung. Sibylle Berg bringt unseren kollektiven Tanz auf dem Vulkan lakonisch auf den Punkt, indem sie Ihre Kolumne ratlos mit einem Abgang auf den sommerlich warmen Balkon beendet. Und in der druckfrischen Ausgabe 17 von Oya – die als Printerzeugnis, allen heeren Absichten und allen Umweltstandards zum Trotz, Teil einer erdölfressenden Maschinerie ist – erscheint Bill McKibbens Text in der Rubrik »Die Kraft der Vision« unter dem Titel »Algebra fürs Klima«. Lesen Sie und machen Sie sich selbst ein Bild vom globalen Dilemma, das uns früher oder später eine Entscheidung abfordert. Erinnern Sie sich noch? Das Öl, das wir unter der Erde lassen, können Sie nicht in Ihrem Tank haben.

Derweil wühlen wir weiter in den Eingeweiden der Erde, um unsere Gier nach fossilen Brennstoffen zu stillen. Nicht nur in fernen OPEC-Ländern, sondern auch hier, direkt vor unserer Haustür. Und jetzt?! Ab auf den Balkon?

geschrieben von Matthias Fersterer
am 02.09.2012

7 Kommentare

von Jonas am 15.09.2012

«Das Weltrettungs-Spiel ist schon lange aus, es geht nur noch um Schadensbegrenzung, zu viel Erwärmung ist schon in der Pipeline. Eigentlich geht es aber nicht mal mehr um Schadensbegrenzung, sondern nur noch um die Ehrenrettung und die vage Hoffnung, dass die Einsicht doch noch rechtzeitig in die Breite kommt (Vision, Bewegung, usw.) und nicht erst, wenn es auch uns Verursachern auch so richtig kräftig bis tödlich weh tut, d.h. zu spät auch für Schadensbegrenzung. Siehe Buch "2052" von Jorgen Randers (Zitat: "Humanity won't make it" = End of civilization as we know it, mass migration, resource wars, ...). Schade eigentlich? Wer trotzdem nicht aufhören will (wie ich), findet hier sehr gutes Material: http://www.skepticalscience.com . Denn wenn man den reichen Profiteursschichten und uns Normalos etwas wegnehmen will (jawohl, es geht um den ekligen "Verzicht" und um sonst nichts), braucht man wissenschaftliche Antworten auf die unweigerlich folgenden Ausflüchte: "Das Klima hat sich schon früher verändert" (richtig, aber das widerlegt den Klimawandel nicht), "Es ist die Sonne" (Nein), "Es ist nicht so schlimm" (Doch), ... Es ist ein schwerer Schritt sich einzugestehen, dass das schöne Häuschen im Grünen eine Fehlentscheidung war (an meinem Fenster fahren die ganzen Fehlentscheider dann morgens vorbei, in die Stadt und verpesten die Umwelt mit Gestank, Lärm und Klimawandel). Ebenso ist es ein schwerer Schritt, nie mehr in Urlaub zu fliegen (in Worten: nie). Usw. Jeder hat da seine Baustellen, auch ich. Um da nicht ins Moralisieren zu geraten, verwende man am besten CO2-Rechner, z.B. http://eco5.ecospeed.ch/privat/index.html?us=0&ln=0 Schon wieder meine Zeit nutzlos in einen Internet-Kommentar vertan, liest eh keiner. Naja.»

von Matthias Fersterer am 21.09.2012

«Die deutsche Übersetzung des Artikels von Bill McKibben aus Oya 16 ist inzwischen online verfügbar: http://www.oya-online.de/article/read/793-algebra_fuers_klima.html Bitte lesen und weiterverbreiten.»

von Karin am 24.09.2012

«Hallo Jonas, das wird schon gelesen, was du schreibst (und viele andere auch), aber bei dem Wörtchen VERZICHT wird es halt ein bisschen ungemütlich. Ich habe Freundinnen, die sich wie ich für die Transition-Initiative interessieren und zusammen Träumen, Teetrinken und ein bisschen im Garten werkeln klappt schon ganz gut. Aber das gewohnte Leben grundlegend umbauen? Die Heizung runterdrehen??? Da wird es schwierig. Ich bin die einzige, bei der die Heizung noch garnicht läuft. Wir wollen sie erst anstellen, wenn die Temperaturen draussen dauerhaft unter 10 Grad bleiben und erstaunlich aber wahr: dabei leiden wir garnicht! Endlich haben die selbstgestrickten Socken und die schönen Pullover einen Sinn! Verzicht mit Freude, besser geht's nicht. Natürlich habe aber auch ich eine Menge Baustellen und nicht immer ist es so leicht "freudig" zu verzichten. Es ist aber ein tolles Thema, beim nächsten Treffen werde ich vorschlagen den Begriff "Verzicht" positiv zu besetzen. Danke für die Anregung!»

