Beitrag vom 24.08.2012

Rächer der Entrechteten und Friedensutopist

CC: comcinco / flikr.com
commons.wikimedia.org

In der aktuellen Ausgabe des Newsletters des beachtenswerten Hamburger Verlags Edition Nautilus (siehe Interview mit Verleger Lutz Schulenburg in Oya 12) wurde ich auf eine ganz besondere Geschichte aus Spanien aufmerksam: »Juan Manuel Sánchez Gordillo, ›anarchistischer Bürgermeister‹ des andalusischen Dorfes Marinaleda, ergreift Partei gegen die ungerechte Verteilung der Krise und verteidigt eine Protestaktion, bei der Familien ihre vollen Einkaufswagen an den Supermarktkassen vorbeischoben, ohne zu bezahlen«, heißt es darin. Es gehe darum, auf die Armut im Land aufmerksam zu machen, erklärte der Bürgermeister gestern in einem Bericht im Deutschlandfunk.

Der moderne Robin Hood mit dem notorischen Palästinensertuch sitzt für die sozialistische Partei »Izquierda Unida« (Vereinigte Linke) im andalusischen Regionalparlament. Seit mehr als drei Jahrzehnten ist Sánchez Gordillo (60) Bürgermeister von Marinaleda. Nach dem Ende des Francoregimes baute der kämpferische Anarchist und visionäre Träumer in der Nähe von Sevilla ein selbstverwaltetes Städtchen mit einer Gemüsekooperative und Wohnungsbaugenossenschaft auf. Bisher entstanden dort 350 Wohnhäuser, die für einen symbolischen Preis gepachtet, jedoch nicht verkauft werden dürfen. In Marinaleda gibt es Vollbeschäftigung. Fast jeder arbeitet für gleichen Lohn in der Kooperative, das Land ist im Gemenschaftsbesitz. Marinaleda hat keine Polizei, und die Straßenreinigung wird alle paar Wochen von den Einwohnern in freiwilligen Aktionen übernommen. Sánchez Gordillo bezeichnet sein Städtchen als »Friedensutopie«.

Ebenso wie der sagenumwobene Rächer der Witwen und Weisen lebt auch Sánchez Gordillo nicht ungefährlich: Er hat sieben Gefängnisstrafen abgesessen und überlebte zwei Anschläge, einen von einem Rechtsextremisten und einen von einem amoklaufenden Polizisten. Am 16. August begab sich Sánchez Gordillo auf dreiwöchigen Protestmarsch in Richtung Madrid, um gegen das Sparprogramm der Regierung zu demonstrieren. Auf dem Weg will er Banken besetzen und Lokalverwaltungen zum Ausstieg aus Sparmaßnahmen bewegen.

Mehr über das utopische Städtchen und seinen Bürgermeister ist in dem soeben auf Deutsch in der Edition Nautilus erschienen Buch »Pfade durch Utopia« von Isabelle Fremaux und John Jordan und dem auf DVD beiliegenden Dokumentarfilm zu erfahren. Buch und Film beleuchten utopische Gemeinschaftsprojekte in Europa, darunter ein Londonder Klimacamp, besetzte Fabriken in Serbien, die dänische Freistadt Christiania und die Lebensgemeinschaft ZEGG in Bad Belzig. John Jordan und Isabelle Fremeaux befinden sich derzeit mit Buch und Film auf Deutschland-Tournee.

geschrieben von Matthias Fersterer
am 24.08.2012

1 Kommentar

von Matthias Fersterer am 20.09.2012

«Nachtrag: Ausgerechnet die Financial Times Deutschland brachte vor kurzem ein spannendes und aufschlussreiches Interview mit dem Autor, Filmemacher und Aktivisten John Jordan unter dem Titel »Der Kapitalismus endet in der Kommune«. Sehr lesenswert! http://www.ftd.de/panorama/vermischtes/:interview-mit-politaktivist-john-jordan-der-kapitalismus-endet-in-der-kommune/70090653.html»


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