von Horst am 24.09.2012

«Die erste Stufe nach dem Motto: "Ich gehe über den Markt und freue mich über all die Dinge, die ich nicht brauche. " KAY ROMHARDT Initiator des Netzwerkes Achtsame Wirtschaft (Deutschlandfunk 22.10.10) »

von Jonas am 01.10.2012

«@Karin: danke für die Aufmunterung. Zu Transition und den Socken ein Link: http://www.transition-initiativen.de/group/wiedererlernenalterfhigkeitenreskilling/forum/topics/leben-mit-wenig-heizung »

von Jan Herrmannsen am 24.10.2012

«Die von Horst beschriebene erste Stufe erlebe ich tatsächlich auch seit einiger Zeit in mir gedeihen - und wenn man in dieser Stufe geduldig mit sich und anderen aufwachenden Menschen ist, kann man sich über die kleinen Errungenschaften mehr freuen als sich für noch nicht Erreichtes "an den Pranger zu stellen". Der Weg wird so oder so immer klarer - die (Rück)Besinnung auf das Wesentliche (was wiederum eine positive und treffendere Beschreibung ist als "Verzicht")! Es erfüllt mich zunehmend mit Enthusiasmus, wenn ich in mir spüre, dass ein Loslassen von ablenkenkendem Konsum mich bereichert und Platz schafft für (Er)leben und Selbstverwirklichung. Die Kehrseite dieser neuen (uralten) Sichtweise ist das Erkennen, wie sehr und zunehmend die Menschen auch in meiner nächsten Umgebung abhängig sind von modernen materiellen Gütern und wie gnadenlos die Kinder und Jugendlichen massenweise in technische Totalablenkung und Fremdwelten abdriften - aber irgendwie gehört auch das zum Weg des Erkennens! Wir kommen aus der Mitte, gehen bis zum äußersten Rand des Kreises und dann mit gewachsenem Bewusstsein zurück zur Mitte... Trotzdem: McKibbens Zahlen machen mich schon wütend und nervös!»

von Rainer Kitza am 06.11.2012

«Wenn ich Berichte wie den von Bill MCKibben lesen, werde ich auch zornig, frustriert, depressiv u.ä. Dann kann ich mir kaum vorstellen, dass wir den Kuchen unter der Erde oder wo auch immer lassen. Schaue ich dann allerdings in eine andere Richtung, nämlich dorthin wo der Wandel passiert, dann kommen andere Gefühle auf. Ich werde hoffnungsvoll, inspiriert, bekomme Mut. Und es gibt viele Beispiele. Am Wochenende hab ich im Schloss Tempelhof am Symposium "Begeistert lernen und gemeinsam wirken" teilgenommen. Der kraftvolle Geist des Wandels war generationsübergreifend sehr stark, und er wird auch umgesetzt. Was mir allerdings immer wieder auffällt, sowohl im alten als auch im neuen Umfeld, ist die begrenzte Bereitschaft innezuhalten, zu fühlen, still zu sein und die Ohnmacht, den Zorn und was auch immer aufsteigt, auszuhalten ohne diese Gefühle sofort wieder wegzuagieren. Und einfach schauen was dann passiert. Welche Impulse und Einsichten etnstehen. Hat uns nicht der Aktionismus, dieses Wegmachen müssen, genau an diesen Punkt geführt, an dem wir sind? Ein anderer Aspekt, der mich nachdenklich macht ist, dass das Thema freie Energie, Raum- oder Nullpunktenergie, in der "aktiven Szene" kaum Beachtung findet. Und oft sogar vehement abgelehnt wird. Auch in der OYA hab ich bisher noch nichts in der Richtung gelesen. Mir kommt es vor, als sollte eine gewisse Seriösität und Glaubwürdigkeit aufrecht erhalten werden. Sicher, das Thema ist kontrovers und es gibt viel Wunschdenken in diesem Feld. Andererseits scheint mir die kollektive Trance gerade dort auch perfekt zu funktionieren. "Es kann nicht sein, was nicht sein darf." Forscher wie Prof. Claus Turtur und Prof. Konstantin Meyl werden bestenfalls belächelt und ignoriert. Aber liegt nicht gerade in diesem Gebiet die Chance eine radikale Veränderung auf allen Ebenen in ziemlich kurzer Zeit zu bewirken. Das Paradigma des Mangels, mit dem wir bei der Stange gehalten werden, würde ziemlich sich schnell auflösen. Und wenn das Thema mehr in das Licht der öffentlichkeit gerückt wird, kann da auch viel passieren. Forschung kann fortgeführt werden, Technologien, die auf Laborebene funktionieren, können serienreif gemacht werden, etc. Da taucht bei mir die Frage auf, ob unser kollektives Bewußtsein vielleicht noch nicht reif dafür ist. Viele Fragen, nur ein paar Antworten. Und das ist vielleicht auch gut so, fällt mir doch dazu Rainer Maria Rilke ein: "Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages, in die Antwort hinein. "»


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